Wie Whistleblower erfolgreich sind
Von Simone Rau. Aktualisiert am 07.01.2012 74 Kommentare
Bildstrecke
Bildstrecke
Dossiers
Artikel zum Thema
- Widmer-Schlumpf: Rücktritt von Hildebrand wäre gravierend
- So unterscheiden sich die Regeln für Hildebrand und Draghi
- «Ich krebse nicht zurück»
- Hat Christoph Blocher gelogen?
- Hildebrand muss Konti offenlegen
- «Es war normal, dass Blocher zu mir kam»
- Del Ponte verteidigt Blocher
Stichworte
SwissquoteExklusiver Trading-Partner
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Whistleblower sind Menschen, die Missstände in Behörden und Betrieben öffentlich machen. Oder mit den Worten der Juristin Esther Wyler, die als Controllerin die Misswirtschaft im Zürcher Sozialamt aufdeckte und daraufhin entlassen wurde: «Whistleblowing bedeutet handeln, und zwar rechtzeitig, bevor es zu spät ist.»
Fristlos entlassen wurde auch der 39-jährige IT-Mitarbeiter der Bank Sarasin. Dies, weil er die Bankdaten zu den Devisentransaktionen der Familie Hildebrand entwendet und dem Thurgauer Anwalt und SVP-Kantonsrat Hermann Lei übergeben hatte.
Für den eidgenössischen Datenschutzbeauftragten Hanspeter Thür ist klar: «Der IT-Mitarbeiter ging davon aus, dass der Nationalbank-Präsident eine Rechtsverletzung begangen hat – sonst hätte er die Daten nicht gestohlen.» Auf einen allfälligen Straftatbestand aufmerksam machen zu wollen, sei «grundsätzlich ein hehrer Gedanke». Doch ein Whistleblower begehe selbst «immer eine Rechtsverletzung, meist sogar ebenfalls eine strafbare Handlung, die nur unter extremen Bedingungen zu rechtfertigen» sei. Wer diesen Schritt wagen wolle, müsse sich deshalb zuvor seriös informieren, ob solche Rechtfertigungsgründe tatsächlich vorliegen.
«Ein katastrophaler Fauxpas»
Genau dies hat der IT-Mitarbeiter laut Thür aber unterlassen: «Er ging mit den Daten zu einem politischen Gegner Hildebrands. Das war ein katastrophaler Fauxpas und mindestens hochgradig naiv.» Er habe doch wissen müssen, dass der SVP-Kantonsrat politischen Gewinn aus den Informationen schlagen würde. Viel besser, so Thürs Empfehlung, hätte der Mitarbeiter die interne Meldestelle der Bank informiert oder aber einen «ihm nahestehenden, vertrauenswürdigen und politisch neutralen Juristen».
Dieser hätte dann – wenn nötig – die Nationalbank oder den Bundesrat informieren können. Über eine spezielle Anlaufstelle für Whistleblower verfügt die Bank Sarasin nach eigenen Angaben nicht, jedoch – wie jede Bank – über eine sogenannte Compliance-Abteilung. Diese wacht über die Einhaltung sämtlicher gesetzlicher und unternehmensinterner Richtlinien. Der IT-Mitarbeiter hat es unterlassen, sich bei ihr oder seinem Vorgesetzten zu melden.
Möglicherweise wird man Sie entlassen
Unabhängig vom Fall Hildebrand stellt sich die Frage: Wie sollen Menschen vorgehen, die an ihrem Arbeitsplatz tatsächliche oder vermeintliche Missstände feststellen? Tipps gibt es etwa im Leitfaden von Transparency International Schweiz, einem politisch neutralen Verein, der sich für die Korruptionsprävention und -bekämpfung in der Schweiz einsetzt.Ganz wichtig: Seien Sie sich bewusst, dass Ihr Handeln bei Ihrem Arbeitgeber keine Sympathie hervorrufen wird. Möglicherweise wird man gegen Sie kämpfen oder Sie gar entlassen.
Halten Sie diese Belastungen für zumutbar, dann achten Sie von Anfang an darauf, dass Sie keine Spuren hinterlassen. Benutzen Sie also keine Computer, Mails oder Telefone ihrer Firma. Dokumentieren Sie Ihre Beobachtungen. Und behalten Sie Ihre Vorwürfe für sich. Je mehr Leute davon wissen, desto grösser ist die Gefahr, dass Sie auffliegen. Suchen Sie aber gleichzeitig nach Verbündeten, die sich ebenfalls an den Missständen stören. Gemeinsam sind Sie stärker.
Gang zur Presse
Gibt es in Ihrem Betrieb keine interne Meldestelle, kennen Sie keinen vertrauenswürdigen Anwalt und unternimmt auch die zuständige Behörde nichts, bleibt der Gang zu den Medien. Der «Tages-Anzeiger» (TA) etwa geht Ihren Vorwürfen journalistisch seriös nach und macht diese – sollten sie sich erhärten – publik. Whistleblower können sich anonym oder mit Angabe ihrer Personalien melden; Letzteres erleichtert dem TA die Arbeit bei Nachfragen. Übrigens: Vor Gericht dürfen sich Journalisten weigern, ihre Informanten preiszugeben. Man nennt dies Zeugnisverweigerungsrecht. Ihre Anonymität bleibt also gewahrt.
Die Whistleblowerin Esther Wyler, die die Missstände im Zürcher Sozialamt zusammen mit ihrer Kollegin Margrit Zopfi 2007 der «Weltwoche» meldete und mittlerweile als Beraterin für Whistleblower und Mobbingopfer tätig ist, würde sich heute «wohl am ehesten an den ‹Beobachter› wenden», wie sie sagt. Die Zeitschrift hat die anonyme Meldeplattform www.sichermelden.ch eingerichtet. Dort können Whistleblower Meldungen machen sowie Dokumente hochladen, die ihre Vorwürfe stützen. «Keinesfalls würde ich mich an irgendwelche Anwälte oder andere Personen wenden, auch nicht an Arbeitskollegen», sagt Wyler. Ebenfalls keine Option seien Ombudsstellen oder Geschäftsprüfungskommissionen. Erstere seien «zu nahe beim Staat», Letztere «politisch verfilzt». Bei internen Meldestellen wiederum bestehe die «Gefahr des Vertuschens». (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 07.01.2012, 15:42 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
74 Kommentare
Die rechtskräftig verurteilte E. Wyler als Ratgeberin darstellen, ist nicht gerade hilfreich. Sie bezeichnet Ombudsstellen und vom Volk gewählte, aus allen Parteien zusammengesetzte Parlamentskommissionen pauschal als "staatsnahe" und "verfilzt", ohne je an sie gelangt zu sein. Richtig ist aber, dass es dringend gesetzliche Schutzmassnahmen und Regeln für echtes Whistelblowing braucht. Antworten
Frau Zopfi arbeitet seit August 2009 im Sekretariat von Dr. Christoph Blocher und bei seiner Firma Robinvest. Erstaunlich, wie viele Verbindungen von Whistleblowern via Weltwoche zum SVP-Patriarchen führen, nicht nur im Fall Hildebrand.
Alles Zufall? Oder skrupellos organisiert und aufgezogen?
Antworten
Schweiz
- 18:44Nach dem Kampfjet erhitzen die Militärvelos die Gemüter
- 15:25Hacker dringen in EDA-Computernetzwerk ein
- 12:32Kriminaltouristen rücken mit schwerem Geschütz vor
- 10:49So will Levrat ein Nein zu den Steuerabkommen erzwingen
- 08:32FDP-Präsident Müller will Gripen abschiessen
- 23:34Roger de Weck in der Kritik
Online-Wettbewerb
Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!




Bitte warten



