Drei von zehn Firmen kündigen einen Jobabbau an

Die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative ist den Chefs zu aufwendig.

Das Urteil der Chefs über die Variante der Ständeratskommission fällt deutlich aus: nicht akzeptabel. Illustration: Kornel Stadler

Das Urteil der Chefs über die Variante der Ständeratskommission fällt deutlich aus: nicht akzeptabel. Illustration: Kornel Stadler

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Terroranschläge in den Nachbarländern, der Brexit-Entscheid in Grossbritannien und die Wahl des Republikaners Donald Trump sorgten zuletzt für Verunsicherung in den Chefetagen. Als grösste Gefahr für die Schweizer Wirtschaft erachten die Lenker der Unternehmen hierzulande jedoch ein hausgemachtes Problem: die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative.

Während Arbeitgeberverband und Economiesuisse sich nach dem Abschluss der Parlamentsdebatte hinter die beschlossene EU-kompatible Lösung stellen, droht in den Betrieben der Verlust von Arbeitsplätzen. 14 Prozent der Chefs gaben im Rahmen der jährlichen Managerumfrage an, einen Stellenabbau oder eine Verlagerung ins Ausland ins Auge zu fassen, sollte die vom Nationalrat vorgeschlagene «Inländervorrang light»-Variante bei der Umsetzung zum Tragen kommen. Im Fall der verschärften Version, die von der Ständeratskommission befürwortet wurde, sind es gar 29 Prozent. Zwei Drittel der Befragten gingen nicht von negativen Konsequenzen für ihr Unternehmen aus. Die Umfrage wurde kurz vor der Schlussabstimmung im Parlament durchgeführt.

Keinen Nutzen, dafür grosse Belastung

Die Zahlen beunruhigen, denn die Version, auf die sich die Parlamentarier kurz vor Weihnachten einigten, entspricht eher der verschärften Variante: In Regionen und Berufsgruppen mit überdurchschnittlicher Arbeitslosigkeit müssen Unternehmen frei werdende Stellen zunächst den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren melden. Diese schlagen geeignete Bewerber vor, welche die Unternehmen zu Bewerbungsgesprächen einladen müssen. Anders als ursprünglich von der Ständeratskommission vorgesehen, besteht aber keine Pflicht, eine Ablehnung zu begründen. Dies war ein entscheidender Kritikpunkt der Wirtschaft. Das Urteil der Chefs über die Variante der Ständeratskommission fällt deutlich aus: nicht akzeptabel, da sie den Aufwand bei der Personalsuche erhöht, so die Einschätzung von gut der Hälfte (51 Prozent) der befragten Firmenlenker. Nur knapp 40 Prozent bewerten die Variante als akzeptabel, 10 Prozent enthielten sich.

Grösste Risiken für die Schweizer Wirtschaft Grafik vergrössern

Infrage stellen die Chefs unter anderem die Wirksamkeit. Die Variante erhöhe den Verwaltungsaufwand, ihr fehle jedoch die positive Wirkung, merkt ein Umfrageteilnehmer an. Der höhere Aufwand habe einen negativen Einfluss auf die Standortattraktivität, schreibt ein weiterer CEO. Ein dritter warnt davor, dass die Summe der Regulierungen die Unternehmen lähmen dürfte und von produktiven Leistungen abhalten werde.

Entscheidend wird die Ausarbeitung auf Verordnungsstufe werden, in die sich die Wirtschaftsverbände einbringen wollen. Denn vieles ist noch unklar – etwa, wie genau ein geeigneter Bewerber definiert wird oder wie hoch die Schwellen für eine Meldepflicht in den einzelnen Berufsgruppen liegen. Die Personenfreizügigkeit hat für die Firmen weiterhin oberste Priorität: 57 Prozent bezeichnen die Personenfreizügigkeit als «sehr wichtig», weitere 29 Prozent als «eher wichtig». Nur zwei Prozent der Befragten wiesen ihr gar keine Bedeutung zu.

Chefs unterstützen die Rasa-Initiative

Fast schon konsequent ist eine breite Unterstützung der Firmenchefs für die Initiative «Raus aus der Sackgasse» (Rasa). Die Initiative verlangt, dass der zum Verfassungsrecht gewordene Text der SVP-Zuwanderungsinitiative gestrichen wird, sprich das Ergebnis der Abstimmung vom 9. Februar 2014 nichtig wird. Auf die Frage, ob sie die Initiative unterstützten, antworten 20 Prozent der Chefs mit «ja», weitere 35 Prozent mit «eher ja». Klar abgelehnt wird die Initiative von 25 Prozent, 14 Prozent antworten mit «eher nein». Zum Zeitpunkt der Umfrage hatte der Bundesrat noch keine konkreten Gegenvorschläge zur Rasa-Initiative vorgelegt.

Mit ein Grund für die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative war der vielfach vorherrschende Eindruck, die Wirtschaft bemühe sich nicht ausreichend um das Potenzial inländischer Arbeitskräfte. Aus der Umfrage geht hervor, dass die Manager noch mehr Chancen für Rekrutierung im eigenen Land sehen, wenngleich viele betonen, dass die Fähigkeiten der Bewerber bei der Einstellung die wichtigste Rolle spielen sollten.

Gute Zeugnisse für sich selbst

Was bisherige Massnahmen angeht, stellen sie sich weitgehend gute Zeugnisse aus. Insbesondere bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie setzen viele Unternehmen an: Rund 80 Prozent bieten Teilzeitpensen auf Kaderstufe, 67 Prozent bieten flexible Arbeitszeitmodelle. Beim Thema Kinderbetreuung bleibt das Engagement hingegen auf niedrigem Niveau. Betriebsinterne Kindertagesstätten sind die Ausnahme, sie werden nur in 18 Prozent der befragten Unternehmen angeboten.

Zweites grosses Thema: die Förderung älterer Mitarbeiter. So betont etwa Novartis-Chef Joseph Jimenez den Wert generationsübergreifender Zusammenarbeit, dem Zusammenspiel der Erfahrung älterer Mitarbeiter mit dem neuesten Fachwissen ihrer jüngeren Kollegen. Auch Swiss-Life-Chef Patrick Frost sagt: «Wenn es uns gelingt, unsere erfahrenen Mitarbeitenden länger im Unternehmen zu halten, profitieren wir alle davon.»

Über die Hälfte der Befragten gibt an, pensionierte Mitarbeiter für einzelne Projekte weiterzubeschäftigen, und immerhin 43 Prozent praktizieren Teilzeitmodelle über das Pensionsalter hinaus. Der Wermutstropfen: Nur 35 Prozent der Firmen verzichten bereits auf zwangsweise Frühpensionierungen. Dennoch gehen die Chefs davon aus, dass das Rentenalter 65 kaum zu halten sein wird. Für das Jahr 2035 halten knapp 60 Prozent ein Rentenalter von 67 für realistisch, knapp 30 Prozent gehen gar davon aus, dass Arbeitnehmer dann erst mit 70 in Pension gehen. Mitarbeit: Luisa Gianolini (SonntagsZeitung)

Erstellt: 31.12.2016, 22:57 Uhr

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