Wo die Milch noch mehr wert ist

Milchbauern leiden unter tiefen Preisen. Im Land des Greyerzers trotzen sie der Krise bis jetzt besser als anderswo. Dank dem gefragten Käse können sie dem Preisdruck standhalten. Der Verdienst bröckelt aber auch bei ihnen.

Der Freiburger Bauer André Linder liefert die Milch seiner Kühe an eine Käserei, die Greyerzerkäse daraus macht. Deshalb ist seine Milch noch etwas wert.

Der Freiburger Bauer André Linder liefert die Milch seiner Kühe an eine Käserei, die Greyerzerkäse daraus macht. Deshalb ist seine Milch noch etwas wert. Bild: Christian Pfander

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Im Supermarkt sind viele Frischmilchprodukte gegenüber vor einem Jahr billiger. Bei den Bauern hat dies ein Loch in die Kasse gerissen. Sie erhielten 2015 10,6 Prozent weniger für die Milch ihrer Kühe. Und in diesem Jahr wird es nicht besser, die Preise sinken weiter. Nun warnen die Bauernorganisationen, das Milchland Schweiz sei in Gefahr.

Guter Rat ist teuer. Obwohl sich die Milchbauern vorgenommen hatten, weniger Milch zu produzieren, hielten sich längst nicht alle daran. Gegenüber dem Rekordjahr 2014, in dem so viel Milch wie noch nie gemolken wurde, sank die Milchmenge 2015 nur marginal.

Greyerzer-Bauern halten Mass

Anders bei jenen Bauern, die ihre Milch in Greyerzer-Käsereien liefern. Sie reduzierten ihre Milchmenge um 3 Prozent. An­dré Linder aus dem freiburgischen Heitenried ist einer davon. Die rund 2200 Greyerzer-Bauern erhalten im Gegenzug dafür einen Preis für ihre Milch, von dem die meisten der heute noch 21 765 Milchbauern nur träumen können. «Netto sind das etwa 82 Rappen pro Liter», sagt Linder.

Dafür darf er jährlich nicht mehr als 200 000 Liter abliefern, was in etwa dem Milchkontingent entspricht, das er bis zur Auflösung der staatlichen Mengensteuerung besass. Hält er sich nicht daran, zahlt ihm die Käserei mit 12 Rappen bloss noch einen Bruchteil dafür. Dennoch halten die Bauern den Verantwortlichen die Stange: «Wir hatten Verständnis für die Weisung unserer Sortenorganisation», sagt Linder.

Premiumprodukt als Chance

Mit einer rigiden Mengenkon­trolle konnte die Sortenorganisation Greyerzer bisher dafür sorgen, dass der Preis stabil blieb. «Das gelingt uns aber nur, weil wir den beliebtesten Käse der Schweiz produzieren», sagt Direktor Philippe Bardet. Darum lohne es sich, für dessen hohe Qualität zu kämpfen. Greyerzer wird unter dem Label für geschützte Spezialitäten AOP produziert, also mit kontrollierter Herkunft und Qualität.

Linder nimmt dafür Einschränkungen in Kauf. Er darf weder Silage verfüttern noch einen Melkroboter verwenden. Und unter dem Strich muss auch er finanzielle Einbussen hinnehmen, weil er weniger Milch abliefern kann. Für dieses Jahr sollen es noch einmal 10 Prozent weniger sein. Um so viel müssen die Käsereien ihre Produktion zurückfahren. Dieses Mal sei das Murren unter den Produzenten schon vernehmbarer gewesen, räumt Linder ein. Aber letztlich vertraue man der Politik der Sortenorganisation.

Ein Blick zu jenen, die nicht ­dazugehören, besänftigt interne Kritiker manchmal auch: Viele Bauern erhalten für ihre Milch seit April weniger als 50 Rappen pro Liter (siehe Artikel rechts). Wer seine Milch zur industriellen Verwertung abliefern muss, den erfüllt der Milchpreis von Greyerzer-Bauern verständlicherweise mit Neid. So kamen auch schon Vorwürfe auf, diese Mengen­beschränkung sei ein Kartell und daher widerrechtlich.

Kartellvorwurf zieht nicht

Patrik Ducrey von der eidgenössischen Wettbewerbskommission (Weko) winkt ab. Das Landwirtschaftsgesetz sehe diese Möglichkeit explizit vor – solange sie nicht in Preisabsprachen münde. Sie sei aber nur für Nischen tolerierbar. «Kurz bevor im Mai 2009 die Milchkontingen­tierung aufgehoben wurde, hatten Bauernorganisationen sondiert, ob man die ­nationale Mengenbeschränkung auf privatrechtlicher Basis weiterführen könnte. Da mussten wir abwinken», erinnert sich Weko-Sprecher Ducrey. Milchbauern müssen also damit leben, dass ihr Verdienst stark vom Abnehmer abhängt.

Greyerzer-Direktor Bardet weiss das. Dennoch versteht er nicht, wieso Landwirte statt weniger noch mehr Milch melken, um diese dann teilweise zu ­Dumpingpreisen auf den Markt werfen zu müssen. Seine Sorten­organisation empfahl den Bauern darum, sich wirklich zu mässigen. Für Linder bedeutet das im ­Extremfall den Verkauf von 2 bis 3 seiner 27 Kühe und rund 15 000 Franken weniger Milchgeld.

Schlimmer wöge aber immer noch ein Preiszerfall, davon ist der Freiburger Milchbauer Linder überzeugt. Mit dem Greyerzer hat er einen Trumpf, der weiterhin sticht. «Greyerzer ist ein hochklassiger Käse, sozusagen der Kaviar unter den Käse­sorten», sagt Linder stolz. Ein Premiumprodukt darf seinen Preis haben – und damit auch der Rohstoff, aus dem es hergestellt wird.

Milchschwemme in der EU

Bei Industriemilch ist das anders. «Alle Milch ist weiss», sagt Philippe Bardet und meint bildlich ­gesprochen, dass dieses Produkt leider austauschbar sei. Seit die EU vor einem Jahr die Milchquote aufhob, bauen EU-Bauern die Milchproduktion aus und suchen nach zusätzlichen Absatzkanälen. Weil die Nachfrage nicht mithält, sinken die Preise. Über Lücken im Schweizer Grenzschutz etwa beim Käse, bei den Frischprodukten oder teilweise auch bei Joghurt überträgt sich der eskalierende Preiskampf ennet der Grenze auf die Schweizer Milchbauern. (Berner Zeitung)

Erstellt: 24.05.2016, 08:04 Uhr

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Grossbauern in der Falle – Milchproduzenten wollen wieder steuern

Der Schweizer Milchproduzentenverband erwägt eine Rückkehr zur Mengensteuerung. Widerstand kommt aus den eigenen Reihen.

60 Prozent der Schweizer Milch landet in grossen Molkereien und ist damit Industriemilch. Daraus werden Pastmilch, Joghurt, Weich- und Frischkäse hergestellt. Bauern erhalten seit diesem April pro Liter Molkereimilch nicht einmal mehr 50 Rappen. Damit kommen auch effizient produzierende Betriebe nicht mehr über die Runden.

«Wir befürchten, dass solche an sich für die Zukunft gut aufgestellte Betriebe plötzlich reihenweise aussteigen werden», sagt Kurt Nüesch, Direktor des Schweizer Milchproduzentenverbands (SMP). Bis jetzt sei es allerdings noch relativ ruhig, räumt er ein. Er weiss aber von einigen solchen effizient produzierenden Betrieben, die der Milch bereits den Rücken gekehrt hätten. In der Schweiz gelten Bauern­höfe mit 30 bis 50 Kühen als mittlere Betriebe und solche mit 120 bis 130 gehören zu den grossen. Betriebe mit mehr Kühen sind im Inland selten.

Fehlende Alternative
Nüesch führt verschiedene Gründe auf, warum Bauern auch am defizitären Geschäft mit der Milch festhalten. Zuerst müsse eine Alternative etwa im Ackerbau oder in der Mutterkuhhaltung vorhanden sein. Eventuell verunmöglichten auch kürzlich getätigte In­vestitionen einen Ausstieg, da die Anlagen noch nicht amortisiert seien.

Politik stellte Weichen anders
Aus solchen individuellen Zwängen heraus gehen manche Bauern in die Offensive und produzieren noch mehr Milch. Für Nüesch kann das nicht die Lösung sein. Man lote derzeit beim Bundesamt für Landwirtschaft die Möglichkeit aus, die Menge wieder besser steuern zu können. Das Landwirtschaftsgesetz lässt grundsätzlich ein Türchen dazu offen. «Doch eine solche Massnahme steht im Widerspruch zur Agrarpolitik 2014–2017», gesteht Nüesch.

Und längst nicht alle Bauern wollen sich im Stall die Hände binden lassen. Mit Widerstand sei zum Beispiel aus dem Thurgau zu rechnen, weiss Nüesch. Letztlich käme eine Mengensteuerung – laut Nüesch das wirksamste Mittel gegen nie­drige Preise – nur infrage, wenn neben dem Bundesrat auch das Parlament umdenken würde.

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