«Wenn die Schweiz sich nicht anstrengt, wird sie zerdrückt»

Der ökologische Fussabdruck zeigt, dass wir deutlich mehr natürliche Ressourcen verbrauchen, als die Erde hergibt. Das Instrument ist umstritten. Mathis Wackernagel, Miterfinder dieses Fussabdrucks, erklärt den Nutzen des Modells.

Die Schweiz müsse schneller nachhaltig wirtschaften als andere Länder, sagt Mathis Wackernagel, Erfinder des ökologischen Fussabdrucks.

Die Schweiz müsse schneller nachhaltig wirtschaften als andere Länder, sagt Mathis Wackernagel, Erfinder des ökologischen Fussabdrucks. Bild: Manuela Matt

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Sie haben gemeinsam mit William Rees den ökologischen Fussabdruck erfunden. Heute arbeiten weltweit Organisationen und Politiker mit diesem Instrument. Wie erklären Sie sich den Erfolg?
Mathis Wackernagel: Mich überzeugt der Erfolg nicht: Zwar ist der Fussabdruck weltweit bekannt, ein Umdenken hat er jedoch nicht herbeigeführt. Zwei Faktoren haben den Fussabdruck bekannt gemacht: Erstens ist das Konzept leicht nachvollziehbar, da es von Flächen ausgeht, die sich Menschen vorstellen können. Das Wort «Fussabdruck» oder «Footprint» hilft dabei. Und zweitens ist er immer noch die einzige Messgrösse, die vergleicht, wie viel wir brauchen im Vergleich zu dem, was die Erde erneuern kann. Ohne eine solche Messgrösse bringt es wenig, über nachhaltige Entwicklung zu diskutieren.

Bei einem Ja zur Initiative «Grüne Wirtschaft» am 25. September wird der Fussabdruck in der Bundesverfassung verankert. Wäre das sinnvoll?
Es ist eine schweizerische Eigenart, dass die Volksinitiative zu einer Verfassungsänderung führt. Deshalb steht vieles in der Verfassung, was eigentlich in ein Gesetz gehört. Aber das ist nicht der entscheidende Punkt.

Für Kritiker ist er entscheidend: Sie werfen den Initianten vor, der ökologische Fussabdruck tauge nicht als gesetzliches Kriterium, da er vieles nicht erfasse und teilweise auf umstrittenen Umrechnungen beruhe.
Es ist tatsächlich so, dass der ökologische Fussabdruck nicht den gesamten Ressourcenverbrauch erfasst. In einer Gesamtrechnung würde das Resultat aber noch ernüchternder ausfallen. Unsere Berechnungen basieren auf Zahlen der UNO. Die erfassen nicht alles. Tatsächlich verbraucht die Menschheit mehr natürliche Ressourcen, als wir es mit unseren Rechnungen ausweisen können.

Palmöl ist ökologisch höchst umstritten, weil dafür Tropenholz gerodet wird. Doch es ermöglicht eine intensivere Bewirtschaftung, und nach Ihrer Rechnung führt das zu einem besseren Wert beim Fussabdruck.
Unsere nationalen Rechnungen sind durch grobe Daten limitiert. Deshalb können wir nicht sauber unterscheiden zwischen Palmöl und anderen Produkten oder zwischen biologischer und intensiver Landwirtschaft. Detailliertere Fussabdruckanalysen würden zeigen, dass der biologische Anbau besser abschneidet. Palmöl hat viele Footprintprobleme wie den enormen Druck auf die Artenvielfalt, die Entwaldung und das Unrecht gegenüber indigenen Bevölkerungen. Das braucht spezifische Analysen, die genauer und vollständiger sind als unsere nationalen Abschätzungen.

Die Artenvielfalt, die im Umweltschutz einen hohen Stellenwert geniesst, wird also auch nicht berücksichtigt.
Die nationalen Fussabdruckrechnungen sind leider unvollständig. Trotzdem bleiben sie die vollständigste ökologische Buchhaltung, um den gesamten Ressourcenbedarf für Länder oder die ganze Erde auszurechnen. Entscheidend ist doch vielmehr Folgendes: Es geht weder um Moral noch um eine Schönheitskonkurrenz, sondern um Zahlen. Wenn die ökologische Buchhaltung ergibt, dass wir unsere Reserven aufbrauchen oder uns buchhalterisch gesprochen je länger je mehr verschulden, müssen die Alarmglocken klingeln. Und weil wir nicht alles berücksichtigen, ist die Lage eher noch dramatischer.

Sie weisen je nach Land starke Unterschiede aus: Der Kuchen wird ungleich verteilt.
Die Schweiz verbraucht pro Kopf dreimal mehr, als es pro Kopf auf der Welt gibt. Wenn vier Personen einen Kuchen in vier gleich grosse Stücke teilen und eine Person nimmt sich davon drei Stücke, dann bleibt wenig für die anderen drei. Das führt zum Konflikt. Die damit verbundenen Risiken sind für die Schweiz besonders hoch.

Warum sollte die Schweiz mehr betroffen sein als andere Länder?
Die natürlichen Ressourcen werden weltweit knapp. Die Schweiz braucht viermal mehr, als ihre Ökosysteme erneuern können. Das ist mehr als in Österreich oder Frankreich. Das exponiert die Schweiz. Schon heute kommt die Hälfte unseres Essens aus dem Ausland. Das Risiko besteht auch für die Wirtschaft und die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz. Doch leider wird diese Diskussion nicht geführt.

Warum nicht?
Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) und die massgeblichen Interessenverbände bestreiten das Risiko und lehnen eine Diskussion ab, obwohl der Bundesrat im Masterplan Cleantech das gleiche Fussabdruckziel setzte, wie es auch die Initiative «Grüne Wirtschaft» vorschlägt.

Zum Beispiel?
Die Schweiz verfügt nicht nur über weniger eigene Ressourcen als andere Länder, sie büsst auch laufend an Vorsprung ein. Denn in China, Indien und vielen anderen Staaten wächst die Wirtschaft schneller als in der Schweiz. Sie haben zunehmend mehr Mittel, um sich Ressourcen zu beschaffen. Der Kampf um Ressourcen wird also nicht nur aufgrund der Verknappung härter, sondern noch viel mehr wegen der steigenden Konkurrenz.

Die Schweiz kann das Defizit in der ökologischen Buchhaltung der Welt nicht allein kompensieren. Ist es nicht sinnvoller, im internationalen Verbund Lösungen anzustreben wie kürzlich mit dem Pariser Abkommen zum CO2?
So argumentiert das Seco. Ich sage: Es ist genau umgekehrt. Die Schweiz ist keine Weltmacht. Im Wettbewerb um knappe Ressourcen wird eine extrem ressourcenabhängige Schweiz wie eine kleine Fliege zerdrückt. Den wirtschaftlichen Erfolg und den Wohlstand kann sie längerfristig nur sichern, wenn sie ihre ökologische Bilanz schneller als andere Länder unter Kontrolle bringt. Wenn wir es als unwahrscheinlich erachten, dass wir den Rest der Welt auf den richtigen Kurs bringen können, braucht es in der Schweiz die doppelte Anstrengung. Eine Diskussionsverweigerung anstelle eines vorausschauenden Planens ist mit Sicherheit der falsche Weg. Auch das Pariser Abkommen ist sinnvoll. Ob dessen Ziele umgesetzt werden, ist allerdings fraglich.

Das Einführen einer grünen Wirtschaft kostet. Mehrkosten sind ein Wettbewerbsnachteil.
Anstelle von fossiler Energie müssten wir zum Beispiel mehr Elektrizität einsetzen. Sie ist effizienter steuer- und nutzbar. ETH-Professor Anton Gunzinger kommt in seinem Buch «Kraftwerk Schweiz» zum Schluss, dass dies in einer langfristigen Rechnung für die Schweiz sogar billiger wäre, als bei der fossilen Volkswirtschaft zu bleiben. Und auch technisch wäre es nach seinen Schlussfolgerungen machbar. Doch in der Tat wären höhere Startinvestitionen nötig.

Bei einem Ja zur Initiative müssten wir den heutigen Ressourcenverbrauch um satte zwei Drittel senken. Das funktioniert nur mit Verzicht.
Es ist weniger eine Frage des Verzichts. Vielmehr geht es um Souveränität. Dazu ein Beispiel: Die Schweiz hat in den vergangenen Jahren unter anderem aufgrund einer Schuldenbremse beim Budget sparsamer gewirtschaftet als die meisten anderen europäischen Länder. Heute hat sie deshalb deutlich weniger Schulden, sie ist robuster und für künftige Herausforderungen besser gewappnet. Ist das Verzicht? Bei der ökologischen Buchhaltung geht es um genau dasselbe. Der Unterschied ist einzig die Währung: Anstelle von Franken geht es um natürliche Ressourcen, gemessen in Erdoberfläche.

Konkreter bitte. Würden wir nur noch kalt duschen, wie es die Gegner der Initiative «Grüne Wirtschaft» suggerieren?
Nein. Ich mag es auch nicht, kalt zu duschen. Die grüne Wirtschaft will gerade sicherstellen, dass wir auch in der Zukunft warm duschen können. Die heutige Wirtschaft hat keinen Plan für die Zukunft und wird kalt duschen müssen. Aber es ist schon so, dass die Welt in einer grünen Wirtschaft eine andere wird. Wir müssten den Lebensraum intelligenter gestalten: Mit einer höheren Wohndichte und mehr beruhigten Quartieren würden die Städte lebenswerter, auch mit kürzeren Wegen zum Laden oder zum Arbeitsplatz. Schlecht konzipierte Städte, zum Beispiel amerikanische Grossstädte wie Atlanta, verbrauchen bis zu viermal mehr Ressourcen. Vorbildlich und besser gebaut ist das mittelalterliche Städtchen Siena in Italien.

«Letztlich geht es um eine Wette auf die Zukunft der Schweiz. Welche  ist die bessere? Jene vom Seco? Oder meine?»Mathis Wackernagel

Die Energiepreise würden deutlich steigen.
Energiepreise würden steigen, aber der Verbrauch sollte sinken. Gemäss ETH-Professor Anton Gunzinger würde das unter dem Strich zu niedrigeren Kosten führen. Auch müssten wir bessere Technologien einsetzen, eher Hühnchen statt Rindfleisch essen oder beim Bau und bei Sanierungen von Häusern deren Ressourceneffizienz stark erhöhen. Ich könnte Ihnen noch viele weitere Beispiele nennen. Ein wesentlicher Faktor der ökologischen Bilanz der Erde ist auch die Zahl der Menschen, die auf ihr lebt.

Es ist eine simple Rechnung: Mit der Zahl der Menschen steigt auch der Ressourcenverbrauch. Doch mit der Geburtenkontrolle wagen Sie sich an ein heikles Thema.
Mit Zwang funktioniert das am schlechtesten. Aber gezielte Programme, die kleinere Familien begünstigen, hatten enormen Erfolg, vom Iran bis nach Thailand. Ein wesentlicher Punkt ist die Gleichstellung der Frauen. Aber wir tun dafür viel zu wenig.

Die Schweizer Wirtschaft wird ohne Zwang je länger je grüner. Verschiedene Experten halten die Schweiz für die Weltmeisterin im Rezyklieren. Jahr für Jahr werden die Gesetze für mehr Nachhaltigkeit verschärft.
Tatsächlich gibt es gute Fortschritte bei der Wiederverwertung von Ressourcen. Doch der Ressourcenverbrauch nimmt stärker zu als die Kompensation durch das Rezyklieren. Wenn wir die Erderwärmung verhindern wollen, sind weitere Schritte nötig. Und wenn es Schritte gibt, dann leider oft in die falsche Richtung. So sagte das Schweizer Stimmvolk kürzlich Ja zum Bau einer zweiten Gotthardröhre. In der ganzen Debatte zu diesem Entscheid wurde nie darüber diskutiert, dass damit die Abhängigkeit von fossiler Energie und der CO2 erhöht werden. Die Schweiz sagt, dass sie bis 2030 die CO2-Emissionen vom Niveau von 1990 um 50 Prozent reduzieren will. Heute liegen wir erst bei 3 Prozent unter 1990. Die zweite Röhre am Gotthard verbessert diese Bilanz nicht.

Malen Sie nicht zu schwarz? Selbst Forscher, die sich am Breakthrough Institute im kalifornischen Oakland für die gleiche Sache wie Sie einsetzen, ­haben den ökologischen Fuss­abdruck als «irreführend» kritisiert. Eine Verwendung «in einem seriösen wissenschaftlichen oder politischen Zusammenhang» halten sie für «unmöglich».
Wir lösen etwas aus, und das produziert auch Kritik. Doch keiner hat uns bisher zeigen können, dass unsere Zahlen übertrieben sind. Auch nicht das Breakthrough Institute, das uns für etwas angreift, das wir gar nicht sagen. Im persönlichen Gespräch hat mir ein Mitarbeiter dieses Instituts vorgeworfen, wir würden die Zukunft nicht abbilden. Das können wir gar nicht. Wir führen eine ökologische Buchhaltung. Jede Buchhaltung erfasst die Vergangenheit. Sie dokumentiert, was ist. Daraus lässt sich für die Zukunft einiges ableiten.

Es gibt andere Berechnungen des Fussabdrucks mit teilweise unterschiedlichen Resultaten.
Aber alle kommen zum Schluss, dass die Menschheit deutlich mehr verbraucht, als die Erde zur Verfügung stellt. Unser Befund bestätigt sich mit unwesentlichen Abweichungen immer wieder von Neuem. Und die Berechnungen werden je länger, je zuverlässiger. Dass die Menschheit über ihre Verhältnisse lebt, ist heute unbestritten. Leider gibt es aber völlig verschiedene Ansichten, ob das für die Wirtschaft von Relevanz ist oder nicht. Letztlich geht es um eine Wette auf die Zukunft. In der Schweiz will das Seco das Thema gar nicht diskutieren. Ich finde, es braucht dringend grössere Anstrengungen. Letztlich geht es um eine Wette auf die Zukunft der Schweiz. Welche ist die bessere? Jene vom Seco? Oder meine?

(Berner Zeitung)

Erstellt: 17.08.2016, 11:46 Uhr

Der ökologische Fussabdruck

Der Basler Mathis Wackernagel hat gemeinsam mit William Rees Anfang der 90er-Jahre den ökologischen Fussabdruck geschaffen. Diese Methode misst den Verbrauch an natürlichen Ressourcen. Das Prinzip ist eine ökologische Buchhaltung: auf der einen Seite der Konsum der Menschen, auf der anderen die Erneuerungsfähigkeit der Natur. Unter dem Strich weist die Rechnung Überschuss oder Defizit aus.

Die Umrechnung auf eine Menge Erdoberfläche hilft, die Resultate zu veranschaulichen. Der Fussabdruck zeigt, wie viel Fläche Land und Wasser nötig ist, um den konsumbedingten Verbrauch zu erneuern.

Dieser Fussabdruck lässt sich mit der tatsächlich vorhandenen Fläche vergleichen. Heute ist der Fussabdruck der Menschheit 65 Prozent grösser als die produktive Fläche der Erde. Diese Übernutzung führt zu ökologischen Schulden. So zum Beispiel zu mehr CO2 in der Atmosphäre oder zu Waldverlust. 59 Prozent des Gesamtfussabdrucks sind der Absorption von CO2 von der Fossilenergie zuzurechnen.


Das Global Footprint Network, das Wackernagel präsidiert, entwickelt das Modell stetig weiter. Das internationale Netzwerk mit Hauptsitz in den USA veröffentlicht jährlich neue Auswertungen mit Fussabdruckresultaten für jedes Land. Deren Rechnungen zeigen: Lebten alle Menschen wie die Schweizer, würde es aktuell 3,3 Erden brauchen. Tendenz steigend.ki

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