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Wie der Bund die Geiseln befreien wollte

Von Thomas Knellwolf, Patrick Feuz, Daniel Friedli. Aktualisiert am 19.06.2010

Nach ersten Gerüchten über Pläne zu einer militärischen Befreiungsaktion in Libyen werden jetzt Details bekannt: Eine Flucht im Jet, durch die Wüste oder gar per U-Boot – der Bund prüfte verschiedene Strategien.

Eine Kommandoaktion von Schweizer Agenten oder gar Elitesoldaten zur Befreiung der Geiseln in Tripolis? Vor Jahresfrist äusserte sich der damalige Ständerat Didier Burkhalter in diese Richtung, später forderte die Lega dei Ticinesi einen entsprechenden Einsatz, gestern berichtete Radio Suisse Romande davon – und löste eine heftige Debatte aus.

Jetzt bestätigt Aussenministerin Micheline Calmy-Rey gegenüber dem «Tages-Anzeiger», dass die Verwaltung die Option der militärischen Intervention prüfte. «Wir sprechen hier über eine einzigartige Krise», sagte die Bundesrätin im Interview, «dazu gehört auch das Nachdenken über unkonventionelle Möglichkeiten.» Umgesetzt wurde schliesslich keiner diese Pläne.

Die Algerier stellten unerfüllbare Bedingungen

Allerdings, so berichten andere, mit den Plänen vertraute Personen, waren die Verantwortlichen mehr als einmal nahe daran. Gemäss einer gut informierten Quelle kam es Ende 2008 und Anfang 2009 zweimal beinahe zu Befreiungsaktionen, in welche der Schweizer Geheimdienst involviert war. Wenige Tage vor Weihnachten 2008 war geplant, die beiden Festgehaltenen an die algerische Grenze zu fahren. Für die Einreise ins westliche Nachbarland Libyens hätten offizielle algerische Stellen die Einwilligung gegeben. Göldi und Hamdani seien schon startbereit gewesen. Doch im letzten Moment habe man die Aktion gestoppt, weil die Algerier unerfüllbare Bedingungen gestellt hätten: Offenbar verlangten sie von Bern die Auslieferung von Landsleuten; in der Schweiz leben zahlreiche algerische Oppositionelle.

Kurz darauf plante der Bund gemäss derselben Quelle eine zweite derartige Aktion via den Niger. Für die anschliessende Flucht durch die Wüste seien im südlichen Nachbarstaat Libyens bereits lokale Helfer engagiert gewesen. Doch auch diese Aktion sei kurz vor dem Start abgebrochen worden. Vermutet wird, dass das libysche Regime aus Algerien gewarnt wurde. Jedenfalls seien Göldi, Hamdani und die Botschaft in Tripolis ab jenem Moment noch stärker überwacht worden als zuvor.

Flucht auf dem Golf-Ausflug

Weitere Fluchtpläne wurden gemäss einer anderen Quelle schon zu einem früheren Zeitpunkt der Krise evaluiert. So sei im Herbst 2008 erwogen worden, Göldi und Hamdani mit einem Kleinflugzeug aus dem Land zu schleusen. Als Tarnung sollte dabei das Hobby des damaligen Schweizer Botschafters in Tripolis dienen: Er flog freitags häufig auf die tunesische Insel Djerba zum Golfspielen - die beiden Schweizer hätten dorthin mitfliegen sollen. Wie konkret die Sache wurde, ist unklar. Die Idee sei schliesslich als zu heikel verworfen worden, heisst es nur.

In den letzten Wochen des Geisel-dramas hat der Geheimdienst dann laut der gleichen Quelle weitere Optionen gedanklich durchgespielt. So soll die Idee ins Spiel gekommen sein, eine britische Sicherheitsfirma zu engagieren. Als theoretische Variante sei eine private Befreiungsaktion vom Meer her diskutiert worden, wobei ein U-Boot zum Einsatz gekommen wäre.

Kritik von Merz

Offiziell äusserte sich am Freitag niemand zu diesen Planspielen. Ein Diplomat im Aussendepartement sagte, dies sei nur schon darum unmöglich, weil es wohl wieder einmal Geiselnahmen gebe und man auch dann noch alle Optionen zur Verfügung haben müsse. Politisch aber, so viel ist klar, werden diese Pläne noch zu heftigen Diskussionen führen - die gestern in einer angespannten Bundesratssitzung bereits begannen: Gemäss Informationen des Westschweizer Radios legte Finanzminister Hans-Rudolf Merz dem Gremium einen Bericht vor, in dem er das Krisenmanagement durch Aussenministerin Calmy-Rey heftig kritisierte.

Speziell soll Merz bemängelt haben, er selber sei über die Interventionsszenarien im Ungewissen gelassen worden sein. Dem widersprachen jedoch im Aussendepartement mehrere Quellen. Es sei undenkbar, solche Operationen ohne Einbezug des Bundesrates zu beschliessen. Möglich scheint indes, dass die Vorbereitungen dazu, bei denen es ja letztlich blieb, zuerst nur im kleinen Kreis oder im Sicherheitsausschuss der Regierung besprochen wurden. Bundesratssprecher André Simonazzi verweigerte gestern jede inhaltliche Auskunft zu dem Thema.

Merz nächste Woche angehört

Mehr Klarheit wollen nun die Geschäftsprüfer des Ständerates in die Sache bringen. Peter Briner (FDP, SH), der Präsident der Subkommission, welche die Affäre aufrollt, sagte gestern, auch er habe gerüchteweise schon von militärischen Planspielen gehört. Was Merz davon wusste oder nicht, wird er bei seiner Anhörung vor der Kommission nächsten Donnerstag darlegen können. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.06.2010, 17:11 Uhr


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