Wo eine Bühne ist, steht auch ein Tschäppät
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Auf den Rausch folgt der Kater, nach dem Jubel kommt die Häme, und die Beschimpfung endet in Zerknirschung. Wenigstens gibt Alexander Tschäppät, der redselige Berner Stadtpräsident, alles ohne Umschweife zu. Ja, am Samstag nach dem Spiel der Young Boys gegen den FC Zürich sei man euphorisch gewesen. Ja, auch er habe ein paar Biere intus gehabt. Und ja, «ich habe mitgesungen». Das sei ein Fehler gewesen, und er bedaure ihn: «Mitgesungen, mitgehangen.»
Mitgesungen hat Tschäppät am Samstagabend in einer Berner Quartierbeiz, wo die Berner Fans ihren Sieg nass feierten und sich dabei von der Gruppe Mani Porno animieren liessen. Deren Song «Sämi Schmid Motherfucker» kam auch sehr gut an, alle sangen mit, der Stadtpräsident stieg sogar auf die Bühne und sang ins Mikrofon, wobei er den Text um Christoph Blocher ergänzte, wenn auch ohne angehängten «motherfucker». Das wurde ruchbar, kritisiert, und Tschäppät bereut. «Das war», sagt er, «keine hochintelligente Intervention.»
Tschäppät hat ein Problem mit Zürich
Er versucht dann noch, sich herauszureden. Sagt, es seien nicht seine Lieder gewesen, und mitgesungen habe er auch nicht an einer Politveranstaltung, sondern an einem spontanen Fussballfest. Ausserdem sei man «halt ein Mensch, vor allem in der Euphorie». Aber er weiss genau, wie lahm das daherkommt und wie peinlich der Auftritt geraten ist. Dass seine Gesangsdarbietung auch etwas mit Zürich zu tun haben könnte, streitet er ab. Dabei ist offensichtlich, dass Tschäppät ein Problem mit Zürich hat, wie viele Berner, auch wenn er es jetzt herunterspielt. Ihn ärgert mit einem gewissen Recht, dass man immer nur von Zürich redet, während er so innig an seine Stadt glaubt.
Bei Samuel Schmid hat sich Tschäppät übrigens persönlich entschuldigt. Was Christoph Blocher angeht, belässt er es bei seinem öffentlich gestreuten Bedauern. Warum eigentlich? Blocher habe über die Medien ausgerichtet, sagt Tschäppät, dass er nicht auf primitive Aussagen reagiere, «also gehe ich davon aus, dass sich das für ihn erledigt hat». Er werde ihn aber bei einem nächsten Treffen darauf ansprechen. Wer weiss, wie sehr sich der Berner SP-Mann über die Zürcher SVP ärgert, kann davon ausgehen, dass es bis dahin noch lange dauern kann.
Negative Schlagzeilen von SP-Leuten
Mit seiner Gesangseinlage stösst der Sozialdemokrat zu einer wachsenden Gruppe von SP-Leuten, die für negative Schlagzeilen sorgen: Valérie Garbanis alkoholisierte Ausfälle in Neuenburg, Corine Mauchs Verfahren wegen Nötigung in Zürich, Barbara Bangas übers Internet verstreute Beleidigungen in Grenchen, Ricardo Lumengos Wahlmanipulationen von Biel aus. Und natürlich verlangt die Stadtberner SVP jetzt Tschäppäts Rücktritt, und der Freisinn befördert ihn zum «andauernden Pausenclown». Dass sein abgestürzter Auftritt ihm nachhaltig schaden könnte, scheint aber unwahrscheinlich.
Denn Tschäppät, das weiss man in Bern, ist halt so: ein Schönwetterpolitiker und Populist, der den Auftritt liebt, die Beachtung braucht, immer wieder Frauen anmacht und sich bei alledem auch immer wieder vergisst. Bern ist eine Stadt, in der alle alles voneinander wissen, es aber selten einer laut heraussagt. Da bietet ein singender Stadtpräsident, der mit dem Slogan «Zäme schnure» in die Wahl gezogen war, etwas Abwechslung. Dass er damit viele verärgert hat, wird er aussitzen. Dass aber niemand überrascht ist, wie ihm das wieder passierte: Das müsste ihm etwas zu denken geben. Wenigstens bis zum nächsten Fest. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 05.03.2010, 13:47 Uhr
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