Der Name der Mutter bleibt geheim

Um Schwangere und Mütter in Not besser zu schützen, setzt der Bundesrat auf die vertrauliche Geburt.

Nicht immer wollen Frauen ihre Identität bei der Geburt preisgeben: Ein Neugeborenes im Zürcher Stadtspital Triemli. Foto: Gaetan Bally

Nicht immer wollen Frauen ihre Identität bei der Geburt preisgeben: Ein Neugeborenes im Zürcher Stadtspital Triemli. Foto: Gaetan Bally

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Ein Neugeborenes stirbt auf den Fliesen eines Badezimmers, zwischen Duschwanne und Toilette. Seine 19-jährige Mutter liegt geschwächt daneben, so finden sie ihre Eltern, bei denen die junge Frau zu Besuch ist. Die 19-Jährige stirbt keinen Tag später im Spital. Niemand will von der Schwangerschaft gewusst haben – weshalb ist unklar. Ebenso offen bleibt die Frage, ob sich die 19-Jährige bewusst war, dass sie ein Kind erwartet. Das Familiendrama trug sich vor wenigen Wochen in Berlin zu.

Roland Zimmermann, Direktor der Klinik für Geburtshilfe des Zürcher Universitätsspitals (USZ), hat Erfahrung mit Frauen, die von ihrer Schwangerschaft nichts bemerkt haben wollen oder sie verheimlichen müssen. Sie suchen die Notaufnahme des USZ auf und klagen über Bauchschmerzen. «Und erst im Zuge der Untersuchung stellen die Ärzte jeweils fest, dass die Patientin schwanger ist.» Diese gebe das Kind oftmals zur Adoption frei und verlasse das Spital sehr schnell wieder. Zimmermann vermutet, dass diese Frauen die ungewollte Schwangerschaft monatelang verdrängen, weil sie sich damit grosse Schwierigkeiten einhandeln würden. «Wir müssen davon ausgehen, dass niemand davon wissen durfte und die Patientinnen ihren Spitalaufenthalt auch in ihrem Umfeld mit Bauchweh begründen», sagt Zimmermann.

Zivilstandsbehörden: Niederkunft nicht mehr melden

Mit Schwangeren in solchen Notlagen hat sich kürzlich der Bundesrat eingehend befasst – aufgrund eines Postulates von Nationalrätin Liliane Maury Pasquier (GE). Die Hebamme aus den Reihen der SP forderte – angesichts der Zunahme der Anzahl Babyklappen in der Schweiz – einen Vergleich dieser Einrichtung mit anderen Massnahmen zur Unterstützung von Schwangeren in Not.

Nun hat der Bundesrat in einem Bericht auf die sogenannte vertrauliche Geburt als Alternative hingewiesen. Dabei hält das Spitalpersonal die Identität einer Schwangeren unter Verschluss, damit sie vor, während und nach der Geburt medizinische Versorgung in Anspruch nehmen kann. Im umfangreichen Papier ortet der Bund Optimierungsbedarf beim Schutz von Mutter und Kind. Er hat deshalb ein neues Informationsverfahren angeordnet: Übermittelt ein Spital – wie es das Gesetz vorschreibt – eine Niederkunft den Zivilstandsbehörden und versieht das Dossier mit dem Vermerk «vertrauliche Geburt», müssen diese künftig von einer automatischen Mitteilung an die Einwohnerkontrolle oder das Staatssekretariat für Migration absehen.

Roland Zimmermann ist überzeugt, dass die Order von Bundesbern Frauen in Not besser schützt und für die Spitäler umsetzbar ist. Zumal diese Fälle nicht an der Tagesordnung seien: Im USZ erblickten in den letzten fünf Jahren fast 3000 Kinder das Licht der Welt, einige wenige waren vertrauliche Geburten. Bei diesen seltenen Ereignissen führt das USZ die Schwangeren unter einem fiktiven Namen oder gar nur einer Nummer. Der richtige Name ist hinterlegt und für einen kleinen Personenkreis einsehbar. «Bei einer gefährdeten Frau, die bei uns nicht gesehen werden darf, legen wir die Untersuchungstermine in den Abend oder schleusen sie durch einen Hintereingang in unsere Klinik.»

Auch andere grosse Schweizer Spitäler – etwa in Genf, Lausanne oder Frauenfeld – bieten die vertrauliche Geburt an. Es mangelt laut Zimmermann deshalb nicht am Angebot für Frauen in Notlagen. «Schwieriger ist es indes, Betroffene wissen zu lassen, dass die Möglichkeit einer vertraulichen Geburt besteht.» Besonders Randständige, Sans-Papiers oder Migrantinnen seien eine schwer zu erreichende Zielgruppe. «Wie sich herausstellt, wären die sozialen Netzwerke ein geeigneter Kanal, aber auch die verschiedenen Beratungsstellen sind in dieser Hinsicht gefordert.» Wie Recherchen zeigen, kennt oft nicht einmal deren Personal diese Option. So auch bei der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration in Zürich (FIZ), einer Anlaufstelle für gewaltbetroffene Migrantinnen – darunter vereinzelt auch Schwangere in Not. Vielen FIZ-Mitarbeiterinnen ist die vertrauliche Geburt nicht bekannt. «Sie verweisen Frauen, die sich in prekären Situationen befinden, an die Anlaufstellen für Konfliktschwangerschaften in den Spitälern», sagt Sprecherin Rebecca Angelini. Das mangelnde Wissen um die vertrauliche Geburt beschäftigt auch die Kantonsparlamente, wie etwa das Protokoll der Baselbieter Landratssitzung vom 24. September 2015 zeigt: «Dass es die vertrauliche Geburt in dieser Form gibt, war vielen Kommissionsmitgliedern nicht bekannt.» Das zeige, dass wenig Aufklärungsarbeit geleistet worden sei.

Die Baselbieter schauen nun über die Kantonsgrenzen hinweg, um nachzubessern. «Wir wollen die Öffentlichkeit zum Thema diskrete Geburt informieren und sensibilisieren. Eine der angedachten Massnahmen ist das Angebot online breiter bekannt zu machen», sagt Rolf Wirz, Sprecher der Baselbieter Gesundheitsdirektion.

Westschweiz erschwert Nachforschungen gezielt

Der Bund attestiert hinsichtlich der Gesetzgebung vor allem den Thurgauern eine Vorreiterrolle. Sie haben vor einem Jahr im Gesetz über das Gesundheitswesen die vertrauliche Geburt verankert und geregelt.

Die Westschweizer gehen nach der Niederkunft einen Schritt weiter als viele Kantone, um eine Mutter nach einer vertraulichen Geburt besser zu schützen: Weil es mit dem Internet heute einfacher ist, die Identität der leiblichen Mutter herauszufinden, wird etwa ein kleiner Neuenburger absichtlich in einem anderen Westschweizer Kanton oder im Tessin zur Adoption freigegeben. (SonntagsZeitung)

(Erstellt: 25.12.2016, 11:59 Uhr)

Die vertrauliche Geburt

May Piaget vom Genfer Jugendamt schätzt, dass es in der Schweiz jährlich zwischen 15 und 25 vertrauliche Geburten gibt. Dabei kann sich die werdende Mutter bereits während der Schwangerschaft medizinisch begleiten lassen und wird im Spital entbunden. Zwar gibt sie ihre Personalien bekannt, der Spital hält diese aber unter Verschluss. Demnach stellen die Mitarbeiter keine externen Anrufe durch und erteilen keinerlei Auskünfte über die Patientin. Nach der Niederkunft meldet das Spital die Geburt wie vorgeschrieben den Zivilstandesbehörden. Diese verzichten neuerdings auf eine automatische Weiterleitung dieser Information an die Einwohnerkontrollen der Wohngemeinde der Mutter oder bei asylsuchenden Frauen an das Staatsekretariat für Migration. Im Gegensatz zur vertraulichen oder diskreten ist die anonyme Geburt in der Schweiz verboten. Bei dieser bringt die Mutter ihr Kind zur Welt, ohne ihre Identität bekanntzugeben. (pia)

Babyklappen in der Schweiz

In der Schweiz entstand das erste Babyfenster 2001 in Einsiedeln SZ. Dem Beispiel folgten Spitäler in Bern, Olten SO, Davos GR, Bellinzona, Zollikon ZH und Basel. Das jüngste und achte Babyfenster betreibt seit Jahresbeginn das Spital in Sitten. Laut Informationen der Stiftung Schweizerische Hilfe für Mutter und Kind (SHMK) sind in den letzten 15 Jahren 18 Babys in Babyklappen abgelegt worden. Alleine im auslaufenden Jahr waren es zwei: Im August lag im Lindenhofspital Bern ein neugeborenes Mädchen im Babyfenster. Es war am Tag zuvor geboren worden und wohlauf. Im Juli wurde im Spital Einsiedeln ein gesundes Mädchen abgelegt, es war noch keinen Tag alt. Das Kantonsspital Luzern verfügt zwar nicht über ein Babyfenster, trotzdem fand das Personal in der Nacht des 31. März ein Mädchen vor dem Gebäudeeingang.
Dominik Müggler, Stiftungsratspräsident von SHMK, ist überzeugt, dass es die umstrittenen Babyfenster braucht – als Möglichkeit «für Frauen, die wirklich anonym bleiben wollen oder müssen». Noch gebe es Regionen ohne Babyfenster, etwa die Westschweiz. Er rechnet deshalb damit, dass das eine oder andere Fenster hinzukommen wird. Politische Bestrebungen dafür gab es jüngst an verschiedenen Orten – allerdings ohne Erfolg: Im Kanton Baselland fand ein politischer Vorstoss für eine Babyklappe im Kantonsspital beim Landrat kein Gehör. Auch im Thurgau scheiterten Initianten mit einem entsprechenden Anliegen.
Für Roland Zimmermann, Chef der Geburtsklinik des Universitätsspitals Zürich, sind Babyfenster «Werbegags von Kliniken» und aus medizinischer Sicht keine valable Option. «Mütter, die ihre Säuglinge dort ablegen, gebären im Versteckten.» Das gesundheitliche Risiko, das sie dabei eingingen, sei nicht vertretbar.Krankenhäuser, die eine Babyklappe anbieten, sehen sich nicht nur mit einer ethischen Debatte, sondern auch mit rechtlichen Diskussionen konfrontiert. Legt eine Mutter ihr Neugeborenes in ein Babyfenster, steigen zwar die Überlebenschancen des Säuglings markant. Weil die Eltern aber völlig unbekannt bleiben, wird sein Recht auf Kenntnis seiner eigenen Abstammung verletzt. Dieses lässt sich nicht nur aus der Bundesverfassung ableiten, sondern ist auch in der Europäischen Menschenrechtskonvetion verankert. Die Abgabe eines Kindes in einer Babyklappe befindet sich daher in einer rechtlichen Grauzone - anders als das Aussetzen eines Kindes, das strafbar ist. (pia)

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