Hanf beschert dem Staat beträchtliche Einnahmen

Der wachsende Konsum von legalem Cannabis lässt nicht nur den Handel boomen. Die Goldgräberstimmung bei der Herstellung generiert dem Staat geschätzte Tabaksteuern in Höhe von 30 Millionen Franken jährlich.

 Maurice Riedel, Filialleiter der Berner Hanftheke, im ­Kundengespräch.

Maurice Riedel, Filialleiter der Berner Hanftheke, im ­Kundengespräch. Bild: Tanja Buchser

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Die betagte Bäuerin Frieda M. * aus dem Emmental hat ihr Leben lang nicht nur hart gearbeitet. Sie ist auch hart im Nehmen. Doch die stärker werdende Arthritis und die quälenden Nächte ohne Schlaf haben an ihren Ressourcen gezehrt. Die Schmerz- und Schlaftabletten konnten ihr Leid kaum noch lindern. Dann kam vor einem Jahr ihr Sohn mit einem Fläschchen Cannabisöl nach Hause, das Hilfe versprach.

Sie, die nie etwas mit dem Haschzeug am Hut hatte, wagte das ­Experiment. Seitdem muss ihr Jüngster ihr alle zwei Monate Nachschub liefern, so gut wirkt das Öl. Die Rede ist von einer Spezialzüchtung von Cannabis sativa, dem sogenannten CBD-Gras: Dieses weist einen hohen Cannabidiolanteil und einen TCH-Gehalt von unter einem Prozent auf und wirkt deshalb auch nicht berauschend. Es ist in der Schweiz ganz legal erhältlich.

Neue Hanfläden schiessen ins Kraut

Medizinisch wirkt Cannabidiol entkrampfend, entzündungshemmend, angstlösend und gegen Übelkeit – dies belegen zahlreiche Erfahrungsberichte. Leider fehle systematische Forschung zu Produkten mit diesem Wirkstoff, beklagt das Bundesamt für Gesundheit (BAG). «Die Pharmaindustrie zeigt bislang nur geringes Interesse, die Wirksamkeit von cannabishaltigen Arzneimitteln in klinischen Studien zu belegen und damit die Voraussetzung für eine Zulassung durch eine Arzneimittelbehörde sowie die Vergütung durch die Krankenversicherer zu schaffen», betont Markus Jann, Leiter Sektion Drogen beim BAG, auf Anfrage.

Doch das kümmert Konsumenten wie die Seniorin aus dem Emmental nicht. Sie setzen trotzdem auf den Wirkstoff Cannabidiol, auch wenn das Löcher ins Rentenbudget reisst – schliesslich kostet ihr Fläschen Canna­bisöl 50 Franken. Cannabidiol darf zwar nicht als Arzneimittel angepriesen und verkauft werden, geht dafür einfach als Rohstoff oder Nahrungsergänzungsmittel über den Ladentisch. Und dies immer öfter.

Internethändler oder Geschäftslokale wie die Hanftheken schiessen derzeit ins Kraut. Und die Händler machen gutes Geld, schliesslich kosten ein paar Gramm dieses Cannabisöl schnell mal über 50 Franken. Tropfen oder Öle mit einem besonders hohen Cannabidiolgehalt können dann schon mit 200 Franken oder mehr zu Buche schlagen.

«Der Boom hat erst begonnen», ist Fabio Bernasconi, interimistischer Geschäftsführer von Swiss Cannabis SA, überzeugt. Gemäss seinen Angaben schreiben alle seine Hanftheken seit dem ersten Monat schwarze Zahlen. Inzwischen gibt es zehn Filialen in Städten wie Bern, Basel, Zürich, Luzern oder Zug und weitere sind in der Innerschweiz, der Westschweiz und im Tessin geplant. Der Verkaufsschlager sind laut Bernasconi die CBD-Tropfen, gefolgt von den CBD-reichen Hanfblüten, welche vorwiegend geraucht werden. Diese werden im Gegensatz zu den Flüssigkeiten weniger als Heilmittel, als vielmehr als Lifestyle- und Beruhigungsmittel geschätzt.

Hanftheken pflegen einen bewusst seriösen, fast schon sterilen Auftritt. Bild: Tanja Buchser

Steuern in Höhe von 4500 Franken pro Kilo

Bei letzteren hat der Staat eine Handhabe, um auch etwas von diesem Boom zu profitieren: die Tabaksteuer. Der Bund geht davon aus, dass die Händler für ein Kilo des CBD-Hanfs 14 950 Franken verlangen können. Bei einem Steuersatz von 25 Prozent macht das 3750 Franken pro Kilo für den Staat aus. Rechnet man noch die Mehrwertsteuer hinzu, macht das rund 4500 Franken pro Kilo verkauften CBD-Hanf.

Noch sind laut der Eidgenössischen Zollverwaltung (EZV) die zusätzlich zu erwartenden Einnahmen aus der Besteuerung von legalem Cannabis nicht ins Budget eingeflossen. Die von Experten in den Raum gestellte Schätzung, dass inzwischen jährlich für rund 100 Millionen Franken CBD-Hanf verkauft wird, erachten sowohl die EZV als auch Händler Bernasconi als realistisch. Das wären dann rund 30 Millionen Franken jährlich für die Staatskasse.

Und damit ist das Ende der Fahnenstange noch längst nicht erreicht, wie Recherchen bei der Zollverwaltung zeigen. Jeder Hersteller muss sich bei der EVZ in ein Register eintragen lassen und eine Verwendungsverpflichtung unterschreiben. «Bisher sind 130 Hersteller eingetragen», führt David Marquis von der EZV aus, «und mit weiteren 250 potenziellen Herstellern stehen wir derzeit in Kontakt.» Die Zollverwaltung tut diese Entwicklung keineswegs als Eintagsfliege ab: Sie will Anfang des kommenden Jahres erstmals eine Statistik erstellen, welche die Einnahmen aus der Besteuerung von Cannabis berücksichtigt.

Noch kränkelt die Kontrolle von Anbau und Handel

Doch dieser Boom hat auch einen schwerwiegenden Haken: die Kontrollen. Sobald der THC-Wert nämlich über ein Prozent steigt, fällt Cannabis unter das Betäubungsmittelgesetz. Und solches Cannabis darf nur mit Sonderbewilligung für die Forschung und für ganz eng begrenzten medizinischen Gebrauch angepflanzt werden. Dies mit unangenehmen Folgen für Händler und Konsumenten von CBD-Gras. Ganz übel erging es einem Hersteller von CBD-Gras in St. Gallen: Die Polizei zerstörte im September 2016 bei einer Razzia eigentlich legal gezüchtete Pflanzen. Denn den Blüten ist nicht anzusehen, ob sie nun viel oder weniger THC enthalten.

Es kommt auch immer wieder vor, dass die Polizei einen CBD-Hanfraucher des Kiffens von THC-geschwängertem Gras verdächtigt. Will sie dies kontrollieren, muss der Stoff aber ins Labor gebracht werden und verursacht beträchtliche Kosten von bis zu 500 Franken.

Das BAG muss einräumen, dass die Kontrolle der unterschiedlichsten Produkte von Öl, Hanftee oder Hanfmüesli bis hin zu Hanfblüten sehr schwierig ist und noch nicht in der gewünschten Qualität geleistet werden kann. «Es wird noch einige Zeit dauern, bis wir das in den Griff bekommen», konstatiert Markus Jann. Die Schwierigkeit bestehe vor allem darin, die zahlreichen von der Thematik betroffenen Akteure zu koordinieren und die unterschiedlichen gesetzlichen Regelungen aufeinander abzustimmen.

Ein ausführliches Merkblatt für die Behörden

Einen ersten Schritt in diese Richtung hat der Bund im Feb­ruar dieses Jahres mit der Publikation des Merkblatts «Produkte mit Cannabidiol (CBD)» gemacht. Die Vollzugshilfe für betroffene Behörden gibt einen Überblick über die verschiedenen CBD-haltigen Rohstoffe und Produkte und darüber, wie diese gehandelt werden dürfen. Auch enthalten ist in dem Merkblatt ­etwa der Hinweis, wie sich die legale Form des Cannabis mit dem Autofahren verträgt. So kann es durchaus vorkommen, dass der erlaubte Blutgrenzwert für THC auch mit dem niedrig dosierten CBD-Gras erreicht werden kann.

Frieda M. kann das egal sein. Sie hofft vor allem darauf, dass dank dem Boom ihr neues ­«Wundermitteli» etwas billiger wird.

* Name der Redaktion bekannt (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.05.2017, 06:53 Uhr

Infothek

Die berauschende Wirkung der Hanfpflanze mit dem wissenschaftlichen Namen Cannabis sativa ist seit alters auch in der Schweiz bekannt. Aktuell hat ein Drittel der Schweizer Bevölkerung ab fünfzehn Jahren Erfahrungen mit Cannabis als Rausch­mittel. Seit 1951 ist Cannabis als verbotenes Betäubungsmittel klassifiziert. Als ein solches darf es grundsätzlich weder konsumiert noch angebaut, hergestellt oder verkauft werden. Cannabis enthält rund 400 chemische Verbindungen. Das psychoaktive, berauschende Tetrahydrocannabinol (THC) ist der wichtigste Wirkstoff der Hanfpflanze. Durch das Betäubungsmittelgesetz kontrolliert ist allerdings nur das THC. ­Andere Wirkstoffe wie das Canna­bidiol unterstehen nicht dem Betäubungsmittelgesetz, weil sie keine ­ver­gleichbare psy­choaktive Wirkung haben. Es gibt verschiedene THC-arme Cannabisprodukte, die nicht dem Betäubungsmittelgesetz ­unterstellt sind, weil sie einen THC-Gehalt von weniger als einem Prozent aufweisen. Dazu gehören neben Rohstoffen wie Hanfblüten auch verarbeitete Produkte wie ­Extrakte in Form von Ölen oder Pasten, Tabak­ersatzprodukten bis hin zu Pflege- oder Nahrungsmittel­produkten. gr

Fabio Bernasconi von Swiss ­Cannabis SA.

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