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Tödliche Pfadi-Nachtübung: «So etwas kann immer passieren»

Von Stefan Häne. Aktualisiert am 24.11.2008

Ein 16-Jähriger starb am Samstag bei der Vorbereitung einer Pfadi-Übung in Adlikon. Ein selber gebastelter Sprengsatz ging zu früh los. Pfadi Züri verbietet es, solche Böller zu bauen.

Schwarzpulver

Schwarzpulver ist ein schiefergrau bis blauschwarz gekörntes Pulver. Es besteht aus einer Mischung von 75 (Gewichts-)Prozenten Kaliumnitrat, 15 Prozent Holzkohle und 10 Prozent Schwefel, der säurefrei sein muss. Die Mischung verbrennt sehr schnell; es entstehen dabei Temperaturen von bis zu 2000 Grad. Die Mischung selber entzündet sich bei einer Temperatur von zirka 300 Grad. Schwarzpulver ist unter anderem auf Druck empfindlich, ebenso auf Funkenwurf, elektrische Entladungen und Reibung. Bis zur Erfindung der modernen Sprengstoffe blieb Schwarzpulver der einzige militärische und zivile Explosivstoff und einziges Treibmittel für Artillerie- und Handfeuerwaffen. In der Schweiz ist es für Erwachsene in Fachgeschäften problemlos erhältlich. (sth)

Das Pfadiheim Andelfingen steht verlassen auf einem schneebedeckten Feld. Die Läden sind geschlossen. Auf einem Schild steht: «Grillieren nur auf dem Kiesplatz erlaubt.» Es ist Sonntagnachmittag. Kalt. Kein Mensch weit und breit. Nur zwei auffällige grüne Flecken im Feld und ein Gummihandschuh am Boden zeugen vom Unglück, das sich hier, unweit von Adlikon im Zürcher Weinland, am Abend zuvor ereignet hat.

Mehrere Leiter der Pfadiabteilung Andelfingen bereiteten gegen 19.30 Uhr eine Nachtübung vor. Bei den Arbeiten waren ihnen zwei Jugendliche aus der Region behilflich. Gemäss Kantonspolizei handelte es sich vermutlich um Kollegen der Pfadiführer. Die beiden 16- und 18-jährigen füllten Schwarzpulver in ein zirka 20 Zentimeter langes Rohr - und dies laut der Polizei nicht zum ersten Mal.

Was danach geschah, ist im Detail nicht geklärt. Offenbar zündete der Sprengsatz zu früh; gedacht war er als Startschuss für die Nachtübung. Die Explosion traf die beiden Jugendlichen mit voller Wucht. Der 16-Jährige starb auf der Stelle, sein Kollege erlitt schwerste Verletzungen im Gesicht und musste ins Spital geflogen werden. Eine Pfadi-Gruppe, die sich in der Nähe befand, hörte zwar den Knall, konnte aber vor dem Unfallort abgefangen werden, wie ein Sprecher der Kantonspolizei sagt. Care-Teams der Kantonspolizei Zürich und des Kantonsspitals Winterthur betreuten in der Folge die Pfadfinder und ihre Angehörigen.

Die Kantonspolizei klärt die genaue Herkunft des Schwarzpulvers ab. Nicht auszuschliessen ist laut Oberlin, dass dem Sprengsatz noch weitere Materialien beigemischt waren.

Sprengsätze selber basteln

Der Unfall hat in Pfadfinderkreisen Bestürzung ausgelöst. «Wir alle sind schockiert», sagt Eliane Tobler, Sprecherin der Pfadi Züri, dem Kantonalverband der Zürcher Pfadfinderinnen und Pfadfinder. Sie selber kennt die beiden Jugendlichen nicht, und auch über den Unfallhergang weiss sie nichts Genaueres.

Sicher ist jedoch: Die Pfadi verbietet in ihren Richtlinien, Sprengsätze selber herzustellen und zu zünden. «Wir untersagen das, weil es gefährlich ist», sagt Tobler. Erlaubt sei bloss die Verwendung von gewöhnlichen Feuerwerkskörpern, die im Laden erhältlich seien. Zudem werde im Rahmen eines alljährlichen Kurses der korrekte Umgang mit Böllern geschult. Der Kantonalverband zeigt sich denn auch überzeugt, seine Verantwortung wahrgenommen zu haben. Tobler: «Bei uns wird Sicherheit grossgeschrieben.» Trotzdem reagiert der Verband mit seinen rund 9000 Mitgliedern nun auf das Unglück. So will er die Zürcher Pfadi-Gruppen künftig «vermehrt und noch ausdrücklicher» auf die Gefahr von selbst gebastelten Sprengsätzen aufmerksam machen, wie Tobler sagt. Pfadi Züri hat gestern ein Kondolenzschreiben an die betroffenen Kinder, Jugendlichen und Eltern geschickt. Geplant ist zudem, zusammen mit der Abteilung Andelfingen eine Gedenkfeier zu organisieren. Wann und wo diese stattfindet, steht noch nicht fest.

Bisher keine schlechten Erfahrungen

Auch in Adlikon, wo 600 Menschen leben, herrscht grosse Betroffenheit. «Ich kann nicht glauben, was passiert ist», sagt SVP-Gemeinderätin Sibylla Gutknecht. Auch sie kennt die beiden Jugendlichen nicht persönlich. Dass der Ruf der Pfadi nun Schaden erleidet, glaubt sie nicht. «Niemand ist vor Unfällen gefeit. So etwas kann immer und überall passieren.» Die Pfadi sei eine wichtige Institution für Kinder und Jugendliche. Und das bleibe sie auch.

Ein Anwohner in der Nähe des Pfadiheims sieht dies anders. Er beklagt sich über die Pfadfinder, die lärmig seien und nur Flausen im Kopf hätten. Für solche Äusserungen hat Cornelia Marchi kein Verständnis, gerade in Anbetracht des Unglücks. Marchi vermietet das Pfadiheim Andelfingen. Schlechte Erfahrungen habe sie keine gemacht. Sie weist zudem darauf hin, dass die Pfadiabteilung Andelfingen das Haus am Samstagabend nicht gemietet habe. Dass sich der Unfall ausgerechnet dort ereignet hat, sei «purer Zufall».

Gasexplosion im Sommer

Derart gravierende Unfälle in der Pfadi sind selten. Im Juli wurden im Pfadi-Bundeslager «Contura 08» in Tuggen SZ bei einer schwachen Explosion in einem Küchenzelt drei junge Frauen verletzt. Beim Versuch, eine Propangasflasche in Betrieb zu nehmen, war Gas ausgetreten. Eine 26-Jährige erlitt Verbrennungen zweiten Grades. Es war der einzige grössere Vorfall im Lager mit rund 25 000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern.

1997 wollte ein damals 19-jähriger Pfadfinder das auf eine Glut zusammengeschrumpfte Lagerfeuer wieder entfachen - mit Sprit. Er holte sich schwere Verbrennungen an den Händen und im Gesicht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.11.2008, 07:48 Uhr

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