Frauen gegen Giesskannenprinzip

GLP-Nationalrätin Kathrin Bertschy will die Reform der Altersvorsorge im Sinn der Frauen justieren: Eine ­generelle Erhöhung der AHV lehnt sie ab, verlangt aber eine gezielte Verbesserung für die Frauen als Entgegenkommen für Rentenalter 65.

Fordert AHV-Ausbau gezielt für Frauen: Kathrin Bertschy, GLP.

Fordert AHV-Ausbau gezielt für Frauen: Kathrin Bertschy, GLP. Bild: Keystone

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Die Grünliberalen könnten im Kampf um den Ausbau der AHV um monatlich 70 Franken für ­alle Neurentner den Ausschlag geben. Lehnen Sie diesen Plan von SP und CVP immer noch ab?
Kathrin Bertschy: Ja. Man muss sich einfach vor Augen halten, weshalb wir diese Reform durchführen. Der demografische Wandel mit den geburtenstarken Jahrgängen, die ins Rentenalter kommen, sowie die erfreulich ­hohe Lebenserwartung stellen die Altersvorsorge vor enorme Herausforderungen.

In 15 Jahren fehlen uns jährlich 10 Milliarden Franken in der AHV. Die Reformvorlage ist dringend notwendig. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verantwortungsvoll, die Probleme weiter zu verschärfen, indem man eine Rentenerhöhung für alle Neurentner beschliesst – und dies erst noch mit der Giesskanne. Eine allgemei­ne AHV-Erhöhung wäre erst in 15 Jahren zu rechtfertigen.

Warum das?
In den nächsten 15 Jahren werden für Neurentner sämtliche Kürzungen in der 2. Säule im Modell des Ständerats vollständig ausgeglichen. Trotzdem sollen schon diese Jahrgänge zusätzlich mehr AHV erhalten. Diese doppelte Kompensation erweckt den Eindruck, als wollten CVP und SP sich die Zustimmung der stimmfleissigen Jahrgänge erkaufen, die in einer Abstimmung den Ausschlag geben. Den Preis dafür werden die Jungen zahlen. Das ist verantwortungslos.

Dann würde die GLP die Reform am Schluss ablehnen, wenn die 70 Franken drin bleiben?
Wir politisieren nicht mit Drohungen. Ich kann dazu erst so viel sagen: Wir sind sehr daran interessiert, dass die Reform gelingt. Sie ist dringend. Es wäre die erste seit über 20 Jahren. Aber einen ungezielten Ausbau der AHV lehnen wir ab.

Einen gezielten Ausbau würden Sie unterstützen?
Ja, wenn er richtig gemacht wird. Dabei denke ich vor allem an die älteren Frauen. Man darf nicht vergessen, dass viele von ihnen doppelt benachteiligt sind. Erstens haben sie während ihres Erwerbslebens nicht den gleichen Lohn für die gleiche Arbeit erhalten. Zweitens sind sie von einem gravierenden Systemfehler in der 2. Säule betroffen . . .

. . . das müssen Sie erklären.
Der heutige Koordinationsabzug in der 2. Säule bewirkt, dass tiefe Einkommen und Teilzeitjobs sehr schlecht versichert sind. Das trifft in erster Linie Frauen, da sie überdurchschnittlich oft solche Stellen haben. Darum sind Frauen im Alter ­häufiger arm, dies völlig unverschuldet. Und nun sollen sie mit der Erhöhung des Rentenalters auf 65 auch noch einen grossen Beitrag an die Renten­reform leisten. Deshalb verlange ich eine gezielte Kompensation zugunsten der Frauen. Die fehlt bisher völlig.

«Das erweckt den Eindruck, als wollten sich CVP und SP die Zustimmung der stimmfleissigen älteren Jahrgänge erkaufen.»

Fordern Sie, dass nur die Frauen 70 Franken mehr AHV erhalten?
Vernünftiger fände ich, den Ausbau der AHV auf die ­Minimal­renten zu fokussieren und diese stärker zu erhöhen. Es sind vor ­allem alleinstehende Frauen, die Minimalrenten beziehen. Eine andere Möglichkeit ist, die Renten der Frauen um das Ausmass der Lohndiskriminierung nach oben zu korrigieren. All dies hilft aber nur den Rentnerinnen. Zugunsten der jüngeren Frauen müssen wir mit dieser Reform unbedingt den Systemfehler in der 2. Säule beheben. Sonst geht das immer so weiter.

Der Ständerat sieht ja solche Verbesserungen vor.
Ja, aber die sind viel zu zaghaft. Personen mit tiefen Löhnen und Teilpensen – in erster Linie also Frauen – werden auch so weiterhin diskriminiert. Das Einfachste wäre, den Koordinationsabzug abzuschaffen und die gesamten Löhne zu versichern.

Das lehnen aber Gewerbe und Bauern ab, da ihre Lohnkosten sonst stark steigen.
Aber es kann ja nicht sein, dass wir deswegen einfach die heutige Diskriminierung in alle Zukunft fortsetzen. Hier müssen wir noch eine faire Lösung finden. CVP und SP wollen allen Neurentnern mit der Giesskanne eine doppelte Kompensation ausschütten.

Ich sage, wir würden besser die Verluste der älteren Frauen gezielt abfedern und die Löhne junger Frauen besser versichern. Das wäre nicht nur gerechter, sondern auch günstiger. Die Frauen erwarten ein Entgegenkommen für die Erhöhung des Rentenalters. Man darf nicht vergessen, dass sie etwa 50 Prozent der Stimmbevölkerung stellen.

Kathrin Bertschy ist Berner GLP- Nationalrätin und Präsidentin von Alliance F, dem Bund der Schweizer Frauenorganisationen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 23.12.2016, 09:05 Uhr

Hintergrund

Die Grünliberalen spielen im Poker um die Renten eine prominente Rolle: Im Nationalrat brachten sie mit SVP und FDP eine Mehrheit zustande gegen den AHV-Ausbau um 70 Franken im Monat für alle Neu­rentner. Allerdings lässt die GLP durchblicken, dass sie die Reform nicht leichtfertig scheitern lassen will. Ohne die sieben GLP-Stimmen kommen FDP und SVP kaum mehr auf eine Mehrheit. Im Januar ist es an der Sozialkommission des Nationalrats, aufs Neue einen Kompromiss zu suchen. Im März soll das Parlament die Debatte beenden. Im September 2017 ist die Volksabstimmung geplant. fab

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