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Wenn der Röschtigraben das Land zweiteilt

Interview: Matthias Chapman. Aktualisiert am 27.09.2010

Wieder einmal haben Deutsch- und Westschweiz unterschiedlich abgestimmt. In der Röschtigraben-Rangliste steht der heutige ALV-Urnengang aber nicht in den vordersten Rängen, erklärt Politbeobachter Lukas Golder.

Oft weht der Wind in der Schweiz ziemlich unterschiedlich: Fahnenschwinger auf dem Männlichen bei Grindelwald.

Oft weht der Wind in der Schweiz ziemlich unterschiedlich: Fahnenschwinger auf dem Männlichen bei Grindelwald.
Bild: Keystone

Lukas Golder ist Politik- und Medienwissenschafter und Mitglied der Geschäftsleitung von Claude Longchamps GFSBern.

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Grösste Unterschiede im Abstimmungsverhalten zwischen Deutsch- und Westschweiz der letzten 10 Jahre in Prozent

09/04 Mutterschaftsversicherung 28,,2
09/04 Einbürgerung 3. Generation 24,4
09/04 Einbürgerung 2. Generation 24,0
06/08 Gesundheitsartikel 23,6
03/07 Einheitskrankenkasse 22,9
06/08 Einbürgerungsinitiative 21,5
02/04 Obligationenrecht (Miete) 18,8
09/04 VI Postdienste für alle 18,2
03/01 VI Ja zu Europa 17,5
09/10 ALV-Revision 16,8

Zum Vergleich
12/92 EWR 28,6

Quelle: GFSBern

Herr Golder, wieder einmal kommt der Röschtigraben voll zum Ausdruck. Wie ist das Resultat diesbezüglich einzuordnen?
Wir vom GFSBern haben die Abstimmungsresultate bis ins Jahr 2000 auf diesen Aspekt zurückverfolgt. Vom prozentualen Unterschied her gesehen steht das heutige Resultat mit 16,8 Prozent an zehnter Stelle.

Welche Abstimmungen zeigten denn einen noch deutlicheren Unterschied zwischen Deutsch- und Westschweiz?
Den grössten Unterschied hatten wir bei der Mutterschaftsversicherung im Jahr 2004. Damals lag er bei 28,2 Prozent. Auf Rang zwei haben wir die beiden Abstimmungen über die erleichterte Einbürgerung von Ausländern der 2. und der 3. Generation im Jahr 2004. Wir hatten hier Differenzen zwischen Deutsch- und Westschweiz von 24,0 und 24,4 Prozent. Auf den Plätzen drei und vier folgen der Gesundheitsartikel (2008) und die Einheitskrankenkasse (2007). Die Werte dort betrugen 23,6 beziehungsweise 22,9 Prozent.

Wo resultierte denn der grösste je gemessene Unterschied im Abstimmungsverhalten zwischen Deutsch- und Westschweiz?
Genaue Zahlen haben wir nur für die 10 letzten Jahre. Extrem war aber natürlich die EWR-Abstimmung von 1992 mit 28,6 Prozent.

Was schliessen Sie aus Ihren Zahlen?
Die Röschtigraben-Thematik hat sich in den letzten 20 Jahren von aussen- und europapolitischen Themen auf die sozialpolitischen Bereiche verlagert.

Die Stimmbeteiligung war heute relativ tief. Warum?
Vor allem in der Deutschschweiz hat die Kampagne der Gegner der Revision der Arbeitslosenkasse nicht gegriffen. Sie hätte Leute mobilisieren sollen, die der Regierung nicht trauen. Das funktionierte in Ansätzen, reichte aber offensichtlich nicht. Am Schluss entschied sich die Mitte in der deutschsprachigen Schweiz deutlich für die Revision, während die Mitte in der französischsprachigen Schweiz sie ablehnte. Zudem wurde der heutige Urnengang von den Bundesratswahlen vom letzten Mittwoch überlagert. Die Kampagnen traten so fast in den Hintergrund. Extrem war das zu sehen, als die Pressekonferenz von Bundesrätin Doris Leuthard zum gleichen Zeitpunkt stattfand, wie die Rücktritts-PK von Hans-Rudolf Merz.

Stellen Sie im heutigen Abstimmungsverhalten einen Stadt-Land-Unterschied fest?
Klar können wir sehen, dass in den urbanen Gebieten die Ablehnung leicht höher war. Das ist aber bei weitem nicht so stark wie beim Gefälle der Sprachregionen.

Können Sie die extremen Resultate in den Kantonen Jura (76 Prozent Nein) und Neuenburg (68 Prozent Nein) erklären?
In den betroffenen Kantonen sind die Anteile an Arbeitslosen grösser. Ganz besonders trifft das für den Jura zu. In dem Kanton ist aber auch traditionell das Misstrauen gegenüber den Behörden besonders gross. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.09.2010, 17:30 Uhr


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