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«Wegen hoher Banker-Boni könnte die Steuermoral sinken»

Interview: Erika Burri. Aktualisiert am 10.02.2010

Friedrich Schneider ist Experte für Schattenwirtschaft. Er befürchtet, dass die Steuermoral der Schweizer weiter sinken könnte. Vor allem, wenn es die Schweiz nicht schafft, die Banken an die kürzere Leine zu nehmen.

<b>Friedrich Schneider</b> ist Professor an der Johannes Kepler Universität in Linz. Der 61-Jährige hat 1983 an der Uni Zürich habilitiert und ist ein Kenner des Schweizer Steuersystems.

Friedrich Schneider ist Professor an der Johannes Kepler Universität in Linz. Der 61-Jährige hat 1983 an der Uni Zürich habilitiert und ist ein Kenner des Schweizer Steuersystems.

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Laut Schätzungen gehen dem Schweizer Fiskus 10 Milliarden Franken pro Jahr verloren – wegen Steuerhinterziehung. Ist das realistisch?
Diese Zahl scheint mir zu hoch. In Österreich schätzt man sie auf ungefähr die Hälfte. Da sind die Mehrwertsteuern mitgerechnet. Für die Schweiz sind 4 bis 6 Milliarden realistischere Zahlen.

Wie viel von diesem Geld ist bewusste Steuerhinterziehung?
Wir gehen von zwei Dritteln aus. In der Schweiz werden also 3 bis 4 Milliarden Franken bewusst dem Fiskus vorenthalten. Mir muss niemand sagen, dass er vergessen habe, sein Sparbuch mit 500'000 Franken auf der Steuererklärung anzugeben.

Wieso werden in der Schweiz nicht mehr Steuern hinterzogen?
Die Schweizer sehen, wofür die Steuern gebraucht werden. Im Gegensatz zu Deutschland und Österreich bekommen die Schweizer die Steuererklärung von ihrer Wohngemeinde. Wenn diese beispielsweise ein neues Schwimmbad plant, haben die Bürger eher Verständnis, wenn deswegen die Steuern etwas steigen. In Österreich, aber auch in Deutschland sackt die Zentralregierung in Wien oder Berlin die Steuern ein, die zudem prozentual viel höher sind als in der Schweiz. Die Einnahmen werden dann auf die Städte und Bezirke verteilt, nach einem Verfahren, das kein Mensch versteht.

Von Steuerhinterziehern heisst es, sie seien intelligent, gerissen. Leidet dieses Image in der aktuellen Debatte um Steuerhinterzieher?
Auf jeden Fall. Und das ist nicht nur schlecht. Es wurde publik, wie stark us-amerikanische und deutsche Steuerhinterzieher ihrem Land schaden. Doch in erster Linie schadet die Debatte dem Image der Schweiz. Ich möchte betonen: Die Schweiz ist ein gut funktionierender Rechtsstaat. In vielen Bereichen sogar ein vorbildlicher. Doch ist die Schweiz viel zu lange viel zu lasch mit ausländischen Steuerhinterziehern umgegangen. Die Schweiz hätte schon längst den EU-Standard einführen müssen, der auch bei Steuerhinterziehern Amtshilfe garantiert.

Die Schweiz war nicht nur grosszügig gegenüber ausländischen Steuerhinterziehern, sondern ist es nach wie vor auch mit reichen Ausländern, die sich hier niederlassen.
Für die Schweizer Steuermoral ist die Vorzugsbehandlung Schumachers und Co. problematisch. Der Normalbürger fühlt sich vom Staat ungerecht behandelt. Wer sich so fühlt, hinterzieht eher Steuern.

Sie haben lange in der Schweiz gelebt und geforscht. Wie steht es um die Steuermoral der Schweizer?
Diese ist immer noch sehr hoch, eine der höchsten in Europa überhaupt.

Inwiefern hat die Debatte um hohe Banker-Boni Einfluss auf die Steuermoral? Schliesslich wurde die UBS mit Steuergeldern gerettet. Und wie es aussieht, geht die Boni-Party weiter.
Es kann schon sein, dass sich der eine oder andere Steuerzahler denkt: Ich bezahle, damit die anderen weiter Boni kassieren. Und dann verheimlichen sie deswegen gewisse Konten und Einnahmen. Die Boni-Debatte könnte also dazu führen, dass die Steuermoral in der Schweiz sinkt. Vor allem, wenn die Schweiz es nicht schafft, verbindliche Regeln für Banken aufzustellen.

Der St. Galler Professor Gebhard Kirchgässner hat festgestellt, dass die Schweizer Steuermoral in den beiden letzten Jahrzehnten bereits gesunken ist. Ein Grund dafür sieht er in den anhaltenden Diskussionen um das Bankgeheimnis. Was kann in der Schweiz auf politischer Ebene getan werden, dass die Moral nicht noch weiter sinkt?
Auf Bundesebene sollte die Schweiz dafür sorgen, dass die Probleme mit den Grossbanken eingedämmt werden. Es sollte keine Politik geben, die der Mann und die Frau von der Strasse nicht nachvollziehen kann. Dazu gehört auch eine Regelung der Boni. Auch auf Kantons- und Gemeindeebene können die Behörden durch guten Service und gute Dienstleistungen erreichen, dass die Bürger einsehen, wofür sie Steuern bezahlen.

(Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.02.2010, 14:51 Uhr


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