«Wegen acht Franken geht der öffentliche Verkehr nicht unter»
Von Markus Brotschi und David Schaffner. Aktualisiert am 29.01.2011 24 Kommentare
Der Direktor
Peter Füglistaler ist seit dem 1. Juni 2010 Direktor des Bundesamtes für Verkehr. Zuvor war er 15 Jahre bei den SBB.
Stichworte
Der Bundesrat plant, die Bahnbillette um 10 Prozent zu verteuern. Vertreter von Verkehrsunternehmen warnen gar vor einem Aufschlag um 30 bis 40 Prozent bis 2017. Kann das den Kunden zugemutet werden?
Die Zahl von 30 bis 40 Prozent ist aus der Luft gegriffen. Wir planen einen Aufschlag von 10 Prozent, um die Mehrkosten der Infrastruktur zu finanzieren. Was darüber hinaus bei den Bahnen gerechtfertigt ist, müssen wir zuerst prüfen. Bei gewissen Aufschlägen, welche die SBB genannt haben, ist die Infrastrukturfinanzierung bereits enthalten. Zusätzlich stellt sich die Frage, warum jede Beschaffung von Rollmaterial zu Preiserhöhungen führen soll.
Kann der Bund den SBB bei der Preisgestaltung überhaupt reinreden?
Die Tarifautonomie liegt bei den Bahnen. Beim grössten Teil des Verkehrs ist der Bund aber indirekt involviert. Bei den SBB ist er Eigentümer und hat somit eine Rechtfertigung zur Mitsprache. Auch hat der eidgenössische Preisüberwacher ein direktes Mitspracherecht.
Verkehrsministerin Leuthard will im Pendlerverkehr die Nachfragespitze brechen. Wie soll das gehen?
Die starke Ausrichtung des Bahnangebots auf die Spitzenbelastung treibt die Kosten in die Höhe. Mit gezielten Anreizen wollen wir die Kunden dazu bewegen, ausserhalb der Stosszeiten den Zug zu benutzen. Ich denke an Angebote wie das Gleis-7-Abo.
Also müssen Pendler eine zusätzliche Verteuerung fürchten?
Bei Verbundabos wie GA oder regionale Abos besteht Handlungsbedarf. In Bern oder in Zürich zahlt man rund 80 Franken im Monat für freie Mobilität in einer grossen Agglomeration. Das ist unglaublich billig. 8 Franken mehr im Monat für dieses Angebot wird nicht zum Untergang des öffentlichen Verkehrs führen.
Sie wollen, dass die Preise je nach Tageszeit variieren. Können Kunden mit einem Ticket nicht mehr wie heute zu jeder Tageszeit fahren?
Es ist eine der grossen Schweizer Errungenschaften, dann den Zug benutzen zu können, wann man will. Das möchte ich beibehalten.
Die Paradestrecke Zürich–Bern ist schon heute massiv teurer als vergleichbare Strecken. Jetzt soll diese Strecke noch teurer werden?
Eine grosse Nachfrage auf beliebten Strecken führt zu teureren Tickets, das ist so. Trotz der Aufschläge der Vergangenheit ist das Wachstum auf der Strecke Zürich–Bern ungebremst. Offensichtlich hat der Reisende einen grossen Nutzen, wenn er in der Berner Gemütlichkeit wohnen und vom Zürcher Lohnniveau profitieren kann. Wir müssen uns auch im ÖV an ökonomisches Denken gewöhnen. Es liegt in der Verantwortung der Bahnen und Tarifverbünde, zu prüfen, ob sie die nachfrageorientierte Tarifierung weiter ausbauen wollen.
Zu den höheren Preisen kommt, dass Pendler künftig bei der direkten Bundessteuer nur noch Fahrkosten innerhalb einer Agglomeration abziehen können. Damit bezahlen am Schluss die Pendler den grössten Teil der Rechnung, obwohl der Bund vorgibt, die Kosten auf Bund, Kantone und Nutzer zu verteilen.
Wir bekennen uns dazu, mehr Gewicht auf die Nutzerfinanzierung zu legen. Eine andere Möglichkeit wäre eine Erhöhung der Mehrwertsteuer. Das wäre ungerecht, weil dann jeder, der Lebensmittel kauft, an die Eisenbahninfrastruktur bezahlen müsste. Heute decken die Bahnkunden erst die Hälfte aller Kosten. Das soll sich ändern. Weiter fliessen aber pro Jahr über 2 Milliarden allgemeine Steuereinnahmen in den Bahnfonds. Bei den Steuerabzügen stellt sich eine andere Frage: Warum dürfen ausgerechnet jene kaum Abzüge machen, die heute die Verkehrsinfrastruktur am wenigsten nutzen und den Staat am wenigsten kosten wie etwa Velofahrer oder Fussgänger?
Wenn die Pendler schon viel mehr bezahlen, warum nicht eine neue Strecke bauen mit 30 Minuten Fahrzeit zwischen Zürich und Bern?
Diese Idee ist zwar faszinierend – so faszinierend wie ein Flug zum Mond. Sie löst aber kein einziges Problem. Wenn wir die Fahrzeit derart verkürzen, erzeugen wir noch viel mehr Nachfrage. Unser Ziel ist nicht, mehr Verkehr zu verursachen. Wir wollen das Mobilitätswachstum auffangen und den Verkehr von der Strasse auf die Schiene verlagern. Heute ist die Bahn zwischen Zürich und Bern sehr konkurrenzfähig, 80 Prozent benützen die Bahn. Hinzu kommt, dass Zusatzinvestitionen in Milliardenhöhe nötig würden. Die Bahnhöfe in Zürich und Bern müssten wir sehr teuer ausbauen.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 29.01.2011, 09:07 Uhr
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24 Kommentare
Um Geld zu sparen muss man die 1. Klasse abschaffen. Die 1.Klasse Wagons sind oft leer, und werden einfach so mitgeschleppt. In der zweiten Klasse findet man kaum einen Sitzplatz. Da hilft es auch nicht, dass 1. Klasse GAs etwas teurer sind. Ich würde mal gerne die genauen Zahlen der SBB kennen. Antworten
Ein Bus bringt morgends 50 Leute von BE nach ZH, plus 90 Minuten später 50 von ZH nach BE. Plus ein Bus, der früh von ZH nach BE fährt, und dann später von BE nach ZH züruck. Und abends das gleiche Spiel. SInd 200 Pendler. Kann man das mit 660'000 Fr (200 GAs) mit 2 Bussen an jedem Arbeitstag anbieten und dabei verdienen? Wenn ja: Soblad es weniger Autopendler und Stau hat, ist das die Lösung! Antworten
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