Rundum gesund

Nicht jeder Übergewichtige erkrankt an Diabetes oder weist einen zu hohen Blutdruck auf. Doch wer ist gesund dick?

Gesunder Stoffwechsel: Entscheidend ist, wo der Körper das Fett anlegt. Foto: Getty Images

Gesunder Stoffwechsel: Entscheidend ist, wo der Körper das Fett anlegt. Foto: Getty Images

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Ihr Hausarzt hatte meist in Andeutungen gesprochen. Sie sei ja gesund, aber mit dem Blutzucker müsse sie aufpassen. Mit 86 Kilo bei 1,60 Meter Körpergrösse ist Gudrun Padros aus Berlin nicht die Schlankeste. Das weiss sie selbst. Und weil sie seit ihrem Ruhestand noch einmal zehn Kilo zugelegt hat, macht sie sich Sorgen. Im Internet erledigt die 69-Jährige den Diabetesrisikotest des Deutschen Instituts für Ernährung in Potsdam-Rehbrücke. 55 Punkte erzielt sie. «Ihr Diabetesrisiko ist hoch», meldet der Computer.

Beunruhigt wendet sie sich im Sommer 2016 für eine Studie an den Ernährungsforscher Stefan Kabisch an der Berliner Charité. Im Zuckerbelastungstest fällt Padros jedoch nicht aus dem Rahmen. Mit 38 Prozent Körperfett hat sie zwar mehr Speck als normalgewichtige Personen ihres Alters. Aber weder Bluthochdruck noch schlechte Blutwerte oder Diabetes mellitus kann Kabisch entdecken. «Sie sind einfach ein bisschen runder als ­andere, aber gesund», sagt er. Die Forscher sind momentan regelrecht fasziniert von jenen dicken Menschen, die keinerlei Krankheiten haben. Sie nennen diese «metabollically healthy obese (MHO)» oder auf Deutsch: «Dicke mit gesundem Stoffwechsel». Sie bekommen keinen Diabetes, keine Herzinfarkte oder Schlaganfälle wie andere Übergewichtige.

Stoffwechsel bewältigt grosse Mengen Zucker

Padros ist eine dieser rätselhaften Dicken. Sie scheint jene Forscher Lügen zu strafen, die Dickleibigkeit per se als Krankheit ansehen. Mit ihrer blossen Existenz stellen die gesunden Dicken infrage, ob es angemessen ist, Übergewichtigen Diäten und Appetitzügler zu verordnen oder gar operativ deren Magen zu verkleinern. Doch wer ist gesund dick und weshalb?

In der grössten landesweiten Gesundheitserhebung der USA, dem National Health and Nutrition Examination Survey, beschrieben Forscher 2008 zum ersten Mal eine grosse Gruppe von Personen – 31,7 Prozent –, die zwar übergewichtig sind, aber gesund. Sie hatten keinen hohen Blutdruck und keine auffälligen Blutfett- oder Cholesterinwerte. Im Belastungstest konnte ihr Stoffwechsel grosse Mengen Zucker bewältigen wie Gesunde auch. Im Blut sahen die Ärzte auch keinen Hinweis auf eine Entzündung oder eine anormale Insulinausschüttung.

Je nach Studie zeigen zwischen 3 bis über 50 Prozent der Dicken keine Anzeichen von oder Vorboten für Krankheiten. «Das ­Problem ist, dass es keinen Konsens für die Definition der MHO gibt», warnt der Sozialmediziner Pedro-­Manuel Marques-Vidal von der Universität Lausanne. Er konnte anhand der Daten von etwas mehr als 5000 Personen zeigen, dass je nach Kriterien mal mehr, mal weniger Menschen zu den gesunden Dicken zählen. Legte er einen zu hohen Körperfettanteil zugrunde, bei Männern mehr als 25 und bei Frauen mehr als 30 Prozent, waren mehr Personen gesund und dick, als wenn er einen Body-Mass-Index von über 30 als Limit wählte. Marques-Vidal hält deshalb nichts von einer Entwarnung für gesunde Dicke: «Sobald man nur streng genug schaut, bleiben nur ganz wenige Übergewichtige übrig.» Und wenn man die vermeintlich gesunden Dicken über die Lebensspanne verfolge, schrumpfe die Gruppe weiter, weil immer mehr Personen nach und nach krank würden. «Übergewicht ist eine tickende Zeitbombe wie das Rauchen auch. Es braucht nur Zeit, bis es wirkt», sagt Marques-Vidal.

Ein paar Kilo mehr im Alter schaden nicht

Etliche Forscher wollen jedoch nicht so hart mit den Beleibten ins Gericht gehen und lesen die ak­tuellen Studien anders. Neben Stefan Kabisch von der Charité und seinem Chef Andreas Pfeiffer gehört auch der Ernährungsforscher Michael Ristow von der ETH Zürich dazu: «Gerade im Alter sind einige Kilo mehr auf den Rippen nicht von Nachteil, das zeigen all unsere Daten. Bis zu einem Body-Mass-Index von 27, das wären für Gudrun Padros immerhin rund 70 Kilogramm, würde ich nicht zum Abnehmen raten.» Übergewicht alleine sei keine Krankheit.

Ungeachtet der Kontroverse macht die Entdeckung der gesunden Dicken eines klar: Fett ist nicht gleich Fett. Die Zellen können krank machen oder nützliche Energiespeicher sein. Ein Schlüssel dafür ist, wo der Speck sitzt. Je nach Ort produzieren die Fettzellen Hormone wie etwa Adiponektin, das sogar vor Diabetes schützt. Je mehr Speck etwa am Bauch vorkommt, umso weniger Adiponektin zirkuliert im Blut. Dafür tauchen mehr und mehr Entzündungs­stoffe auf. Sie erhöhen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und die Zuckerkrankheit. Deshalb tragen gesunde Dicke wie Padros die überschüssigen Kilos eher an den Hüften und den Beinen. «Der Rubenstyp ist weniger gefährdet, krank zu werden», sagt auch Stefan Kabisch.

Weil diese Körperfettverteilung in Italien häufiger zu finden ist, könnte das erklären, weshalb der Anteil an gesunden Dicken dort vergleichsweise hoch ist – einer Studie zufolge selbst mit den strengsten Kriterien bei über 20 Prozent. Da Männer begünstigt durch das männliche Hormon Testosteron eher am Bauch zulegen und zum ungünstigen «Apfel»-Fettverteilungstyp neigen, sind sie dagegen seltener unter den gesunden Dicken zu finden.

Gesunde Dicke sind häufig sportlich aktiv

Kürzlich identifizierten dänische Forscher zudem drei Gene, die eine Rolle spielen könnten, ob ein Übergewichtiger gesund ist oder nicht. Die Gene beeinflussen demnach, wo der Körper die Fettreserven anlegt. Bei den gesunden Dicken war das Fettgewebe am Körper gleichmässig verteilt. Bei den Dicken mit schlechten Blutwerten gingen mehr Fettzellen in den Blutkreislauf über.

Noch ein anderer Faktor ist entscheidend, den auch Kritiker Marques-Vidal nicht bestreiten kann: Die gesunden Dicken sind, verglichen mit den kranken Dicken, häufiger sportlich aktiv. Marques-Vidal fallen die Olympioniken im Wrestling und Kugelstossen ein, die nicht nur wegen grosser Muskelpakete als übergewichtig gelten müssen. «Ich bin in einem Fitnessstudio angemeldet, gehe aber nicht regelmässig», sagt Padros. «Wenn ich einkaufen gehe, wähle ich immer einen flotten Schritt.» Trotzdem schaut sie verdutzt, als Kabisch ihr mitteilt, dass sie nicht abnehmen brauche. Denn ihr Fett produziere Östrogen, das sie nach den Wechseljahren benötigt. Es hilft gegen den Alterungsprozess und lässt die Haut jünger aussehen. «Und wenn Sie stürzen, schützt der Speck auf den Hüften vor Brüchen.» Padros lacht verlegen und meint. «Aber wirklich zufrieden bin ich mit meiner Figur nicht – sechs Kilo müssen weg.» (SonntagsZeitung)

Erstellt: 31.12.2016, 22:03 Uhr

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