Schweiz

«Wir haben bei der SBB keine schlechte Stimmung»

Die wichtigsten Ziele habe die SBB in diesem Jahr erreicht, sagt SBB-Chef Andreas Meyer. Das Kader habe aber dafür hart arbeiten müssen. Die vielen Abgänge in der Führungsetage seien für die SBB eine Herausforderung.

Die drei Ziele Sicherheit, Pünktlichkeit und Finanzen seien erreicht, sagt Andreas Meyer.

Andreas Blatter

Andreas Meyer in seinem Büro im SBB-Hauptsitz in Bern. Er will über Weihnachten mehr  Zeit mit seiner Familie verbringen.

Andreas Meyer in seinem Büro im SBB-Hauptsitz in Bern. Er will über Weihnachten mehr Zeit mit seiner Familie verbringen. (Bild: Andreas Blatter)

Aus der SBB-Chefetage ist zu hören, dass die Stimmung schlecht sei. Stimmt das?
Andreas Meyer: Nein, das stimmt so nicht. Wir hatten ein anstrengendes Jahr und haben alle viel gearbeitet. Aber es hat sich gelohnt, wir haben unsere drei Hauptziele Sicherheit, Pünktlichkeit und Jahresergebnis erreicht. In einem schwierigen Jahr sind wir einige wichtige Schritte weitergekommen. Daran haben wir auch Freude.

Die Schärfe der geäusserten Kritik wirft aber die Frage auf, ob Sie noch den nötigen Rückhalt in der Konzernleitung haben.
Ich weiss nicht, worauf Sie Ihre Aussage stützen. Ich höre diese Kritik so nicht. Natürlich gibt es Dossiers, bei denen wir miteinander ringen. Aber das soll auch so sein, denn nur so kristallisieren sich die besten Lösungen heraus. Das heisst doch nicht, dass die Stimmung in der Konzernleitung schlecht wäre. Im Gegenteil.

Darunter leidet aber offenbar das Menschliche. Die kritischen Stimmen gibt es, das kann nicht wegdiskutiert werden?
Kritische Stimmen gibt es immer. Das soll auch so sein. Zu Jahresbeginn hatten wir im obersten Kader tatsächlich eine relativ grosse Verunsicherung. Es gab unterschiedliche Auffassungen, wer für was zuständig ist. Das sorgte für eine gewisse Verwirrung. Das haben wir inzwischen geklärt. Insofern würde ich sagen, dass die Stimmung heute deutlich besser ist als damals.

Das oberste SBB-Management wird jedes Jahr anonym darüber befragt, wie die Stimmung im Kader ist und wo der Schuh drückt. Dies ist ein Teil des jährlichen Risikoberichts. Dieses Jahr habe die Befragung ein schlechtes Resultat ergeben.
Jährlich werden Kader aller Bereiche zu den möglichen Risiken technischer, betrieblicher, finanzieller und anderer Art befragt. Das Resultat fliesst in den Riskreport ein. Zudem haben wir im Oktober anlässlich des Topkadermeetings eine Umfrage durchgeführt. Dabei gaben die Teilnehmer anonym an, was sie bewegt. Es ist klar, dass von 120 Kader nicht immer alle für alles Feuer und Flamme sind. Aber generell war das Ergebnis klar: Grundsätzlich ist die Stimmung gut.

Bei Erstellen des Risikoberichtes ist es aber offenbar zu grossen Differenzen gekommen. Der Bericht konnte bis heute dem Verwaltungsrat noch nicht vorgelegt werden. Wollten Sie brisante Aussagen zurückhalten?
Nein. Die Konzernleitung hat den Bericht diskutiert und in verschiedenen Punkten Änderungen und Ergänzungen gewünscht. Darauf wurde der Bericht überarbeitet. Das ist nichts Aussergewöhnliches, dieser Bericht wird jedes Jahr heftig diskutiert. Der Vorwurf, dass ich etwas unter den Tisch habe wischen wollen, ist völlig fehl am Platz. Im Gegenteil: Ich stehe für möglichst viel Transparenz. Unser Verwaltungsratspräsident Ulrich Gygi kennt übrigens die Entwurfsfassung des Berichts, ich habe sie ihm mit meinen persönlichen Notizen übergeben und ihn informiert, worin die Meinungsunterschiede bestehen und wie wir den Bericht fertigstellen. Ich sehe da kein Problem.

Aber in anderen Jahren war der Bericht zu diesem Zeitpunkt bereits beim Verwaltungsrat.
Wir sind nicht an einen Termin gebunden. Der Bericht wird in Ruhe fertiggestellt und dann dem Verwaltungsrat vorgelegt.

Von SBB-Managern?ist immer wieder zu hören, dass Ihr Umgangston sehr forsch sei. Ihnen fehle es an Gespür und Fingerspitzengefühl.
Das glaube ich nicht, und wenn ich tatsächlich einmal etwas zu forsch war, dann tut mir das leid. Ich manage in einem Glashaus. Was ich mache, wird gesehen. Es mag sicher vorgekommen sein, dass ich dem einen oder anderen einmal nicht die Wertschätzung habe zukommen lassen, die er verdient hätte. Auch das bedaure ich, wenn das so war. Mein Führungsstil ist ergebnis- und leistungsorientiert. Ich arbeite über die Ziele. Aber ich habe ein grosses Herz für Menschen. Wir als SBB haben aber auch eine sehr grosse Verantwortung.

In der obersten Führungsetage der SBB gab es in den letzten Jahren viele Abgänge. Ist das nicht eine Gefahr für die SBB?
Zweifelsohne ist jeder Abgang eines Leistungsträgers eine Herausforderung für die SBB. Die Wechsel sind aber aus ganz unterschiedliche Gründen erfolgt. Manche wechselten in die Führungsetage von anderen Unternehmen und Organisationen. Andere wollten sich beruflich neu orientieren. Es zeigt, dass die SBB auch eine Talentschmiede ist. Das ist für das Unternehmen ein Kompliment.

Es gab aber auch Abgänge, weil das Zusammenspiel zwischen Ihnen und den anderen Konzernleitungsmitgliedern nicht funktioniert hat. Das jüngste Beispiel dazu ist der Abgang des Generalsekretärs Kurt Signer.
Es gab sachliche Differenzen zwischen der Konzernleitung und dem Generalsekretär. Das nahm Herr Signer zum Anlass, sich aus freien Stücken von der SBB zu trennen. Aber nach über 8 Jahren in derselben Funktion kann es vorkommen, dass sich jemand neu orientieren will.

Ein weiterer Vorwurf, der zu hören ist, ist, dass Sie ein Mikromanagement betreiben. Sie würden im Detail in die Aufgaben anderer einmischen.
Ich führe wie gesagt in erster Linie über Ziele. Fehler dürfen passieren. Mir ist aber wichtig, dass wir aus den gemachten Fehlern lernen. Deshalb frage ich zum Teil hartnäckig nach, ob wir dann tatsächlich die Lehren gezogen haben. Und dann besuche ich manchmal auch Mitarbeiter an der Basis, um einen eigenen Eindruck von Herausforderungen und Fortschritten zu gewinnen. Da kann manchmal der Eindruck entstehen, dass ich den Leuten dreinrede. Ich bin der Meinung, dass es die Aufgabe des CEO ist, Fragen zu stellen.

Auch um zehn Uhr abends, wie von SBB-Managern zu hören ist?
Das ist sicher nicht die Regel. Im engsten Kreis von Vertrauten kann dies vorkommen. Das ist in solchen Funktionen aber auch üblich. Auch am Wochenende kommt es vor, dass ich ab und zu ein Mail oder SMS verschicke. Am Wochenende lasse ich die Kollegen, wenn es nicht brennt, in Ruhe. Mir geht es ja gleich: Auch ich will dann etwas mit meiner Familie unternehmen.

Letzte Woche wurde bekannt, dass sich niemand für eine Beteiligung an SBB-Cargo interessiert. Das Problem SBB Cargo konnten Sie in Ihren drei Jahren als SBB-Chef nicht wirklich weiterbringen.
Ich stelle fest, dass sich SBB Cargo im Vergleich zu anderen Güterbahnen in der aktuellen Krise relativ gut hält. Wir konnten selbst in diesem wirtschaftlich schwierigen Umfeld Verbesserungen erzielen. Die ergriffenen Sanierungsmassnahmen wirken. Die strategische Positionierung muss allerdings noch weiter entwickelt werden.

Wie tief steckt SBB Cargo in den roten Zahlen?
SBB Cargo wird auch im 2009 einen Verlust schreiben, wie alle anderen Güterbahnen wohl auch. Der Cargo-Bereich hat in den letzten zehn Jahren etliche Versuche unternommen, um schwarze Zahlen zu erreichen. Doch kurz vor der Ziellinie kam es immer wieder zu einem herben Rückschlag. Das ist sehr mühsam für alle.

Wie geht es weiter?
Nachdem kein Angebot gekommen ist, muss sich SBB Cargo eigenständig weiter entwickeln. Wir können uns gezielte Kooperationen im In- und Ausland vorstellen. Darüber entscheidet der Verwaltungsrat im ersten Quartal 2010.

Die SBB fordert vom Bund eine zusätzliche Milliarde, um den Nachholbedarf im Infrastrukturbereich zu decken. Ist dies nur die Spitze des Eisbergs?
Momentan arbeiten wir an einem Bericht, der den Nachholbedarf im Detail aufzeigen soll. Da ist auch das Bundesamt für Verkehr und der Bund als Eigentümer miteinbezogen. Klar ist, dass der Nachholbedarf grösser wird, wenn wir zuwarten und nichts machen. Das Schweizer Schienennetz wird immer intensiver genutzt, daher steigen auch die Kosten für den Unterhalt an.

Ist es finanzierbar?
Die Lage ist verzwickt. Der Bund hat ein Sparprogramm und will Mehrausgaben vermeiden. Doch wenn jetzt beim Unterhalt gespart wird, wird der Nachholbedarf immer grösser und teurer. Da öffnet sich eine Schere.

Wie ist der Konflikt zu lösen?
Mich stimmt zuversichtlich, dass niemand bei der Sicherheit der Infrastruktur Kompromisse machen will. Das wäre auch nicht akzeptabel. Deshalb denkt man momentan darüber nach, finanzielle Mittel, die für Engpassbeseitigungen im Netz vorgesehen sind, für den Unterhalt zu verwenden. Schlussendlich muss der Bund entscheiden, was er will. Die SBB erhält den Leistungsauftrag vom Bund. Wenn dieser kleiner wird, so muss der Bund auch sagen, wo gespart werden soll.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 23.12.2009, 07:30 Uhr

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2 Kommentare

Ulrich Scheidegger

23.12.2009, 14:40 Uhr
Melden

Die Strategie in dieser Angelegenheit von Herr Meyer -die Problematik abdämpfen und schönreden. Wem hilfts? Antworten


Ronald Lack

23.12.2009, 11:07 Uhr
Melden

A: Meyer soll zuerst für Ruhe und Ordnung im Kader sorgen und selber mal über die Bücher gehen was da alles falsch läuft. Er muss zuerst beweisen dass er fähig ist für seinen üppigen Lohn. Fordern kann jeder aber auch eine Leistung erbringen, das sind 2 Paar Schuhe. Antworten



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