Wie ein Sans-Papiers nach 20 Jahren das Bleiberecht erhielt

Menschen ohne Aufenthaltsbewilligung müssen die Schweiz verlassen. Es sei denn, sie haben mit ihrem Härtefallgesuch Erfolg. So wie der 50-jährige Mazedonier Mensur Seferi.

«Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen», sagt der Mazedonier Mensur Seferi. Diesen Januar bekam er eine humanitäre Aufenthaltsbewilligung und darf nun in der Schweiz bleiben.

«Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen», sagt der Mazedonier Mensur Seferi. Diesen Januar bekam er eine humanitäre Aufenthaltsbewilligung und darf nun in der Schweiz bleiben. Bild: Stefan Anderegg

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Nicht auffallen. Immer mit einem gültigen Billett Bahn fahren und sich in keinen Streit verwickeln lassen. Das sind wichtige Regeln für Menschen ohne Aufenthaltspapiere. Die Polizei kann jederzeit bei jedem Personenkontrollen durchführen und den Ausweis verlangen.

Werden Illegale erwischt, droht ihnen die Ausschaffung. ­Einige reisen zum Beispiel zuerst mit einem Einreisevisum legal in die Schweiz ein. Nach dem Ablauf des Visums verlassen sie aber das Land nicht. Zudem tauchen viele abgewiesene Asylsuchende unter, weil sie nicht in die Heimat zurückkehren wollen.

Es gibt Menschen, die schaffen es, jahrelang unentdeckt vor den Behörden zu leben. Zum Beispiel der 50-jährige Mazedonier Mensur Seferi. Als junger Mann hatte er in Pristina ein Wirtschaftsstudium begonnen. Doch nach sechs Monaten musste er es abbrechen, weil seine Eltern nicht mehr ­dafür aufkommen konnten.

Zuerst war er Saisonnier

1990 kam er erstmals als Saisonnier in die Schweiz. In den fol­genden 6 Jahren konnte er die ­Saisonnierbewilligung immer wieder verlängern. Seferi arbeitete im Kanton Zürich bei einer Baufirma. 1996 wurde er entlassen und ging für eine kurze Zeit zurück nach Mazedonien. Doch er konnte dort beruflich nicht Fuss fassen.

Danach kam er zurück in die Schweiz und lebte in den Kantonen Bern und Zürich. «Ich habe in den letzten 20 Jahren die Schweiz nicht mehr verlassen, weil ich Angst hatte, nicht mehr einreisen zu können», sagt Seferi. Er sitzt in einem Restaurant in der Stadt Bern, erzählt seine ­Geschichte. Gewohnt habe er ­immer bei Freunden oder bei einem der vielen Verwandten in der Schweiz. Dies, um nicht aufzufallen. Möglichst in der Nähe seines Arbeitsplatzes.

Mensur Seferi sinniert: «Es war kein unbeschwertes Leben, das ich führte. Die Angst, entdeckt zu werden, verfolgte mich jeden Tag.» Er ­habe zum Beispiel aufpassen müssen, nicht krank zu werden. «Ich konnte es mir nicht leisten, in ein Spital zu gehen. Aber ich hatte viel Glück. Die Grippe konnte ich ohne ärztliche Hilfe auskurieren.» ­Medikamente habe er in der Apotheke besorgt.

«Wurde nie ausgenutzt»

Wie hat er sich über Wasser ­gehalten? «Ich habe gearbeitet, wenn ich konnte. Schriftliche Verträge bekam ich keine», erzählt er. Viele Arbeitgeber sagten ihm, sie wollten keine Schwarzarbeiter beschäftigen. Arbeit zu finden, sei darum sehr schwierig gewesen. Wurde er ausgenutzt? «Die Chefs waren immer fair zu mir. Ich habe stets den Lohn ­bekommen, auch wenn es manchmal nur 15 Franken pro Stunde waren.» Ausgenutzt sei er nie worden. Im Winter sei es aber sehr schwer gewesen, Arbeit zu finden, sagt der gelernte Steinmetz.

«Ich habe zwar meine Kinder nicht aufwachsen sehen. Dafür konnte ich  sie finanziell unterstützen.»Ex-Sans-Papiers Mensur Seferi

Trotzdem verdiente er genug Geld, um seine Familie in Mazedonien zu unterstützen. Mensur Seferi ist mit einer Landsfrau verheiratet. Sie haben zwei gemeinsame Kinder im Alter von 26 und 22 Jahren. Die Familie hat nie in der Schweiz gelebt, den Vater aber von Zeit zu Zeit besucht. «Ich habe zwar meine Kinder nicht aufwachsen sehen. Dafür konnte ich sie finanziell unterstützen», sagt Seferi. Das sei ihm sehr wichtig gewesen, weil er ­selber sein Studium wegen finanzieller Engpässe der Eltern nicht habe beenden können. Seine ­beiden Kinder studieren heute in Mazedonien.

Er wollte aus der Illegalität

Mit den Jahren wurde Mensur Seferi des Versteckspielens ­müde. Als er von der Möglichkeit eines Härtefallgesuchs hörte, zog er dieses in Betracht. Im Jahr 2013 ging er das erste Mal beim Verein Berner Beratungsstelle für Sans-Papiers vorbei und fragte, was er tun müsse, um in der Schweiz bleiben zu können.

«Am Anfang sagten wir ihm immer wieder: ‹Es wird schwer für Sie, zu bleiben›.»Marianne Kilchenmann, Leiterin der Berner Beratungsstelle für Sans-Papiers

«Am Anfang sagten wir ihm immer wieder: ‹Es wird schwer für Sie, zu bleiben›», erzählt Marianne ­Kilchenmann, die neben Mensur Seferi sitzt. Die 60-jährige Leiterin der Berner Beratungsstelle für Sans-Papiers berät seit 12 Jahren die Betroffenen und setzt sich für deren Rechte ein.

Mensur Seferi wurde auf eine Warteliste für Härtefallgesuche gesetzt. «Wir stellen solche ­Gesuche nur, wenn ein Fall realistische Chancen hat. Man kann nicht einfach mal eine Eingabe machen, die höchstwahrscheinlich nichts bringt», sagt Marianne Kilchenmann. Sie führte mit Mensur Seferi stundenlange ­Gespräche. Er erzählte ihr sein Leben, wie er Geld verdient und wo er ­gewohnt habe. Am Schluss lag ein zehnseitiger Bericht vor.

Diesen reichte sie im Dezember bei der Fremdenpolizei der Stadt Bern ein. «Wer ein Härtefallgesuch einreicht, geht ein ­Risiko ein», erklärt Kilchenmann. Gegenüber den Behörden müssen die Gesuchsteller die Identität offenlegen – mit der Folge, dass im Falle eines Scheiterns die Wegweisung folgt. Ausserdem werden ehemalige Arbeitgeber miteinbezogen. Ihnen droht ein teures Strafverfahren, weil sie Menschen beschäftigten, die keine Arbeitsbewilligung haben.

Aber ohne den Nachweis, dass der Gesuchsteller in den letzten Jahren gearbeitet hat, für sich selber sorgen kann und keine Sozialhilfe bezog, hat ein Härtefallgesuch keine Chance. Letztes Jahr reichte Kilchenmann insgesamt 23 Gesuche ein. Alle wurden bewilligt.

«Das zeigt, dass die Zusammenarbeit unserer Beratungsstelle mit der Fremdenpolizei sehr gut funktioniert», sagt Kilchenmann. Man respektiere und vertraue sich. Eine Nachfrage bei Alexander Ott, Leiter der Fremdenpolizei der Stadt Bern, bestätigt dies: «Beide Seiten sind sich ihrer unterschiedlichen Rollen vollumfänglich bewusst.»

Keinen Handlungsspielraum gibt es für ihn, wenn sich herausstellt, dass ein Gesuchsteller straffällig war. In diesem Fall ergreifen wir «ausländerrechtliche Vollzugsmassnahmen». Kilchenmann nickt und sagt: «Wenn wir bemerken, dass uns ein Gesuchsteller zum Beispiel Unwahrheiten erzählt und uns an der Nase herumführt, dann verliere ich die Geduld.» Obwohl sie jahrelange Erfahrung habe, sei auch sie schon rein­gelegt geworden.

Die Anzahl der sogenannten Sans-Papiers steigt laut Alexander Ott. «Das spüren wir bei der täglichen Arbeit. Das Thema rückt vermehrt in den Fokus: Bei Kontrollen zur Bekämpfung der Schattenwirtschaft treffen wir vermehrt Sans-Papiers an.»

«Ein Härtefall liegt vor»

Diesen Januar erhielt Seferi eine humanitäre Aufenthaltsbewilligung. «Das Dossier von Mensur Seferi wurde im Rahmen der Einzelfall­beurteilung geprüft. Es handelt sich beim eingereichten Gesuch tatsächlich um einen Härtefall», sagt Alexander Ott.

Dabei wurde festgestellt: Seferi hielt sich seit mehr als 10 Jahren in der Schweiz auf, er sorgte selbstständig für seinen Unterhalt und integrierte sich sozial. Zudem wurde er nie straffällig.

Die Fremdenpolizei reichte das Begehren danach beim Staats­sekretariat für Migration (SEM) zum Entscheid ein. Jetzt erteilte das SEM die Zustimmung für die Erteilung einer humanitären Aufenthaltsbewilligung. Ott sagt: «Wir prüfen jeden Fall indi­viduell. Nebst den rechtlichen ­Voraussetzungen berücksichtigen und bewerten wir die ­Umstände des Einzelfalls.»

«Ein Traum ging in Erfüllung»

Mensur Seferi sagt, er sei seit dem Entscheid regelrecht aufgeblüht: «Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen». Die Schweiz sei sein Lieblingsland. «Ich liebe ­alles hier, die Kultur, die netten Leute.» Er habe sich als Muslim immer willkommen gefühlt. «Mein Leben war aber schwer als Sans-Papiers. Ich war immer ­alleine hier, ohne die Familie», sagt Seferi. Mit der B-Bewilligung darf er sich nun frei im Land ­bewegen.

Was macht er jetzt? «Ich lerne intensiv Deutsch, ­damit ich auf dem Arbeitsmarkt eine bessere Chance habe», sagt er schmunzelnd. Erstaunlicherweise spricht er immer noch sehr schlecht Deutsch, obwohl er über 20 Jahre hier lebt. Von nun an will Seferi regelmässig nach Mazedonien reisen und die Familie besuchen. Seine Kinder und die Frau wollen laut Seferi in Mazedonien bleiben. Sie seien in der Heimat sehr gut integriert und ver­wurzelt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 24.02.2017, 12:05 Uhr

Die Sans-Papiers

Sie dürften gar nicht hier sein. Und doch leben und arbeiten sie unter uns, die Sans-Papiers. Diese Bezeichnung ist eigentlich falsch: Die Papierlosigkeit bezieht sich nicht auf das Fehlen von Reise- oder Identitätspapieren, sondern vielmehr auf die fehlende ausländerrechtliche Bewilligung für den Aufenthalt in der Schweiz. Sie dürfen auch nicht einer Arbeit nachgehen. Dennoch arbeiten viele von ihnen: Sie waschen in Restaurants ab, ernten Gemüse, putzen Wohnungen oder pflegen ­Bedürftige.

Sans-Papiers entziehen sich behördlichen Kontakten. Sie sind folglich statistisch schwer zu erfassen. Es ist naturgemäss ­unklar, wie viele Sans-Papiers in der Schweiz leben. In der Stadt Bern sind es laut Alexander Ott, Leiter der Fremdenpolizei Bern, rund 500 Menschen. Die Berner Beratungsstelle Sans-Papiers schätzt dagegen, dass es 10-mal mehr sind, also 5000.

Gemäss einer Studie im Auftrag des Staatssekretariats für Migration von 2015 leben in der Schweiz schätzungsweise 76'000 Sans-Papiers. Es sind Arbeitssuchende, Studierende, Au-pairs oder abgewiesene Asylbewerber. Einige reisen zum Beispiel zuerst mit einem Einreisevisum legal in die Schweiz ein. Nach dem Ablauf des Visums verlassen sie aber das Land nicht. Wieder andere reisen rechtmässig in die Schweiz ein und tauchen unter, wenn sie beispielsweise das Aufenthaltsrecht verlieren.

Es gibt zahlreiche Studien zum Thema. Die Erkenntnisse der ­lokal begrenzten Untersuchungen beleuchten lediglich Teilaspekte des Phänomens. Sie vermitteln den Behörden das Spektrum der Probleme. «Wir wissen aber nicht, wie selten oder weit verbreitet sie tatsächlich sind und um was für Menschen es sich handelt», sagt Ott. In der öffentlichen Diskussion wird das Thema sehr kontrovers und pauschal behandelt. «Die Sans-Papiers werden von der einen Seite in unzulässiger Weise kriminalisiert und stigmatisiert. Auf der anderen Seite wird versucht, sie generell in eine Opferrolle zu drängen», erklärt Alexander Ott.

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