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Wie ein russischer General zum schweizerischen Volkshelden wurde

Von Hannes Nussbaumer, Muotathal. Aktualisiert am 19.09.2009

Vor über 200 Jahren zog er mit seinem Heer durch die Schweiz. Wo er durchkam, wird er noch heute verehrt: General Suworow. Nächste Woche würdigt ihn der russische Präsident.

Das Schweizer Idol aus dem Osten: Alexander Wassiljewitsch Suworow. Sein Denkmal wurde 1999 auf den St.Gotthard enthüllt.

Das Schweizer Idol aus dem Osten: Alexander Wassiljewitsch Suworow. Sein Denkmal wurde 1999 auf den St.Gotthard enthüllt.
Bild: Keystone

Die Schwestern im Muotathaler Frauenkloster wären parat gewesen für den hohen Gast aus Russland. Man wäre ungestört gewesen – denn wie von der Schwyzer Kantonspolizei gewünscht, haben die Schwestern dafür gesorgt, dass sich am kommenden Dienstag keine Gäste auf dem Klosterareal aufhalten. Schwester Monika hätte Dmitri Medwedew zum Holztisch im ersten Stock des Klosters geleitet. Es ist der Tisch, an dem zwischen dem 28. und 30. September 1799 General Suworow die Mahlzeiten eingenommen hat. Schwester Monika ist die Suworow-Spezialistin unter den sieben Muotathaler Nonnen und hätte dem Präsidenten Auskunft geben. Russisch könne sie allerdings nicht, sagt sie und kichert. Englisch auch nicht. «Nur Muotathalerisch.»

Wochenlang stand das Kloster auf Dmitri Medwedews provisorischem Besuchsprogramm. Gestern teilte das Departement für Auswärtiges mit, dass der russische Präsident Muotathal «aller Voraussicht nach» nicht besuchen werde. Dafür wird er beim Suworow-Denkmal in der Schöllenenschlucht Halt machen.

Alexander Wassiljewitsch Suworow hat die Ehre fraglos verdient. Der 70-jährige Fürst und Generalissimus und seine 22'000 Soldaten haben im Herbst 1799 Geschichte geschrieben – mit einem spektakulären Marsch durch die Schweiz.

Ein Marsch über vier Pässe

Suworow kämpfte damals in einer Koalition mit Österreich, England und weiteren Monarchien gegen das revolutionäre Frankreich. Dieses war im Begriff, sich in Europa immer weiter auszubreiten. Unter Suworows Führung gelang es den Russen im Frühjahr 1799, die Franzosen aus Norditalien zu verjagen. Darauf bekamen Suworow und seine Soldaten den Befehl, auf die Alpennordseite zu wechseln und sich dort der Franzosen anzunehmen. 1798 waren diese in die Schweiz einmarschiert, hatten die alte Ordnung weggefegt und an ihrer Stelle die Helvetische Republik eingerichtet.

Am 21. September brachen die Russen ihr Lager in der Nähe von Lugano ab und zogen Richtung Gotthard los. Zuerst am Pass selbst, später in der Schöllenenschlucht kam es zu schweren Gefechten mit den Franzosen. Vermutlich gegen 2000 Russen verloren das Leben. Am 26. September zog General Suworow in Altdorf ein und pries sich dort als Erlöser der Schweiz.

Nicht viel zu feiern

Viel zu feiern gab es freilich nicht. Weil die Axenstrasse noch nicht gebaut war und die Franzosen alle Schiffe aus dem Urnersee weggeführt hatten, mussten Suworow und seine bereits arg ramponierten Männer den Weg über den 2073 Meter hohen Kinzigpass nach Muotathal nehmen. Dort kam es zu erneuten Gefechten zwischen Russen und Franzosen. Mit der Folge, dass die damals zwanzig Nonnen im Muotathaler Frauenkloster nicht nur Suworow zu versorgen hatten, sondern auch etwa 500 Verletzte. Wer unter den Russen noch Kraft hatte, versuchte sich mit dem Nötigsten zu versorgen – und das waren in erster Linie Schuhe. Den gefangenen Franzosen wurden sie samt Socken ausgezogen. Ähnlich erging es nicht wenigen Einheimischen.

Viel mehr geschmerzt haben als der desolate Zustand seiner Soldaten dürfte den General freilich ein anderer Umstand: In Muotathal erfuhr er, dass er sich nicht wie geplant im wenige Kilometer entfernten Schwyz mit den österreichischen Truppen vereinen konnte – weil diese inzwischen von den Franzosen schwer geschlagen worden waren.

Verheerende Finale eines Gewaltmarschs

Suworow musste die Route korrigieren und führte seine Armee erneut in die Berge: zuerst über den Pragelpass nach Glarus, von dort weiter nach Elm und dann über den 2407 Meter hohen Panixerpass ins Bündner Vorderrheintal. Der letzte Übergang war das verheerende Finale eines Gewaltmarschs: Auf dem Panixerpass lag der Schnee knietief. Der Weg war nicht mehr zu finden.

Die gefangenen Franzosen marschierten barfuss; die Russen mit Schuhwerk, das schon längst nicht mehr als solches zu erkennen war. Tausende erfroren oder stürzten ab. Auf der Passhöhe zerbrachen die Kosaken schliesslich ihre Lanzen, um dem Generalissimus ein wärmendes Feuer entfachen zu können.

Was von Suworows Armee übriggeblieben war, schleppte sich nach Chur und dann durchs Rheintal abwärts ins vorarlbergische Feldkirch. Es waren noch rund 15'000 Soldaten, davon 10'000 kampffähige, welche die Schweiz Richtung Russland verliessen.

Besatzer und Retter

Zurück blieb entlang der Schweizer Suworow-Route eine Bevölkerung, die in diesen Kriegszeiten einen hohen Preis bezahlt hatte. Denn die Russen hatten es längst nicht nur auf ihre Schuhe abgesehen. Walter Gähler, Gründer und Betreiber des Suworow-Museums im glarnerischen Schwanden, sagt, dass keine Kuh und kein Laib Käse, die den ausgehungerten Truppen in Griffnähe kamen, überlebten. Und trotzdem ist die gesamte Strecke gesäumt von Gedenktafeln und Andenken; fast jeder Stuhl, auf dem der General gesessen und fast jedes Bett, auf dem er gelegen hat, sind irgendwo ausgestellt. Eine Tafel, die an die Franzosen erinnert, sucht man derweil vergebens.

Warum das? «Den Russen wird alles verziehen», sagt Walter Gähler im Glarnerland. «Suworow wird hier noch immer sehr, sehr geschätzt», sagt Schwester Monika in Muotathal. «Dass die Bevölkerung wegen der Russen grosse Opfer briogen musste, wird völlig ausgeblendet. Die Russen werden hier verehrt», sagt Iwan Rickenbacher, aufgewachsen in Schwyz, einst Lehrer in Muotathal, heute Politberater und Verwaltungsrat der «Tages-Anzeiger»-Herausgeberin Tamedia.

Der Grund: «Die Franzosen galten hier als feindliche Besatzer», sagt Rickenbacher. Die Russen seien gegen diese Besatzer angetreten, erfolglos zwar, aber mit gigantischem Engagement. Das danken ihnen die Einheimischen, indem sie sie bis in die Gegenwart als Retter verehren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.09.2009, 08:35 Uhr

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