«Befehlskultur» bei der Gewerkschaft

Syndicom gehört mit nach wie vor über 30'000 Mitgliedern zu den grossen Gewerkschaften der Schweiz. Doch jetzt hängt der Haussegen bedrohlich schief, und die Geschäftsleitung sieht sich empörter Kritik ausgesetzt.

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Es war ein kalter Freitagnachmittag, als die damalige Berner Gemeinderätin Regula Rytz am 3. Dezember 2010 ans Mikrofon trat und begeistert verkündete: «Es ist ein grosser Tag.» Während der designierte Präsident Alain Carrupt viel Zuversicht verströmte: «Wir bauen gemeinsam die Zukunft auf und legen unsere Kräfte zusammen: für gerechte und faire Arbeit, für eine gerechte und faire Gesellschaft.»

Die über 200 nach Bern angereisten Delegierten der Gewerkschaften Kommunikation und Comedia stimmten mit überwältigenden Mehrheiten der Fusion ihrer beiden Organisationen zu: Ab 1. Januar 2011 gehörte Syndicom mit 47'000 Mitgliedern zu den drei grössten Gewerkschaften des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes.

Heute, fünf Jahre später, ist der Jubel einer brutal harten Ernüchterung gewichen. «Die Stimmung ist am Boden», klagt eine engagierte Sektionspräsidentin bitter. «Allen ist klar, dass die Syndicom am Ende ist», hält ein anderer langjähriger Gewerkschafter fest. Syndicom werde 2020 als eigenständige Gewerkschaft nicht mehr erleben, analysiert ein früherer Gewerkschaftssekretär, das sei so sicher «wie das Amen in der Kirche». «Die Kacke ist am Dampfen», bestätigt Richard Frick, Dozent für Typografie an der Hochschule Luzern und seit 44 Jahren «überzeugter» Gewerkschafter. Seine nüchterne Prognose für die Zukunft von Syndicom: «Es gibt keine!»

Miserable Noten

Tatsächlich weist das damalige Fusionsprodukt inzwischen bedrohliche Zerfallserscheinungen auf. Die Mitgliederzahl ist innerhalb der fünf Jahre von 47'000 auf bloss noch 35'655 (Stand Ende 2015) buchstäblich eingebrochen. Freiwillige Abgänge und unfreiwillige Kündigungen von Funktionären häufen sich. Burnout und Mobbing gehören dazu. Kritiker werden übergangen oder kaltgestellt, von «Zensur» und sogar von «Mafia» ist die Rede.

«Die innergewerkschaftliche Demokratie wird mit Füssen getreten», hält die nach der Entlassung eines altgedienten Sekretärs aufgeschaltete Website «SOS Syndicom» wütend fest, «so ist es schwer möglich, sich kritisch einzubringen». «Die Macht konzentriert sich auf einzelne Männer», bedauert die Sektionspräsidentin A. N.*, «die Basisdemokratie ist schwer beschädigt.» An ihrer Stelle habe eine «Befehlskultur» Einzug gehalten.

Kritik einstecken muss in erster Linie die vierköpfige Geschäftsleitung (GL) unter Präsident Alain Carrupt. Viele Angestellte beklagten sich und seien mit der Leitung und deren Politik nicht einverstanden, weiss Syndicom-Mitglied Stefan Huber. In den letzten Jahren sei «viel auf reine Mitgliederwerbung fokussiert worden und nicht auf die politische Arbeit, die kombiniert mit einer Dienstleistung am Mitglied eine gute Grundlage für Werbung bieten würde.»

Wie verbreitet die Kritik an der Chefetage ist, belegt eine letztes Jahr im Rahmen eines Projektes Syndicom 2020 durchgeführte Mitarbeiterbefragung. Deren Resultate, die zunächst nicht veröffentlicht werden sollten, belegen eine zwar hohe Zufriedenheit im direkten Arbeitsumfeld, aber auch harte Kritik an den übergeordneten Bereichen. Insbesondere das Vertrauen in das Management wurde mit der Note 2,8 als völlig ungenügend bewertet (siehe Kasten).

Gehäufte Abgänge

Auf die vernichtenden Umfrageergebnisse reagierte die Geschäftsleitung auf ihre Weise: Sie schubladisierte die Resultate und stoppte das von Vizepräsidentin Bernadette Häfliger initiierte Projekt Zukunftswerkstatt. Worauf die Juristin konsequenterweise kündigte und Syndicom im Herbst verliess. Zum Leidwesen der IG Pensionierte, welche «mit grossem Bedauern» den Abgang der «sehr geschätzten Bernadette» zur Kenntnis nahm und dies in einer Resolution an den Zentralvorstand kundtat.

Auch Kommunikationschef Bruno Schmucki, GL-Mitglied mit beratender Stimme, hat inzwischen – notabene ohne neue Anstellung – gekündigt. Während Präsident Alain Carrupt (60) sein Amt zuhanden der nächsten Sitzung des Zentralvorstandes am 20. Feb­ruar aus gesundheitlichen Gründen zur Verfügung stellt.

Zurück bleiben Roland Kreuzer (59), der seinen Rücktritt für den nächsten Kongress 2017 angekündet hat, Giorgio Pardini (57), der aktuell als starker Mann in der Chefetage gilt, und Daniel Münger (54), der erst seit letzten Herbst in der Geschäftsleitung mitmacht. Münger ist allerdings wegen einer hängigen Strafuntersuchung im Baselbiet blockiert, als Vizepräsident der Zentralen Arbeitsmarktkontrolle soll er in Unregelmässigkeiten bei Schwarzarbeitskontrollen verwickelt sein.

Präsident Carrupt dementiert

«Bernadette Häfliger wurde rausgemobbt», klagt A. N., «es herrscht ein repressives Klima.» Man habe sie «an die Wand gedrückt», kommentiert auch Richard Frick die jüngsten Vorkommnisse. Und ärgert sich massiv über den Lohn von 187 000 Franken für die GL-Mitglieder. «Da geht es nur noch darum, unseren Zentralsekretären in der GL einen vergoldeten Abgang zu gewährleisten», wettert der Hochschuldozent.

GL-Präsident Alain Carrupt weist die diversen Vorwürfe von sich: «Es gibt keine katastrophale Stimmung», beteuert er, «Tatsache ist, dass wir seit dem letzten Kongress 2013 intern eine breite und offene Diskussion über die Zukunft und Ausrichtung der Gewerkschaft führen. Diese Debatte ist mit Emotionen verbunden und verunsichert einige.» Kritik an der Führung und am Führungsstil gehöre zur «Gewerkschaftskultur», sagt Carrupt und beteuert: «Ich sehe die Zukunft von Syndicom sehr positiv.»

Bleibt die Frage nach der Nachfolge des scheidenden Präsidenten. Er hoffe, dass die Stelle ausgeschrieben werde und ein Externer komme, «der den Laden aufräumt», sagt Stefan Huber, Co-Autor der kritischen Website «SOS-Syndicom». Inoffiziell ist von einer Übergangslösung bis zum nächsten Kongress 2017 die Rede. Gerüchtehalber wird auch der Name Corrado Pardini (50) gehandelt.

Der Berner Nationalrat ist der jüngere Bruder von Giorgio Pardini. Corrado könnte als GL-Mitglied der Unia ein Szenario einleiten, das auch schon die Runde macht: Eine erneute Fusion der serbelnden Syndicom, diesmal mit der mächtigen Unia.
*Name der Redaktion bekannt (Berner Zeitung)

(Erstellt: 05.02.2016, 07:43 Uhr)

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Mitarbeiter-Umfrage

Die 2015 durchgeführte Syndicom-Mitarbeiterbefragung, die dieser Zeitung vorliegt, zeigt in übergeordneten Bereichen viel Kritik. So wird die Zusammenarbeit zwischen Gremien sowie zwischen Bereichen auf einer Skala von 1 bis 6 lediglich mit 2,8 beziehungsweise 2,9 bewertet. Tief sind die Werte auch, wenn es um die Zufriedenheit mit der Entwicklung von Syndicom (2,7) oder das Vertrauen in das Management (2,8) geht. Noch tiefer fällt das Ergebnis bei der Bewertung «durchdachte Prozesse» aus (2,6). Bescheiden bewerten die Mitarbeiter auch die «klare politische und gewerkschaftliche Ausrichtung» (3,1) und den Bekanntheitsgrad in der Öffentlichkeit (2,2).
Bei Themen wie Sozialleistungen, Unterstützung im Team und Vertrauen gegenüber Vorgesetzten liegen die Werte hingegen zwischen 4,8 und 5,4. Gut fällt die Bewertung des Einsatzes für die Arbeit aus (5,7). Bei der Zufriedenheit mit der Arbeitssituation erteilten die Teilnehmenden die Note 4,2. An der Umfrage nahmen 111 Mitarbeiter teil (77 Prozent). uz/wrs

Die zehn grössten Gewerkschaften

Ende 2014 waren in der Schweiz 741'311 Menschen in Berufsverbänden organisiert, 7100 weniger als im Jahr zuvor. Neuere Zahlen liegen nicht vor. Sie machen 19,9 Prozent der Beschäftigten mit einem Beschäftigungsgrad von 50 und mehr Prozent aus und verteilen sich wie folgt auf die Dachorganisationen: 49 Prozent sind dem Schweizerischen Gewerkschaftsbund und 20,5 Prozent Travailsuisse angeschlossen. 30,5 Prozent gehören Verbänden an, die unter keinem Dach vereinigt sind.
Die zehn grössten Gewerkschaften der Schweiz nach Mitgliederzahlen:
Unia (Industrie, Gewerbe, Bau, Dienstleistungen): 199'828 Mitglieder.
Syna (Christliche Gewerkschaft für Industrie, Handel, Gewerbe): 60'022 Mitglieder.
LCH (Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz): 51'595 Mitglieder.
Kaufmännischer Verband Schweiz: 50'000 Mitglieder.
SEV (Schweizerischer Eisenbahn- und Verkehrspersonal-Verband): 42'838 Mitglieder.
OCST (Christlich-soziale Organisation Tessin): 41'603 Mit­glieder.
Syndicom (Gewerkschaft Medien und Kommunikation): 37'555 Mitglieder.
VPOD (Verband Personal Öffentlicher Dienste): 35'429 Mitglieder.
VSPB (Verband Schweizerischer Polizeibeamter): 24'934 Mitglieder.
SBK (Berufsverband der Pflegefachfrauen und -männer): 24'724 Mitglieder. uz

Quelle: SGB-Dossier, Sept. 2015

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