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«Wir haben heute tatsächlich das ungesunde Prinzip ‹all you can eat›»

Von Bernhard Kislig. Aktualisiert am 03.03.2011 37 Kommentare

Das Parlament soll keine zusätzliche Belohnung für den Beitritt zu Ärztenetzwerken schaffen, findet Stefan Kaufmann, Direktor des Krankenversichererverbandes Santésuisse. Sonst drohe eine Erhöhung der Prämien.

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«Die Gesundheitskosten lassen sich nur in kleinen Schritten senken»: Stefan Kaufmann, Direktor des Krankenversicherungsverbands Santésuisse. (Bild: Keystone )

Managed Care

Voraussichtlich heute feilt der Nationalrat erneut am Gesetz über Ärztenetzwerke. Noch sind einige Knackpunkte offen. Bundesrat und Parlament wollen Ärztenetzwerke stärken und attraktiver machen. Dazu wurde ein Gesetz erarbeitet, das voraussichtlich heute im Nationalrat ein weiteres Mal beraten wird. Das Gesetz ist unter dem Titel Managed Care bekannt, denn die Ärzte, die sich zu einem Netzwerk zusammenschliessen, sollen die gesamte Behandlung eines Patienten managen und dabei auch eine Budgetmitverantwortung tragen.

Selbstbehalt

Wie dieses Versicherungsmodell, das bereits heute existiert, attraktiver gemacht werden kann, darin sind sich National- und Ständerat noch nicht einig. Der Ständerat sprach sich dafür aus, dass der Selbstbehalt für Netzwerkversicherte bei 5 Prozent liegen soll, bei allen andern Versicherten jedoch bei 15 Prozent. Die Kommission des Nationalrates plädiert nun für die Variante 7,5 Prozent für Netzwerkversicherte und 15 Prozent für alle andern. Den Höchstbetrag soll der Bundesrat festlegen.

Zwang für Versicherer

Ebenfalls uneinig sind sich die Räte, wie stark die Versicherungen in die Pflicht genommen werden sollen. Der Ständerat will die Versicherer nicht verpflichten, Managed Care anzubieten. Die Kommission des Nationalrates hingegen schon.

Stichworte

Korrektur-Hinweis

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Herr Kaufmann, die Gesundheitskosten steigen seit Jahren. Rein ökonomisch betrachtet, liesse sich diese Entwicklung bremsen, indem die Versicherten mit höheren Franchisen stärker an den Kosten beteiligt würden.
Stefan Kaufmann: Die Franchise wäre tatsächlich höher, wenn sie in den vergangenen Jahren mit der Teuerung gestiegen wäre.

Die Franchisen sind also im Verhältnis zum Realeinkommen gesunken? Und damit auch die Schwelle, welche die Ausgaben im Gesundheitswesen bremst.
Ja.

Sollte es nicht umgekehrt sein?
Bei den Löhnen wird die Teuerung ausgeglichen. Also wäre zumindest eine Anpassung an die Teuerung sicher nicht falsch.

Das Managed-Care-Modell, welches das Parlament nun berät, sieht auch einen differenzierten Selbstbehalt vor.
Das Modell bietet Versicherten eine sinnvolle Wahlmöglichkeit, die Kosteneinsparungen ermöglicht. Sie sollen gemäss Nationalrat zwischen einem Selbstbehalt von 10 Prozent oder 20 Prozent entscheiden können. Nur wer einem Ärztenetzwerk beitritt, kann von der Variante mit den 10 Prozent profitieren.

Im Parlament steht nun aber auch ein tieferer Selbstbehalt zur Debatte.
Es wäre ein falsches Signal, wenn das Parlament unter den heutigen Mindestsatz von 10 Prozent ginge. In diesem Fall würden wohl vor allem in einer ersten Phase die Prämien steigen.

Manche zweifeln daran, dass mit Managed Care überhaupt Geld gespart werden kann.
Managed Care bringt eine Veränderung, welche auch die Versicherten im Portemonnaie spüren werden. Davon bin ich überzeugt. Und deshalb gehe ich auch von einer breiten Unterstützung bei den Versicherten aus.

Ist es aber nicht so, dass Versicherte nur so lange in Managed-Care-Modellen bleiben, wie sie gesund sind?
Erhebungen zeigen, dass die Versicherten nicht je nach gesundheitlicher Verfassung das Versicherungsmodell wechseln. Wenn man die Erfahrung mit der qualitativ besseren Versorgung in einem integrierten Versorgungsmodell gemacht hat, so will man nicht mehr wechseln.

Wo müsste die Politik grundsätzlich ansetzen, um die Kosten im Gesundheitswesen erfolgreich und anhaltend senken zu können?
Die Rahmenbedingungen müssen verbessert werden.

Inwiefern?
Vielleicht waren Sie auch schon einmal in einem amerikanischen Restaurant. Dort gibt es All-you-can-eat-Buffets. Das heisst: Die Gäste zahlen einen fixen Preis und können anschliessend so viel vom Buffet nehmen, wie sie wollen. Beim Rausgehen stellen Sie fest, dass die Teller auf den verlassenen Tischen noch voll sind.

Auf unser Gesundheitssystem gemünzt bedeutet das, Schweizerinnen und Schweizer zahlen einen mehr oder weniger fixen Versicherungsbetrag und können dafür unbeschränkt Dienstleistungen beziehen.
Wir haben heute tatsächlich das Prinzip «all you can eat». Das ist ungesund für die Entwicklung der Sozialversicherungen.

Welches Modell wäre denn besser?
Das Migros-System.

Wie bitte?
Der einzige Unterschied zum amerikanischen System ist die Waage bei der Kasse. Die Leute zahlen nach Gewicht. Die Folgen unterscheiden sich aber deutlich: Das Buffet sieht auch nach dem 20. Gast noch appetitlich aus, und die Teller bleiben schliesslich leer zurück.

Die Leute sollen mehr für die Leistungen zahlen, die sie beziehen. Das klingt nicht gerade sozialverträglich. Wie wollen Sie konkret vorgehen?
Mit Managed Care haben wir eine konkrete Lösung auf dem Tisch. Das Prinzip funktioniert ja bereits heute mit den bestehenden Managed-Care-Angeboten, zum Beispiel in den Ärztenetzwerken. Als Patient habe ich Zugang zu allen Leistungen und profitiere von einem Prämienrabatt. Wenn ich aber den Arzt frei wählen will, zahle ich eine höhere Prämie. Das Beispiel zeigt, dass von den Versicherten die Differenzierung der finanziellen Belastung akzeptiert wird – alles ohne die Solidarität zu strapazieren und ohne den Zugang zu Leistungen zu gefährden. (Berner Zeitung)

Erstellt: 03.03.2011, 11:14 Uhr

37

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37 Kommentare

Peter Kohle

03.03.2011, 12:53 Uhr
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Es ist ganz einfach:
- Der Arzt will behandeln (mehr Behandlungen = mehr Einkommen)
- Der Patient will behandelt werden (beste Behandlung ohne Rücksicht auf die Kosten)
- Ein Dritter zahlt
=> Die Kosten steigen immer mehr.
Dieser Mechanismus muss geändert werden, sonst geht es immer weiter mit den Prämiensteigerungen.
Antworten


Andrea Müller

03.03.2011, 12:51 Uhr
Melden

nun ja die Löhne werden auch nicht generell der Teuerung angepasst und mit jährlich steigenden Prämien, gibt es unterem Strich jedes Jahr weniger!! Aber es wäre generell nicht schlecht dass das bezahlt wird was benötigt wird! zahle jedes jahr viele Prämien, ohne dass ich was dafür erhalte!! Antworten




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