Schweiz

  • Region
  • Schweiz
  • Ausland
  • Wirtschaft
  • Börse
  • Sport
  • Kultur
  • Panorama
  • Leben
  • Auto
  • Digital
  • Wissen
  • Forum

Warum die Schweiz knapp und teuer wird

Von Jürg Steiner. Aktualisiert am 24.10.2010 60 Kommentare

Die Bevölkerung der Schweiz wächst und wird in absehbarer Zeit die 8-Millionen-Grenze überschreiten. Das ist eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte – aber sie hat ihren Preis.

Im Mittelland wirds eng: Terassensiedlung in Kriens LU.

Im Mittelland wirds eng: Terassensiedlung in Kriens LU.
Bild: Keystone

Bei klarer Sicht ist der Blick von Rüfenacht auf die Kette der westlichen Alpen ein Genuss. Das kleine Dorf, das zur Gemeinde Worb gehört, liegt gleich hinter Gümligen, höchstens 20 Minuten vom Berner Stadtzentrum entfernt, hervorragend erschlossen durch die blaue Vorortsbahn und den Strassenzubringer zur nahen Autobahn.

Der Worber Gemeinderat möchte diese Gunstlage ausnutzen, Landwirtschaftsland in die Bauzone umteilen und eine Wohnsiedlung für 400 bis 500 Personen bauen. Gegen dieses Vorhaben erhebt sich aber eine Interessensgemeinschaft aus Anwohnern, die den dörflichen Charakter des stadtnahen Orts Rüfenachts erhalten will – und auch von ausserhalb moralische Unterstützung erhält. Die Schweiz sei bald zubetoniert, sie sei längst zu dicht besiedelt, auf keinen Fall dürfe jetzt noch unüberbautes Land geopfert werden.

Weniger Lebensqualität

Am zufälligen Beispiel Rüfenacht lässt sich das Auseinanderklaffen von Wahrnehmung und Realität zeigen, das symptomatisch ist für den Umgang der Schweiz mit dem Boden. «Die Schweiz entwickelt sich schneller als andere Länder vom Agrarstaat, der sie vor 100 Jahren war, zur grossflächigen Stadtlandschaft im Mittelland», sagt Reiner Eichenberger, Volkswirtschaftsprofessor an der Universität Fribourg. Das sei mit einer Einbusse an Lebensqualität verbunden, weil «es immer schwieriger wird, die schöne Verbindung von Städten mit unverbauter Natur, die wir so geschätzt haben, aufrecht zu erhalten», so Eichenberger.

«Unser Problem ist», sagt Eichenberger, «dass wir mit dem Problem des Bevölkerungswachstums, das auf knapp werdenden Boden trifft, ziemlich alleine dastehen.» Luxemburg oder Israel hätten vielleicht noch ähnliche Sorgen, aber Deutschland etwa oder Frankreich «würden sich glücklich schätzen, wenn ihre Bevölkerung wachsen würde».

Und die USA könnten angesichts ihrer Bodenreserven problemlos Land erschliessen, um die Siedlung auszudehnen. Das bedeutet: Dort, wo heute am meisten Wissen produziert wird, beschäftigt sich niemand mit der Frage, wie eine prosperierende Gesellschaft das Wachstum des Siedlungsraums lenken müsste, um den Boden möglichst sparsam zu verbrauchen.

Zunahme des Wohnraums

Wie schwierig der haushälterische Umgang mit Boden ist, weiss die Schweiz. Seit genau 30 Jahren existiert das Raumplanungsgesetz, aber den Bodenverbrauch gebremst hat es nicht. Allein der pro Person belegte Wohnraum nimmt unaufhaltsam zu, zwischen 1950 und 2000 verdreifachte er sich auf 44 Quadratmeter. Der Wunsch vieler Familien, im Grünen Wohneigentum zu erwerben, ist ungebrochen – und wird durch die seit Jahren extrem tiefen Hypothekarzinsen weiter befeuert.

Die Folge: Die Siedlungsfläche wächst nach wie vor deutlich schneller als die Bevölkerung. Das war kein grosses Problem, denn die Prognostiker sahen bis vor kurzem eine schrumpfende Bevölkerung vorher. Nun hat sich das aber schlagartig geändert. Im Juli dieses Jahres korrigierte das Bundesamt für Statistik seine Bevölkerungsprognosen, vor allem wegen der anhaltend hohen Einwanderung, deutlich nach oben: 9, vielleicht sogar 11 Millionen Menschen werden in 50 Jahren in der Schweiz leben, über eine Million mehr als heute. Den Bodenverbrauch beschleunigt sich nach der Steigerungsformel: Hohe Einwanderung, rasches Bevölkerungswachstum, rasantes Siedlungswachstum.

«Zugisierung» der Schweiz

Die Kontrolle über die räumliche Entwicklung droht uns zu entgleiten, weil man in der engen Schweiz bei Infrastruktur und Bodenvorrat schnell an Grenzen stösst. Deshalb setzt die anhaltende Einwanderung einen Verdrängungsprozess in Gang, für den das Forschungsteam um Reiner Eichenberger den Begriff «Zugisierung» geprägt hat.

Vereinfacht gesagt passiert Folgendes: Gut qualifizierte Einwanderer sind für die Schweiz positiv, weil sie mehr Steuern zahlen als den Staat kosten. Sie arbeiten tendenziell zu tieferen Löhnen als die Schweizer, was die Firmen anhält, den Anteil ausländischer Mitarbeiter zu erhöhen. Das führt zu wachsender Nachfrage nach Wohnraum – und steigenden Bodenpreisen. Damit wird die Schweiz für Gutverdienende noch attraktiver, weil sie unter hohen Landpreisen weniger leiden. Den Mittelstand hingegen zwingt die unvermeidliche Zunahme der Bodenpreise zur Abwanderung – und zwar grossräumig.

Bern für Mittelstand?

«Genau das beobachten wir heute in Zug», sagt Eichenberger. Er rechnet damit, dass sich die Abwanderung des Mittelstands an den wirtschaftlichen Hotspots der Schweiz – im Raum Zürich, Genf-Lausanne, in Teilen der Innerschweiz – akzentuieren wird. Inwiefern diese Verdrängung auf andere Gebiete der Schweiz übergreift, sei schwer zu sagen, aber «höchstwahrscheinlich wird es zu einer grossflächigen Segregation kommen», zu einer «Differenzierung von reichen und armen Regionen, wie wir das in der Schweiz bisher nicht gekannt haben», aber in städtischen Grossagglomerationen wie New York, Paris oder London eine Realität ist. Gut möglich, dass der Kanton Bern, der sich deutlich weniger dynamisch entwickelt, zu einer Art – salopp formuliert – Sammelbecken des Mittelstands werden könnte.

Eine solche Entwicklung, sagt Eichenberger, würde sich «einschneidend und unangenehm für die Schweiz» auswirken. Dass soziale Schichten räumlich bisher nicht auseinanderdividiert worden seien, sei ein Stärke unseres Landes. Auf der anderen Seite ist auch Eichenberger klar, dass es für eine vernünftige Lenkung der Siedlungsentwicklung bis jetzt keine Rezepte gibt. «Ich bin auch bis zu einem gewissen Grad ratlos.»

Komplizierte Steuermodelle

Man könnte sich komplizierte Steuermodelle oder ein finanzielles Ausgleichssystem von der Stadt zum Land vorstellen. Eine Abgabe auf dem Gewinn bei Neueinzonungen im Zentrum, mit denen die Einbussen ländlicher Bodenbesitzer entschädigt würden, deren Bauland zurückgezont wird. Das würde zur Konzentration des Siedlungswachstums in den Zentren beitragen und das Verkehrswachstum bremsen.

Das Problem ist nur: Das Bewusstsein, dass die Schweiz dringend Platz schaffen sollte, fehlt. Man steht auf überfüllten Perrons und in ebensolchen Abteilen, wenn man mit dem Zug zur Arbeit fährt oder am Wochenende in die Berge, wo man auf Warteschlangen an der Bergbahn, besetzte Picknickplätze im Wald oder überfüllte Ausflugsrestaurants trifft. Man denkt nur: Es reicht! Besonders vor der eigenen Haustür. Jetzt auf keinen Fall noch die letzten grünen Flächen in der Agglomeration überbauen.

«Einzonungsmüdigkeit»

Der Berner Kantonsplaner Peter Rytz spricht von einer «Einzonungsmüdigkeit». Agglomerationsbewohner wollten sich nach dem Grundsatz «für mich hat es noch gereicht, aber jetzt ist genug» ein grünes, unverbautes Umfeld erhalten. «Eine egoistische Haltung», findet Rytz.

Man könnte das auch das Rüfenacht-Syndrom nennen. Mit dem verständlichen Wunsch für unüberbaute Flächen in Zentrumsnähe beschleunigt man die Überbauung zentrumsferner Grünflächen – und bewirkt genau das, wogegen man eigentlich kämpft: die unterträgliche Verknappung des Bodens. (Berner Zeitung)

Erstellt: 24.10.2010, 06:21 Uhr

60

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

60 Kommentare

Hans Eigenmann

25.10.2010, 12:30 Uhr
Melden

Die Fakten sind erschreckend, aber keineswegs neu. Wir brauchen dringend Diskussionen ohne Scheuklappen - und dann Massnahmen, die greifen: Noch mehr Förderung des verdichteten Bauens, Bevorzugung von Eigentumswohnung gegenüber Einfamilienhäusern, eine Attraktivierung der Zentren, Anreize für den Bezug von weniger Wohnraum im Alter usw. Nur so kann das Grün gerettet werden, daswir alle brauchen! Antworten


Andy Dreyer

24.10.2010, 07:03 Uhr
Melden

In den Bergen hat's noch Platz. Man sollte versuchen gewisse grüne Industrien (IT, Forschung etc.) in diesen Gegenden zu fördern, nicht nur den Tourisms. Im Uebrigen wird immer wieder vergessen, dass in 20 Jahren viele Leute ihre Arbeit von zu Hause aus verrichen werden (home office) und weniger gependelt werden wird. Antworten




Online-Wettbewerb

Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!

FÜR IHRE FREIZEIT

Für Ausgehtipps in der Region, nutzen Sie einfach unsere Agenda.

Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Remund führend in Werbetechnik

Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.

Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.