«Wir haben erst ein Etappenziel erreicht»

Um die Kosten im Gesundheitswesen nicht nur kurz-, sondern auch langfristig in den Griff zu bekommen, seien Reformen nötig, sagt Gesundheitsminister Didier Burkhalter.

Steigende Kosten: Ohne Reformen werde das Gesundheitswesen zu teuer, warnte gestern Gesundheitsminister Didier Burkhalter.

Steigende Kosten: Ohne Reformen werde das Gesundheitswesen zu teuer, warnte gestern Gesundheitsminister Didier Burkhalter. Bild: Keystone

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Herr Bundesrat, bis vor kurzem schien das Parlament in der Gesundheitspolitik blockiert zu sein. Jetzt aber steht eine Reform kurz vor dem Abschluss. Sind Sie zuversichtlich, dass sie durchkommt?
Ja, diese Session ist sehr erfreulich verlaufen, das Parlament versteht uns immer besser und vertraut uns immer mehr, auch wenn das nicht heisst, dass es allem zustimmt. Ich finde es fast schade, dass nun ein neues Parlament gewählt wird.

Mit der Reform will das Parlament Ärztenetzwerke zum Standard erklären. Gegen diese Managed-Care-Vorlage kommt nun aber von den Ärzten Widerstand. Enttäuscht Sie das?
Nein, auch wenn die Vorgehensweise etwas fragwürdig ist, denn ein Teil der Ärzte war schon bereit, das Referendum zu unterstützen, bevor die Vorlage überhaupt fertig beraten war. Aber wir haben erwartet, dass diese Reform zu Debatten führen wird. Die Arbeit in einem Netzwerk ist für viele Ärzte neu, ich verstehe sehr gut, dass da Ängste vor einer ungewissen Zukunft aufkommen. Es müssen neue Formen des Arztberufes gefunden werden. Gerade viele junge Ärzte und viele Ärztinnen schliessen sich Netzwerken an, denn sie möchten nicht als Einzelkämpfer und rund um die Uhr tätig sein. Ich erhalte denn auch viele Rückmeldungen von Ärzten, die Managed Care begrüssen.

Ist die Ärzteverbindung FMH überhaupt noch ein verlässlicher Partner, wenn ihre Mitglieder so unterschiedliche Meinungen haben?
Grundsätzlich schon. Was Sie ansprechen, ist ein gesellschaftliches Phänomen. Die Bereitschaft, sich diszipliniert hinter einen Verband zu stellen, ist kleiner geworden. Wir haben heute keine Partner mehr, die für alle ihre Mitglieder sprechen können. Das ist nicht nur bei der Ärzteverbindung so. Auch die Mitglieder des Spitalverbands oder des Krankenkassenverbands äussern vermehrt ihre eigenen Interessen. Deshalb muss den Behörden die Möglichkeit gegeben werden, einzugreifen, wenn die Partner sich nicht einig werden. Die Behörden sind die einzigen, die nicht Spezialinteressen ausgesetzt sind.

Falls ein Referendum zustande kommt: Wird es schwierig, die Abstimmung über Managed Care zu gewinnen?
Ohne die Reform wird das Gesundheitswesen einfach zu teuer, ich denke, das weiss die Bevölkerung. Für das Allgemeininteresse ist die Sache deshalb klar: Wenn wir wollen, dass weiterhin alle eine gute Behandlung erhalten, müssen wir das Gesundheitssystem effizienter gestalten. Mit Ärztenetzen erreichen wir das. Hier können die Ärzte die Behandlungen koordinieren, und die Anreize sind so gesetzt, dass nicht zu viele oder unnötige Behandlungen durchgeführt werden.

Dafür muss man auf die freie Arztwahl verzichten.
Es bleibt eine freie Wahl: Die Leute können entscheiden, ob sie in ein Netz gehen wollen, und sie können auch entscheiden, welches die Ansprech- und Vertrauensperson sein soll, welche dann die Behandlungen koordiniert und die Wahl der Spezialisten lenkt. Wenn ich krank werde, wünsche ich mir jemanden, dem ich vertraue und der mich berät, denn ich selbst kenne die Spezialisten ja nicht. Genau diese Beratung kann ein Ärztenetzwerk bieten. Das ist eine Hilfe für Patienten.

Sie haben Anfang 2010 drei Ziele formuliert: Neben Managed Care und einem besseren Risikoausgleich verlangten Sie mehr Transparenz bei den Finanzen im Gesundheitswesen. Wann ist diese Transparenz erreicht?
2012 wird die neue Spitalfinanzierung eingeführt. Sie bringt mehr Transparenz. Aber damit haben wir erst ein Etappenziel erreicht. Das langfristige Ziel ist, dass die stationären Leistungen der Spitäler nach denselben Regeln abgegolten werden wie die ambulanten in Arztpraxen. Das ist heute noch nicht so und kann zu falschen Anreizen führen. Hier suchen wir gemeinsam mit den Kantonen nach einer Lösung.

Welche Lösung zeichnet sich ab?
Es ist noch zu früh, sich dazu zu äussern, das ist ein langfristiges Projekt. Ausserdem wollen wir das gemeinsam mit den Kantonen angehen und kommunizieren.

Ihr Vorgänger wollte die Regel einführen, dass Ärzte keine Medikamente abgeben dürfen. Wird dieses Projekt nicht mehr weiterverfolgt?
Vielleicht lässt es sich mit der Managed-Care-Vorlage verbinden. Wenn die Ärzte in der Budgetverantwortung stehen, ist eine Medikamentenabgabe eigentlich kein Problem mehr. Denn mit Budgetmitverantwortung hat ein Ärztenetzwerk kein Interesse daran, zu viele Medikamente abzugeben. So müsste man nur noch bei den Ärzten eine Regelung finden, welche nicht in einem Netzwerk arbeiten. Es werden zurzeit Vorschläge zur Regelung der Medikamentenabgabe ausgearbeitet. Diese werden wir abwarten und prüfen.

Derzeit werden Unterschriften für eine Einheitskasse gesammelt. Bei der letzten Abstimmung waren Sie im Präsidium des Gegnerkomitees. Sind Sie nach wie vor ein überzeugter Gegner einer Einheitskasse?
Ja. Allein mit der Managed-Care-Vorlage erreichen wir viel mehr als mit einer Einheitskasse. Einer Einheitskasse gelingt es höchstens, die Verwaltungskosten etwas zu senken, aber diese sind mit fünf Prozent schon jetzt sehr tief. Die echten Probleme vermag eine Einheitskasse nicht zu lösen. (Berner Zeitung)

(Erstellt: 29.09.2011, 10:16 Uhr)

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