Warum unser Gesundheitswesen so krank ist
Von Patrick Feuz. Aktualisiert am 27.05.2009 30 Kommentare
Total (100%): Fr. 2'973.- pro versicherte Person.
Der Prämienschock lässt sich bestenfalls noch abdämpfen. Mittelfristig könnten Abstriche bei der freien Arztwahl, neue Entschädigungsformen für Ärzte und schärfere Regeln für Kassen das Kostenwachstum bremsen. So oder so sinken wird die Zahl der Spitalbetten.
Weshalb sich der Prämienschock höchstens lindern lässt
Die Krankenkassen haben die Prämien für 2010 aufgrund mehrerer Kriterien berechnet: Kostenentwicklung im laufenden Jahr, erwartete Kostenentwicklung im nächsten Jahr, Reservestand. Die vom Bundesrat vorgeschlagenen Notmassnahmen werden am angekündigten Prämiensprung wenig bis nichts ändern. Mit der Praxisgebühr von 30 Franken, die Patienten künftig bei jedem Arztbesuch bezahlen sollen, liessen sich die Kosten vielleicht um 100 bis 200 Millionen Franken drücken. Die Prämien würden dadurch um ein bis zwei Prozente weniger stark steigen. Allerdings wird das Parlament der Praxisgebühr kaum zustimmen. Und wie umfassend die von Pascal Couchepin versprochene Senkung der Medikamentenpreise sein wird, ist offen. So oder so müssen die Berner im Schnitt wohl mit einer Prämienerhöhung von mindestens 15 Prozent rechnen.
Warum unser Gesundheitswesen so teuer ist
Empört über den Prämienschock, blasen jetzt viele zur Jagd auf Sündenböcke. Beklagt wird etwa, die Gesundheitskommissionen des Parlaments seien in der Hand von Lobbyisten, die sich im Ringen um kostensenkende Massnahmen gegenseitig blockierten. Diese Erklärung beschreibt aber nur ein Symptom. Die Gründe, weshalb die Schweiz bei den Gesundheitsausgaben pro Kopf auf Platz 2 hinter den USA steht und damit weit vor Ländern wie Dänemark, Finnland und Holland, liegen anderswo. Das Kernproblem sind falsche Anreize, föderalistische Strukturen und einmalige Privilegien der Schweizer Versicherten:
In vielen Ländern steuert die Zentralregierung das Spitalangebot. In der Schweiz sind dafür die Kantone zuständig, die auf regionale Befindlichkeiten übermässig Rücksicht nehmen. Im europäischen Vergleich ist die Zahl Akutbetten pro Einwohner in der Schweiz überdurchschnittlich hoch.
Jahrzehntelang konnten Spitaldirektoren mit kantonaler Defizitgarantie rechnen, was nicht zum Masshalten animierte. Die zuständigen Regierungsräte gingen nur zögerlich gegen Überkapazitäten vor, weil sie sich politisch die Finger nicht verbrennen wollten. Inzwischen zeichnet sich aber dank dem geplanten, landesweit einheitlichen Fallpauschalen-Regime eine neue Dynamik ab (siehe weiter unten).
Ärzte in freier Praxis verdienen in der Schweiz umso besser, je mehr Medizin sie verschreiben – weil sie jede Leistung einzeln abrechnen dürfen. Zwar sind viele Ärzte verantwortungsbewusst genug, diesen Mechanismus nicht auszunutzen. Kostendämpfend wirkt der Einzelleistungstarif aber sicher nicht. Deshalb erhalten Ärzte in Finnland, Dänemark und Holland für jeden Patienten eine Kopfpauschale.
Mit der freien Arztwahl geniessen die Schweizer ein Privileg, wie es in der Grundversicherung kaum ein anderes Land kennt. In Finnland, Dänemark und Holland entscheiden die Hausärzte, wer zum Spezialisten oder ins Spital gehen darf.
Für die Krankenkassen ist es lohnender, Jagd auf junge, gesunde Versicherte zu machen, statt medizinische Angebote zu fördern, die durch optimale Behandlung teurer Patienten Kosten sparen. Mittelfristig wird der Anreiz für solche Anstrengungen immerhin grösser: Ab 2012 müssen Kassen mit vielen Gesunden mehr Geld in den Ausgleichstopf einzahlen, der den Versicherungen mit vielen Alten und Kranken zugutekommt.
Die Pharmaindustrie und andere Branchen verdienen mit neuen Produkten viel Geld. Die Pharmaindustrie profitiert von einem weitreichenden staatlichen Preisschutz.
Warum das Überangebot bei den Spitälern verschwinden wird
Im Spitalbereich gibt es aus Sicht der Prämien- und Steuerzahler einen Hoffnungsschimmer. Die kostentreibende Überversorgung in vielen Regionen – auch im Grossraum Bern – dürfte mittelfristig kleiner werden. Dies dank der neuen Spitalfinanzierung, die mit einheitlich berechneten Fallpauschalen die Leistungen und Kosten der Spitäler vergleichbar machen wird. Unter Druck geraten dadurch nicht nur Spitäler, die bestimmte Leistungen schlecht und teuer erbringen, sondern auch die politischen Behörden. Denn im neuen Regime müssen die Kantone an Privatspitäler auf ihrer Spitalliste gleich viel bezahlen wie an öffentliche Spitäler. Dadurch werden die Kantone gezwungen, endlich ihre Hausaufgaben bei der Spitalplanung zu machen. Sonst riskieren sie enorme Mehrkosten.
Was alles zu tun bleibt – und vielleicht nie gelingt
Weil die medizinischen Möglichkeiten immer vielfältiger werden, steigt die Notwendigkeit, die Behandlung der Patienten durch eng zusammenarbeitende Ärztenetze zu steuern. Jene Patienten, die in der Grundversicherung weiterhin auf voller freier Arztwahl beharren, sollen dafür finanziell bestraft werden. Um genügend Ärzte in solche Modelle zu bringen, braucht es neue Entschädigungsformen. Die Kassen ihrerseits müssen verpflichtet werden, solche Versorgungsmodelle landesweit aufzubauen. Nachhelfen wird der verfeinerte Risikoausgleich, der jene Kassen stärker bestrafen wird, die systematisch Jagd auf gesunde Versicherte machen; wenn nötig, kann der Risikoausgleich später weiter verschärft werden.
Neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Ärzten, Spitälern und Kassen sind besonders mit Blick auf die teuersten Patienten dringend, wo das Sparpotenzial am grössten ist: 20 Prozent der Versicherten brauchen heute 80 Prozent der Prämiengelder.
Ein Dauerauftrag an die Politik bleibt ebenso, die Medikamentenpreise weiter zu drücken. (Der Bund)
Erstellt: 27.05.2009, 10:44 Uhr
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30 Kommentare
Wie tief würden die Prämien eigentlich sein, wenn es statt 300 nur eine staatliche, sparsame und nicht gewinnorientierte Krankenkasse gäbe und die Politik bei der Pharma für etwas weniger exorbitante Gewinne sorgt? Aber lieber geht man hin und kürzt Sterbenskranken ihre Versorgung. Glaubt jemand Darbellays windelweiches Dementi? Antworten
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