«Wir setzen das Geld zu wenig zielgerichtet ein»
Von Susanne Anderegg, René Donzé. Aktualisiert am 19.10.2011 3 Kommentare
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Seit Jahren versucht die Politik, die Kosten im Gesundheitswesen zu senken, doch sie steigen immer weiter. Woran krankt das System?
Vor allem daran, dass es eine Illusion ist, zu glauben, die Medizin werde billiger. Wir können die Gesundheitskosten in einer älter werdenden Gesellschaft nicht einfach bedenkenlos runterdrücken.
Wir sind also machtlos?
Nein, das wäre ein Fehlschluss. Wir können und müssen etwas unternehmen gegen Mehrkosten, die nicht zu höherer Qualität oder zu sinnvollen Mehrleistungen führen. Und wir können falsche Finanzierungsanreize bekämpfen.
Das ist ja auch das Ziel der Fallpauschalen, die jetzt eingeführt werden.
Das neue System greift nicht sofort, im Gegenteil: Kurzfristig geben die Fallpauschalen den Spitälern sogar Anreize, mehr zu machen und schwerere Fälle zu generieren. Die gesamten Spitalkosten werden deshalb zuerst eher steigen.
Weshalb entsteht dieser Anreiz?
Früher wurde das Spital nach Anzahl Tage bezahlt und versuchte darum, Patienten länger zu halten. Neu wird es nach Anzahl Fälle bezahlt und wird deshalb bestrebt sein, möglichst viele Fälle zu produzieren. Langfristig wird es aber einen Druck geben auf die Wirtschaftlichkeit und die Qualität, weil man die Leistungen besser vergleichen kann.
Die Zürcher Spitäler arbeiten vergleichsweise günstig, weil sie von der Gesundheitsdirektion schon seit Jahren auf Effizienz getrimmt werden. Die Zürcher Krankenkassenprämien steigen mit 4,4 Prozent aber doppelt so stark wie im Landesdurchschnitt. Warum?
Unter anderem weil der Kanton weniger an die Fallkosten beisteuert, als das Gesetz langfristig vorsieht. Statt 55 Prozent bezahlt Zürich 2012 nur 51 Prozent. Dafür müssen die Kassen mehr übernehmen, und dies schlägt sich auf der Prämienrechnung nieder.
Und wir müssen es ausbaden.
Wir bezahlen sowieso. Die Frage ist nur, ob über die Steuerrechnung oder über die Prämienrechnung.
Können wir wenigstens damit rechnen, dass die Prämien ab 2017 weniger stark steigen, wenn der Kanton seinen vollen Anteil an den Spitalkosten übernehmen muss?
Das hängt nicht nur von den Spitalkosten ab, sondern von der Entwicklung in vielen Bereichen. Zum Beispiel: Welche neuen, teureren Medikamente kommen in die Grundversicherung? Wie entwickeln sich die ambulanten Leistungen? Der Spitalbereich hat nur einen beschränkten Einfluss auf die Prämien.
Wo sehen Sie Möglichkeiten, die Kosten zu dämpfen?
Wir haben enorme Verzerrungen zwischen ambulanten und stationären Behandlungen. Nehmen wir das Beispiel Leistenbruch. Wenn der Patient morgens um neun kommt und am gleichen Abend nach Hause geht, zahlt die Kasse die ganze Rechnung. Kommt er abends um neun zur Operation und geht am andern Morgen heim, wird er nach einer Fallpauschale abgerechnet und der Kanton zahlt mit. Aus ökonomischer Sicht wäre es wünschenswert, dass ambulante und stationäre Leistungen nach demselben Prinzip entschädigt werden. So würden Verlagerungsspielchen uninteressant. Nötig ist auch ein besserer Risikoausgleich. Damit Kassen sich mehr um die Versorgung kranker Versicherter statt um gute Risiken kümmern.
Ihre Sparvorschläge sind gut und recht. Doch die wirklich grossen Kosten entstehen wegen des medizinisch-technischen Fortschritts. Beispiel Herzklappen per Katheter: Diese neue Technik erlaubt eine Operation bei sehr alten Menschen. Früher wären sie gestorben. Müssen wir schliesslich nicht doch sagen: Ab 90 gibt es keine neue Klappe mehr?
Die Herzklappe ist ein Beispiel, das ich gut kenne, weil meine Mutter vor dieser Frage stand. Die Bedingungen für eine Operation mit Katheter sind streng. Hier und bei Innovationen der hoch spezialisierten Medizin generell sind in der Regel nicht die Kosten das Problem, sondern dass wir in der Schweiz solche neuen Verfahren an zu vielen Orten gleichzeitig einführen wollen. Dadurch brauchen wir länger als andere Staaten, um auf die nötige Erfahrung und das damit verbundene Qualitätsniveau zu kommen. Das finde ich bedenklich.
Haben wir zu viele Spitäler?
Die Anzahl Spitäler oder Betten ist nicht das Problem. Es geht darum, dass nicht alle fast alles machen sollen.
Genau darum dreht sich doch im Moment die Diskussion. Zum Beispiel, welche Spitäler noch Herzen transplantieren dürfen.
Ja, aber der Prozess verläuft viel zu langsam. Es ist fraglich, ob die Politik überhaupt fähig ist, die richtigen Entscheide zu fällen, oder ob wir nicht mehr Wettbewerb zulassen sollten. Im Bereich der hoch spezialisierten Medizin könnten Kassen beispielsweise mit Kliniken im Ausland Verträge abschliessen – unter zwei Bedingungen: Die Qualität und der Preis müssen stimmen.
Sind Sie der Euroturbo des Gesundheitswesens?
Nein. Aber es beängstigt mich, dass die Schweiz in vielen Bereichen ihre Spitzenposition verloren hat. Das liegt nicht etwa daran, dass wir zu wenig Geld im System hätten, sondern dass wir das Geld zu wenig zielgerichtet einsetzen. Der Wettbewerb spielt nicht richtig.
In Zürich ist soeben die neue Spitalliste verabschiedet worden. Hat Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger zu viele oder zu wenige Spitäler auf die Liste genommen?
Im Vergleich zu anderen Kantonen ist Zürich federführend in der Art, wie die Liste erstellt wurde. Die Spitalplaner haben eine sehr gute Methodik verfolgt, sie haben nicht einfach Betten geplant, sondern versucht, medizinisch verwandte Gebiete zu bündeln. Und man hat damit bestimmte Auflagen verbunden. Die meisten Kantone haben das Zürcher Modell übernommen. Thomas Heiniger hat sich entschieden, den Wettbewerb spielen zu lassen und dafür eine gewisse Überkapazität zuzulassen.
Was halten Sie davon, dass der Kanton neu die gesamten Spitalkosten zahlt und die Gemeinden dafür die Pflegekosten übernehmen?
Das ist ein guter Schritt hin zur Bereinigung einer unbefriedigenden Situation. Der ökonomische Goldstandard wäre indes ein anderer: Eigentlich müsste die ganze Behandlungskette von einem Träger finanziert werden. Sonst entsteht die Gefahr eines Verteilkampfes zwischen Spitalbehandlung und Langzeitpflege.
Die Zürcher Gemeinden werden dank der neuen Spitalfinanzierung um 150 Millionen Franken entlastet. Gleichzeitig entsteht eine Mehrbelastung für den Kanton von 250 Millionen Franken. Warum kostet das Ganze 100 Millionen mehr?
Unter anderem weil ein paar Privatkliniken neu auf der Spitalliste stehen und deren Leistungen mitfinanziert werden. Die Basis ändert sich also. Die 150 Millionen beruhen auf dem, was die Gemeinden in der Vergangenheit bezahlten. Die 250 Millionen sind die erwarteten Kosten, inklusive Leistungsaufträge der Privatspitäler auf der Spitalliste.
Wer profitiert in diesem Rösslispiel?
Die Zusatzversicherten werden entlastet, die Grundversicherung und die öffentliche Hand werden mehr belastet.
Die einzige Kasse, die ihre Prämien bei der Zusatzversicherung 2012 senkt, ist die Helsana. Das Geld versickert demnach sonst wo.
Es liegt an den Zusatzversicherten, Druck auf ihre Kassen zu machen. Mittelfristig sollten die Halbprivat- und Privatversicherungen deutlich sinken. Wenn das nicht passiert, sollte die Finanzmarktaufsicht Finma einschreiten.
Ist unser Krankenkassensystem nicht ohnehin krank? Ein Drittel der Prämienzahler braucht staatliche Verbilligung. Besser wären einkommensabhängige Prämien oder die Finanzierung über Steuern.
Das ist eine grundsätzliche Frage: Wollen wir ein Versicherungssystem oder ein Staatssystem? Als Ökonom sage ich, dass die Prämie die Rechnung für unser Verhalten ist – nicht nur als Patient, auch als Stimmbürger. Von daher ist es das fairere und transparentere System.
Sollen die Kassen alles bezahlen, oder gibt es Limiten?
Zuerst einmal müssen sie im Rahmen der Grundversicherung die Grossrisiken abdecken. Das ist ihre Uraufgabe. Wenn ein Bluter ein teures Medikament braucht, soll er es erhalten. Sparen können wir aber u. a. die Ausgaben für die Komplementärmedizin. Das grösste Problem sind die falschen finanziellen Anreize für die meisten Akteure in diesem System und der damit verbundene fast uneingeschränkte Medizinkonsum.
Das Bundesgericht hat gesagt, dass Kosten bis zu 100'000 Franken für ein Lebensjahr tragbar seien, mehr nicht. Teilen Sie diese Ansicht?
Pauschalurteile sind in solchen Fällen immer schlecht. Oft sind Behandlungen mit neuen Medikamenten teuer, bringen aber schliesslich neue Erkenntnisse und Fortschritte. Als die HIV-Epidemie ausbrach, war die Behandlung zuerst teuer und die Lebensverlängerung gering. Heute können wir die Lebensqualität von Betroffenen massiv verbessern. Generell ist die Medikamentenentwicklung spezialisierter und darum teurer geworden. Das sollten wir uns aber leisten.
Wir übernehmen kritiklos, was uns die Pharmaindustrie vorsetzt.
Das würde ich nicht sagen. Die Zulassungskriterien für neue Medikamente sind strenger geworden, es werden auch Preisvergleiche angestellt mit umliegenden Ländern. Was zu wenig geschieht, ist der Vergleich der Wirksamkeit eines neuen Medikaments mit jener der bestehenden Behandlungsmethoden. Aber das ist ganz schwierig. Oft fehlen die Daten. Auch in diesem Bereich müssten wir uns stärker Europa anschliessen.
Ist die Datenlage denn so schlecht?
Ja. Wenn man effektiv steuern wollte, bräuchte es viel mehr Informationen, Austausch, Statistiken. Dann könnten wir entscheiden, wo wir das Geld am effektivsten einsetzen. Wir wissen in der Schweiz nicht einmal, wie viele Diabetiker es gibt. Aus gewissen Gründen sträuben sich Leute gegen Transparenz.
Wer hat ein Interesse an dieser Intransparenz?
Zum Beispiel jene Firmen und Menschen, die daran verdienen oder deren Macht davon abhängt, dass nicht alles klar ist. Mich stört nicht, dass wir relativ viel Geld für unser System ausgeben, sondern dass wir so wenig darüber wissen, welche Effekte wir damit erzielen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 16.10.2011, 18:58 Uhr
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3 Kommentare
manchmal beschleicht mich der Verdacht, dass all diese Privat- und Semiprivatsysteme teurer sind als wenn es wie in Dänemark z.B. Kommunalkassen gibt die das staatlich machen: man hat hier zig verschiedene Verwaltungsapparate involviert (Finanzamt, Versicherung, Zusatzversicherung, Unfallversicherung evtl., Bürger) in Dänemark ein Verwaltungsapparat Kommune/Land (Spital) und Bürger ein bisschen . Antworten
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