Schweiz

Tessiner werden den freien Personenverkehr ablehnen

Aus Angst um die Stelle und vor Überfremdung sagt das Tessin Nein zum freien Personenverkehr. Zu Besuch an der Grenze.

Ponte Tresa ist ein 275-Seelen-Dorf in der Südwestecke des Tessins. Hier fahren jeden Morgen viele der gut 40_000 italienischen Grenzgänger über die Tresa, um an ihren Arbeitsplatz in der Schweiz zu gelangen. Die Brücke über den Fluss ist gleichzeitig auch Zoll. Vis-à-vis, in einer Bar, sagt der Wirt: «Ja, wir werden die Personenfreizügigkeit ablehnen. Auch ich stimme Nein.» Und, mit Blick auf den Zoll, ergänzt er: «Wir sehen hier täglich, welche Folgen der freie Personenverkehr hat.» Das Problem seien nicht die Grenzgänger, sondern die «schwierigen Ausländer», wie er sich ausdrückt.

«Und du», fragt er dann einen andern Gast, «stimmst du auch gegen Bulgaren und Rumänen?» Der Angesprochene – ein Handwerker – braucht nicht lange zu überlegen. «Solange die Ausländer zu diesen Löhnen bei uns arbeiten dürfen, stimme ich Nein.» Dieses Votum bringt zum Ausdruck, was viele im Tessin denken: dass die Grenzgänger zu tieferen Löhnen arbeiten und den Einheimischen die Jobs wegnehmen. «1700 Personen mehr in der Sozialhilfe, und 40_000 kommen über die Grenze», schrieb ein Blogger kürzlich auf Ticinoonline. Und auf Ticinonews berichtete ein anderer: «Mein Vater, 55-jähriger Elektromonteur, wurde ein Jahr nach Inkrafttreten der Bilateralen entlassen. An seiner Stelle nahmen sie natürlich einen jungen Grenzgänger.»

Die Tessiner sagten stets Nein

Laut einer neuen Studie der Tessiner Hochschule sind die Ängste um den Arbeitsplatz unbegründet. Zwar habe die Zahl der Grenzgänger stark zugenommen, heisst es, aber das sei weniger auf die Bilateralen als vielmehr auf die gute Konjunktur zurückzuführen. Doch die Mehrheit der Tessiner lässt sich davon nicht überzeugen. Sowohl den EWR als auch alle bisherigen bilateralen Abkommen haben sie mit einem Nein-Anteil von 57 bis 64 Prozent verworfen.

Trotzdem sprechen sich die grossen Parteien CVP, FDP und SP sowie die Sozialpartner für ein Ja am 8. Februar aus. An der Delegiertenversammlung der Gewerkschaft Unia hat es zwar Enthaltungen gegeben, aber keine Nein-Stimmen. «Ohne die Bilateralen gäbe es auch keine flankierenden Massnahmen», sagt Saverio Lurati, SP-Grossrat und Regionalsekretär der Unia. Gerade im Tessin mit seinem exponierten Arbeitsmarkt seien diese Kontrollinstrumente besonders wichtig.

Personenverkehr wie Cannabis

So treten nur SVP und Lega offen gegen den freien Personenverkehr an. Vor allem Giuliano Bignasca und seine Truppe warnen vor Überfremdung, Arbeitsplatzverlust und Sozialmissbrauch durch Ausländer. Der Lega-Präsident weiss in dieser Frage eine Mehrheit der Bevölkerung hinter sich – auch in Ponte Tresa. «Wir sagen Nein gegen die Ausländer und gegen die Kriminalität», sagt ein älterer Herr auf der Strasse. Und mit Bezug auf die letzte Volksabstimmung fügt er bei: «Ich will Cannabis nicht legalisieren, und ich will auch den freien Personenverkehr nicht legalisieren.» Im Gegenteil, es brauche wieder stärkere Kontrollen an der Grenze.

Nicht gerade Fan der Lega ist hingegen der Wirt in der Bar beim Zoll. Bignasca sei rassistisch und mache vor allem Show, meint er. «Wir wollen uns nicht abschotten, und wir sind auch nicht gegen die italienischen Gastarbeiter, die immer schon hier waren», betont er nochmals. Aber wenn man so nahe an der Grenze lebe, müsse man manchmal ein Zeichen setzen. «Das Nein ist, wie wenn wir die Fahne hissen: Wir zeigen, dass wir Schweizer sind.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.12.2008, 21:37 Uhr

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