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Was Benken nicht will, ist in Bure willkommen

Von Felix Maise. Aktualisiert am 12.06.2012 19 Kommentare

In dem kleinen lothringischen Dorf soll ab 2017 das erste Endlager für hochaktive Atomabfälle in Europa gebaut werden. Anders als in der Schweiz regt sich in Frankreich kaum Widerstand dagegen.

Stollen im Untergrund von Bure: Die Geologie ist von der gleichen Beschaffenheit wie im zürcherischen Benken.

Stollen im Untergrund von Bure: Die Geologie ist von der gleichen Beschaffenheit wie im zürcherischen Benken.
Bild: AFP

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Bis vor wenigen Jahren kannte ausserhalb der Region kein Mensch das 80-Seelen-Dorf Bure ganz im Norden Lothringens. Doch seit 1999 die französische Atommüllentsorgungsagentur Andra, die Schwesterorganisation der Schweizer Nagra, das gottverlassene Kaff zum künftigen Standort des zentralen französischen Atommüllendlagers bestimmt hat, ist es mit der Ruhe im grünen Niemandsland vorbei: 500 Meter unter der Erde haben Baufachleute und Forscher der Andra inzwischen lange Stollen ins Tongestein getrieben. Dabei verfolgen die Franzosen anders als die Nagra ein Konzept der eventuellen Rückholbarkeit der strahlenden Fracht: Ihre Atomexperten haben die vom Nukleartechnikunternehmen Areva in La Hague praktizierte Wiederaufarbeitung des abgebrannten Materials noch immer nicht abgeschrieben.

Der geologische Untergrund in Bure ist von der gleichen Beschaffenheit wie der im Zürcher Weinland unter Benken. Er soll sich zur Einlagerung des bis zu 100'000 Jahre lang strahlenden, hochaktiven Atommülls besonders gut eignen, sagen die französischen wie die schweizerischen Fachleute. Einen entscheidenden Unterschied zwischen Bure und Benken gibt es aber: Während im Zürcher Weinland kaum jemand ein Atommüllendlager will, ist die hochgefährliche Fracht in Bure willkommen. Andere mögliche Standorte wurden aufgrund politischer Opposition aufgegeben, so etwa auch Pläne im Südwesten des Landes, wo streitbare Winzer um den Ruf ihrer Weine fürchteten. «Letztlich ist die Akzeptanz der lokalen Bevölkerung entscheidend. Sie ist wichtiger als die Vorteile der jeweiligen Gesteinsart», ist im Bericht der Regierungskommission nachzulesen, die 1991 das Entsorgungskonzept gesetzlich festlegte.

Der Unterschied zur Schweiz

Nicht dass die wenigen, vorwiegend älteren Dorfbewohner in Bure und Umgebung, die heute noch in der wirtschaftlich strukturschwachen Gegend wohnen, alles überzeugte Atomkraftbefürworter wären. Doch die Skeptiker hat der französische Energiekonzern EDF, für den die Atommüllagentur Andra arbeitet, zum Schweigen gebracht. Ein gut geöltes System von gesteuerter Information und milden Gaben an die Gemeinden hat jeden Widerstand gegen das Projekt im Keim erstickt. Das ist im französischen Bure auch deshalb viel einfacher als etwa in Benken, am Wellenberg in Nidwalden oder im deutschen Gorleben, weil in Frankreich die AKW-Industrie, anders als in der Schweiz und in Deutschland, erst seit Fukushima politisch wirklich infrage gestellt wird.

Frankreich ist bis heute das Atomland Nummer 1 in Europa: 58 Atomkraftwerke (AKW) produzieren heute drei Viertel des Stroms. Die von der nationalen Politik bisher kräftig gestützten Atom- und Stromunternehmen Areva und EDF sind mit einem Umsatz von 8,9 beziehungsweise 65,3 Milliarden Euro eine wirtschaftliche Macht. 125'000 Franzosen sind direkt in der Atomindustrie beschäftigt, über 400'000 Arbeitsplätze hängen von der Branche ab. Entsprechend atomfreundlicher als in der Schweiz und Deutschland sind auch grosse Teile der französischen Gewerkschaften und in ihrem Schlepptau noch immer viele Politiker der Linksparteien. Selbst für die Schliessung des erdbeben- und hochwassergefährdeten Altreaktors im elsässischen Fessenheim will sich der neue Staatspräsident François Hollande bis 2017 Zeit lassen. Die Gewerkschaft der EDF-Beschäftigten hofft, dass Hollande sein Wahlversprechen in der Zwischenzeit vergisst.

500 Euro pro Einwohner jährlich

Nicht nur die Standortgemeinde Bure und die direkten Nachbardörfer profitieren. Auch für die beiden betroffenen Départements Meuse und Haute-Marne lohnt sich die Akzeptanz für das Endlager. Waren es ursprünglich 9 Millionen Euro pro Jahr, die aus Paris in die Kassen der zwei Départements flossen, sind es inzwischen 30 Millionen. Grundlage für den willkommenen Geldsegen bietet das 1991 erlassene Bataille-Gesetz, benannt nach seinem Schöpfer, dem Abgeordneten und Atomlobbyisten Christian Bataille, das unter anderem auch «finanzielle Begleitmassnahmen» zur nationalen Atommüllentsorgung möglich macht.

Diese Akzeptanz fördern aber auch allerhand indirekte Zuwendungen an die Standortgemeinden. So erhielt Bure eine neue Festhalle und eine neue Strassenbeleuchtung, welche die Dorfstrasse nachts fast wie die Pariser Champs-Elysées erhellt. Aus holprigen Feldwegen wurden geteerte Fahrsträsschen, die marode Trinkwasserversorgung wurde saniert und die alte Dorfkirche in der Nachbargemeinde Bonnet, die sich als einzige zuerst den Endlagerplänen widersetzte, erstrahlt gemäss dem Wunsch ihres Bürgermeisters heute allabendlich im Licht neuer Scheinwerfer. Aus dem «Fonds zur finanziellen Begleitung» erhält auch Bonnet inzwischen für jeden seiner 200 Einwohner 500 Euro pro Jahr. Als weithin sichtbares Zeichen der erfolgreichen Festsetzung der französischen Atomindustrie in Lothringens Norden hat der Stromriese EDF schliesslich 2011 auch sein Konzernarchiv nach Bure verlegt und dafür neben den Andra-Laborgebäuden auf der grünen Wiese ein 10 Millionen Euro teures, preisgekröntes architektonisches Meisterwerk hingestellt.

«Gewissen gekauft»

Der Geldsegen von auswärts hat eine grundsätzliche Opposition gegen die Endlagerpläne vor Ort fast gänzlich zum Verstummen gebracht. Eine Bürgerinitiative namens «Bure zone libre» hat zwar nach eigenen Angaben gegen 500 Mitglieder. Doch nur mit Unterstützung der vergleichsweise ebenfalls schwachen nationalen Anti-Atombewegung kann sie sich bisweilen Gehör verschaffen. «Die Regierung hat unser Gewissen gekauft», beklagt sich Michel Marie, einer der wenigen lokalen Aktivisten, die sich gegen die Endlagerpläne engagieren.

Ab 2013 wird zwar noch eine offizielle «öffentliche Debatte» über den Endlagerstandort geführt. Und das nationale Forschungsinstitut für Energie und Umwelt IEER hat im letzten Jahr beim Bauprojekt noch eine ganze Reihe ungeklärter Fragen festgestellt. Trotzdem dürften die Arbeiten plangemäss vorankommen: 2017 soll mit dem Bau der unterirdischen Lagerstätten begonnen werden. Schon 2025 könnten dann die ersten in Stahlbehälter verpackten hochradioaktiven Abfälle nach Bure kommen.

Kein Vorbild für Benken

Bei der Nagra beobachtet man die Endlagerarbeiten der Andra in Bure mit Interesse. Zum konkreten französischen Vorgehen möchte sich Geschäftsleitungsmitglied Markus Fritschi aber nicht äussern. «In der Schweiz steht bei der Wahl eines Standorts die Sicherheit an erster Stelle. Ich bin überzeugt, dass dies die beste Vorgehensweise ist, um langfristig Akzeptanz zu erreichen», sagt Fritschi.

Thomas Flüeler, der einst zum demokratischen Einbezug der Bevölkerung bei Endlagerplänen seine Dissertation schrieb und heute in der Zürcher Baudirektion das Dossier Atommüllentsorgung betreut, sieht im Fall Bure kein Vorbild für Benken und die Schweiz: «Hier haben wir uns durchgerungen, die umfassende Beteiligung der potenziellen Standortregionen als erweiterte Programm- und Projektüberprüfung zu verstehen. Der Einbezug anderer Meinungen kann so gute Projekte nach und nach noch besser machen und sie auch politisch absichern.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.06.2012, 06:34 Uhr

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19 Kommentare

Eron Thiersen

12.06.2012, 08:58 Uhr
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Paradox. Unabhängig davon ob ich gegen oder für Atomstrom muss klar sein wer A sagt muss auch B sagen. Will heissen wenn ich Atomabfall produzieren muss ich ihn auch endlagern! Komischerweise sehen das viele meiner Mitbürger nicht so. Sonst heisst es doch auch, Verantwortung muss übernommen werden. Antworten


Werner Wüest

12.06.2012, 08:56 Uhr
Melden 45 Empfehlung 0

Könnte ja auch sein, dass die Franzosen diese Angelegenheit sachlicher und wissenschaftlich fundierter betrachten. Korruptions-Unterstellungen oder ähnliches sind da fehl am Platz - natürlich proftiert eine Region, wenn so ein Lager gebaut wird - aber ganz legal - wäre auch bei uns so. Antworten



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