Wie Billigkassen von ihren Mutterhäusern profitieren

Von Daniel Friedli, Bern. Aktualisiert am 22.05.2009 15 Kommentare

Die Kunden vieler etablierter Krankenkassen subventionieren mit ihren Prämien die Angebote der neuen Billiganbieter. Das soll sich jetzt ändern.

Mitzahlen für die anderen: Kunden von grossen Mutterkassen subventionieren die billigen Prämien der Tochterkassen.

Mitzahlen für die anderen: Kunden von grossen Mutterkassen subventionieren die billigen Prämien der Tochterkassen.
Bild: Keystone

Es ist ein Beispiel von vielen: Ein 19-jähriger Stadtzürcher zahlt, wenn er sich bei der Helsana mit der kleinsten Franchise grundversichern lässt, pro Monat 354 Franken Prämie. Schliesst er seine Grundversicherung stattdessen bei der Helsana-Tochter Avanex ab, kostet sie ihn nur 267 Franken, also rund ein Viertel weniger. Und dies, obwohl er bei beiden Kassen definitionsgemäss dieselben Grundleistungen gedeckt kriegt.

Diese Rechnung könne nicht aufgehen, monieren nicht nur linke Politiker seit langem – und bekommen nun Recht. Die Prämien vieler Billigkassen waren letztes Jahr viel zu tief, um die anfallenden Kosten zu decken. So auch bei der Avanex. Rein versicherungstechnisch klaffte bei ihr ein Loch von knapp 51 Millionen Franken.

Hoher «sonstiger Erfolg»

Umso überraschender ist, dass die Avanex das Jahr unter dem Strich trotzdem mit Gewinn abschliesst: Sie konnte unter dem nicht näher definierten Posten «sonstiger Erfolg» Einnahmen von 53 Millionen Franken verbuchen, womit die Zahlen ins Schwarze kippten und ein Plus von knapp zwei Millionen dastand.

Das Zauberwort für diese Rechnung heisst Quersubventionierung: Das positive Ergebnis der Avanex sei durch die «gruppeninterne Wachstumsfinanzierung» des Helsana-Konzerns zu Stande gekommen, heisst es im Jahresbericht der Kasse. Und Helsana-Sprecher Rob Hartmans erklärt auf Anfrage, was dies bedeutet: «Das Wachstum der Tochtergesellschaften wird auch aus der Holding finanziert.» Und weiter: «Selbstverständlich stammen die Mittel der Holding aus dem Privatversicherungsgeschäft.»

Die Kantone haben genug

Diese Praxis ist politisch höchst umstritten, denn sie kommt faktisch einer Umverteilung gleich: Die Kunden in der Mutterkasse und in der Zusatzversicherung tragen mit ihren Prämien dazu bei, dass die meist jungen und gesunden Versicherten in den Billigkassen viel weniger bezahlen müssen als sie selber. «Dadurch wird die Solidarität in der Grundversicherung ausgehöhlt», sagt SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr.

So denken auch die Kantone. Sie unterstützen seit längerem eine Motion des Schwyzer CVP-Ständerates Bruno Frick, mit welcher die kleine Kammer gegen die Billigkassen vorgehen will. Weil ihnen das aber zu lange dauert, werden sie am nächsten Montag, wenn sich Bund, Kantone und Kassen zu einer nächsten Situationsanalyse treffen, Gegenmassnahmen verlangen: Die Quersubventionierung müsse verboten werden, sagt Carlo Conti, Basler Regierungsrat und Vizepräsident der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren.

Noch weiter geht die Freiburger CSP-Nationalrätin Marie-Thérèse Weber-Gobet. Sie qualifiziert die Quersubventionierung als Begünstigung, und will darum nun die Geschäftsprüfungskommission des Nationalrats einschalten. Das Aufsichtsgremium soll untersuchen, weshalb der Bund Prämien genehmige, die nicht den tatsächlichen Kosten entsprochen hätten. Und es soll nachbohren, wieso die für die Zusatzversicherungen zuständige Finanzmarktaufsicht Quersubventionen in den Bereich der sozialen Krankenversicherung toleriere.

Helsana: Im Dienst der Kunden

Kein Verständnis für dieses Kesseltreiben hat die Helsana. Aus ihrer Sicht hat die Finanzierungsstrategie nichts Anrüchiges, und schon gar nichts Illegales. «Es handelt sich um einen völlig normalen Vorgang, den wir im Geschäftsbericht offenlegen», sagt Rob Hartmans. Den Kunden werde damit nicht geschadet, ganz im Gegenteil: Der Wettbewerb unter den Kassen vergrössere ihre Auswahl. Bei einer Vereinheitlichung der Prämien müssten bei den grossen Kassen-Gruppen 42 Prozent der Versicherten tiefer in die Tasche greifen. Betroffen wären vor allem junge Erwachsene und Familien. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.05.2009, 22:13 Uhr

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15 Kommentare

Rudolf Berbig

22.05.2009, 23:37 Uhr
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Die Idee mit dem Konkurenzkampf unter den Krankenkassen stammt aus dem Gesundheitsdepartement. Die Initiative der Einheitskasse wurde mit genau diesem Argument gebodigt. Das Abjagen der guten Risiken ist logische Konsequenz. Es ist Zeit das Problem bei der Wurzel zu packen: Kosten (Angebot Grundversicherung, Medikamententarife, unnötige Arztbesuche) und Administration (Einheitskasse) reduzieren. Antworten


Gion Saram

22.05.2009, 23:40 Uhr
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Als junger Erwachsener mit Familie hätte ich keine Freude daran anstatt wie bis jetzt "nur" einen Monatslohn plötzlich 2 Monatslöhne für die KK-Prämien auszugeben. Andererseits würde mit höheren Prämien für junge Erwachsene ein Anreiz geschaffen sich aktiver gegen die stetige Ausweitung des Leistungsangebots zu engagieren und nicht das Abstimmen den Alten und Kranken zu überlassen. Antworten



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