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«Wenn Männer etwas fordern, heisst es gleich: Die jammern»

Von Stefan von Bergen. Aktualisiert am 13.09.2011 1 Kommentar

Wollen Männer wirklich weniger arbeiten und ihre Kinder wickeln, oder sind das bloss Lippenbekenntnisse? Markus Theunert, Präsident des Dachverbands Männer.ch, verteidigt den guten Willen und die neue Sensibilität von Männern. Und warnt die Politik vor dem Zorn der Scheidungsväter.

«Ins Bundeshaus werden es im Herbst vor allem leistungsorientierte Männer mit einer starken Frau im Rücken schaffen»: Markus Theunert, Präsident Dachverband Männer.ch.

«Ins Bundeshaus werden es im Herbst vor allem leistungsorientierte Männer mit einer starken Frau im Rücken schaffen»: Markus Theunert, Präsident Dachverband Männer.ch.
Bild: Stefan Anderegg

Korrektur-Hinweis

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Mächtige Männer kämpfen machtlos gegen die Finanzkrise an. Herr Theunert, erleben wir gerade, wie der Männertypus des Machers abdankt?
Markus Theunert: Auch mächtige Frauen wie Angela Merkel sind machtlos. In meinen Augen erleben wir, wie die Illusion totaler Kontrollierbarkeit an Grenzen stösst. Es wird sichtbar, dass sich etwas wie das komplexe Finanzsystem kaum beherrschen lässt. Die Mächtigen tun so, als hätten sie alles im Griff. Und sind am nächsten Tag ratloser als zuvor.

Sie sagen das mit einem Lächeln. Weil die Zeit reif ist für einen neuen selbstkritischen Mann, wie ihn Ihr Verband propagiert?
Die Illusion von Sicherheit, die die Politik vermittelt, erweist sich als unrealistisch. Ich hoffe, dass sie abgelöst wird durch eine offenere Art, mit Unsicherheit und Angst umzugehen.

Ist ein neuer Typus Führungsfigur in Sicht, der zu seiner Unsicherheit steht?
Ich plädiere nicht dafür, dass Männer ihre «männlichen» Qualitäten einfach über Bord werfen. Sondern kombinieren mit Qualitäten, die als weniger männlich gelten. Also: gesunde Aggressivität plus die Bereitschaft, innezuhalten und Zweifel zuzulassen. Ich stelle feine Veränderungen in dieser Richtung fest. Roger Federer weinte schon nach einer Niederlage. Norwegens Regierungschef Jens Stoltenberg zeigte gleichzeitig Kraft wie auch Schock, Trauer und Ohnmacht. Der Alles-im-Griff-Typ wird vermehrt als Fassade durchschaut.

Hoffen Sie, dass bei den Wahlen im Herbst mehr solche Männer ins Bundeshaus einziehen?
Einige Kandidaten formulieren Anliegen aus Männersicht: die Vereinbarkeit von Familie und Job, das gemeinsame Sorgerecht. Aber man muss realistisch sein: Unser Wahlsystem bevorzugt leistungsorientierte Männer mit spitzen Ellbogen und einer starken Frau im Rücken. Männer aber, die auf ihre Sensibilität, auf ihr Vatersein setzen, bringen es selten so weit. Obwohl der Spagat Job - Familie durchaus ein Wahlkampfthema sein könnte.

Für die Parteien offenbar nicht.
Aber für immer mehr Männer. Die erste repräsentative Untersuchung im Kanton St. Gallen zeigt, dass 90 Prozent der Männer weniger arbeiten möchten und Lohneinbussen hinnehmen würden. Aber nur 13,8 Prozent tun es. Es gibt einen Graben zwischen Wunsch und Wirklichkeit.

Voilà. Warum sollten die Parteien Wunschträume und Lippenbekenntnisse bewirtschaften?
Diese Kritik greift zu kurz. Natürlich machen einige Väter bloss Lippenbekenntnisse. Aber auch sie leisten als Haupternährer viel für die Familie. Sie unterliegen zudem einem sozialen Druck. Männliche Identität basiert zentral auf Leistung. Wenn einer seine Leistung zu 100 Prozent im Job zu erbringen glaubt, dann ist es für sein Selbstbild riskant, sein Pensum zu reduzieren. Männer haben Angst vor den schrägen Blicken der Kollegen und fürchten, eine Reduktion der Arbeitszeit werde ihnen als mangelndes Engagement ausgelegt.

Das muss ein Mann halt in Kauf nehmen, wenn er wirklich weniger arbeiten will.
Schon. Aber es gibt ganz reale Hindernisse, wie die begründete Sorge, dass die Karriere dann nicht mehr vorangeht. Es gibt auch eine Verantwortung des Staats bei der Ermöglichung einer neuen Vaterrolle. Etwa indem er eine Väterzeit einführt, die es in der Schweiz im Unterschied zur EU nicht gibt. Studien belegen, dass die Präsenz in den ersten Wochen nach der Geburt eines Kindes sowohl für die Väter als auch die Kinder einen positiven Effekt hat.

Väter könnten unbezahlten Urlaub nehmen, aber nur wenige tun das. Braucht es da wirklich eine staatliche Aufforderung?
Es braucht eine neue Selbstverständlichkeit. Das Modell eines privat finanzierten, steuerbefreiten Vaterschaftsurlaubs, das wir im Mai in einer überparteilichen Gruppe lancierten, würde ein starkes Signal für ein neues Vatersein im Alltag setzen. Übrigens: Wenn Männer etwas fordern und ein Anliegen formulieren, heisst es reflexartig: O je, die armen Männer jammern.

Gesteht man Frauen eher zu, sich über Nachteile zu beklagen?
Männer sollen alles im Griff haben, das ist die nach wie vor gültige Norm. Wir von Männer.ch sagen aber: Wir Männer von heute haben nicht alles im Griff, wir schaffen es nicht, den ganzen Kanon von Anforderungen zu erfüllen, wir haben Anliegen. Offenbar ist das für jene, die die alte Männlichkeitsnorm verteidigen, eine Provokation.

Weil fehlende Gleichberechtigung wenn schon als Problem der Frauen und nicht der privilegierten Männer gilt?
Es gibt sonderbare Kurzschlüsse. Man sagt etwa: Jetzt kommen die Männer mit Anliegen, wo doch die Frauen immer noch weniger verdienen als die Männer. Es ist aber nicht so, dass das eine Geschlecht von einer Sache profitiert und das andere Geschlecht darunter leidet. In der Realität leiden beide unter ihrem Rollenkorsett. Ja, die Frauen müssen sich bei Lohngesprächen durchsetzen lernen. Und ja, Männer müssen zu ihren Ressourcen mehr Sorge tragen.

Scheuen Frauen vor Frauenfragen weniger zurück als Männer vor Männerfragen?
Die ganze Gesellschaft und die Politik scheuen Männerfragen. Die hohen Kosten, die der traditionelle Männlichkeitstyp verursacht, werden versteckt. Raserunfälle werden unter dem Aspekt der Verkehrssicherheit und nicht der Männlichkeit diskutiert. Stress unter dem Aspekt Gesundheit. Dass 85 Prozent aller Gefangenen Männer sind, ist in der Debatte über den Strafvollzug ein Randthema. Die Schweiz leistet sich den Luxus, solche Probleme nicht unter der Männerperspektive zu betrachten.

Sie haben kürzlich am Treffen der Antifeministen gesprochen, die sich als Opfer einer feministischen Bedrohung sehen. Kam Ihre Rede gut an?
Es wurde geschätzt, dass ich der Einladung gefolgt war. Ich habe klargemacht, dass ich die Behauptung, das Staatswesen sei vom Feminismus unterwandert, für ein Phantom halte. Einer sagte mir, er finde es daneben, was ich gesagt hätte, aber sehr männlich, dass ich es gesagt hätte. Ich bin an diesem Treffen vor allem wütenden geschiedenen Vätern begegnet, die sich unverstanden fühlen. Diese Wut muss man ernst nehmen.

Die Antifeministen sind rechts aussen. Schaden ihre harschen Töne dem versöhnlicheren Flügel der Männerbewegung?
Wir teilen die Anliegen der Antifeministen nicht, aber wir profitieren gleichzeitig von ihren polarisierenden Auftritten. Unter dem Strich ist das zwiespältig. Eigentlich passen die Anliegen der Antifeministen zum Geschlechterbild der SVP. Erstaunlicherweise hat die SVP aber René Kuhn, den Kopf der Antifeministen, nach provozierenden Äusserungen über Feministinnen aus der Partei ausgeschlossen.

Wie erklären Sie sich das?
Auch die SVP braucht die Frauen und will sie nicht vergraulen. Und sie pusht junge Frauen, die dann doch nicht ganz auf einige Errungenschaften der Emanzipation verzichten möchten.

Sie haben mit einer Mahnwache vor dem Bundeshaus dagegen protestiert, das gemeinsame Sorgerecht auf die lange Bank zu schieben. Ist es wirklich das Ei des Kolumbus? Es könnte auch zu einem ewigen Kleinkrieg uneiniger Eltern führen.
Können sich geschiedene Partner über die Kinderfragen nicht einigen, erhält die Frau mit dem alleinigen Sorgerecht heute faktisch ein Vetorecht. Das gemeinsame Sorgerecht ist vielleicht keine Garantie, aber eine Voraussetzung dafür, dass die Spiesse für den Vater und die Mutter gleich lang werden. Das Ziel wäre, dass die Elternteile die Spiesse weglegen und sich kooperativ über Kinderfragen einigen. Scheidungsväter sind eine sozialpolitische Zeitbombe. Es gibt Tausende, die zornig und frustriert sind, die in einer Einzimmerwohnung ohne Familie, ohne Heim und Nestwärme am Existenzminimum leben.

Es gibt geschiedene Männer, die sich kaum um ihre Kinder kümmern. Und alleinerziehende Mütter sind nicht auf Rosen gebettet.
Auch in diesem Bereich geht es dem einen Geschlecht nicht automatisch gut, wenn das andere leidet. Was ich sagen will: Wenn sich Mann und Frau trennen, hören sie nicht auf, Eltern zu sein. Es macht Männer sauer, wenn die Ex-Partnerin glaubt, sie nicht nur als Partner, sondern auch gleich noch als Vater loswerden zu können. Es ist überdies ungerecht, von der früheren auf die künftige Familiensituation zu schliessen. Ein Vater bewertet nach einer Scheidung die Lage oft neu. Er arbeitet vielleicht weniger und entwickelt ein neues Verhältnis zu seinen Kindern. Deshalb fordern wir, dass das Recht darauf abstellt, dass Mann und Frau nach der Scheidung die soziale und die finanzielle Verantwortung im Verhältnis 50 zu 50 teilen.

Wir reden dauernd von geschiedenen Männern. Gibt es in ihrer Organisation auch zufriedene Ehemänner und Väter?
Ja. Auch sie haben Anliegen. Familienfreundliche Jobs für Männer und Frauen. Die Anerkennung von Teilzeitarbeit. Oder Stipendien für Väter, die sich nach einer Businesskarriere zum Lehrer umschulen lassen möchten. (Berner Zeitung)

Erstellt: 03.09.2011, 15:42 Uhr

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1 Kommentar

Eugen Maus

04.09.2011, 22:02 Uhr
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Vernünftige Gedanken von Theunert! Die Politk sollte dem Gehör schenken, statt Katastrophen zu bejammern. Zur "feministischen Unterwanderung" kann ich nicht sagen, wie das in der Schweiz aussieht. Für Deutschland ist sie mit Namen und Funktionen belegbar. Wer das als "Phantom" darstellt, möge zeigen, wo der Staat etwas für Männer - und nicht nur für Frauen tut.
Dr. Eugen Maus, MANNdat e.V.
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