Vom calvinistischen Arbeitsethos der Schweizer
Von Hubert Mooser. Aktualisiert am 26.01.2012 93 Kommentare
Beobachten äusserst arbeitswillige Landsleute: Soziologe Ueli Mäder (l.), Politiker Martin Landolt. (Bild: Keystone )
Dossiers
Artikel zum Thema
- «Man muss auch mal weg»
- Mehr Freizeit, höhere Arbeitsleistung
- Keine fünfte Ferienwoche für Staatsangestellte
- «Calvin ist schuld»
- «Die Mitarbeiter nennen mich Papa»
- Mehr Ferien bringt die Schweizer auf die Palme
Stichworte
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Die Schweiz gehört traditionell zu den europäischen Staaten mit den längsten Arbeitszeiten. Verschiedene Bemühungen der Gewerkschaften, dies zu ändern, schlugen fehl. Kaum zu glauben, aber wahr: Die Schweizer Stimmbürger haben in den vergangenen Jahren wiederholt eine Verkürzung der Arbeitszeit, Rentenalter 62 oder auch zusätzliche Ferienwochen an der Urne abgelehnt. Das letzte Mal am 3. März 2002, als sie die Initiative für eine 36-Stunden-Woche mit 74 Prozent Nein-Stimmen abschmetterten. Die Vorlage hatte der Schweizerische Gewerkschaftsbund lanciert.
Mit der Initiative «Sechs Wochen Ferien für alle», über die wir am 11. März abstimmen werden, versucht sich jetzt auch die Organisation Travailsuisse auf diesem schwierigen Terrain. Die Gefahr ist jedoch, dass auch dieses Volksbegehren an der Urne scheitert. Doch warum stimmen viele Schweizerinnen und Schweizer immer wieder gegen ihre eigenen Interessen? FDP-Nationalrat Ruedi Noser, der selber ein Unternehmen leitet, meint, das habe mit der Schweizer Mentalität zu tun: «Anders als vielleicht in anderen Ländern wird die Arbeit in der Schweiz nicht als Last empfunden», sagt Noser.
Stimmvolk stellt übergeordnete Interessen in den Vordergrund
Viele Schweizerinnen und Schweizer definierten sich laut Noser über ihre Arbeit und den Erfolg am Arbeitsplatz. «Im eigenen Betrieb muss ich die Leute Ende Jahr häufig drängen, ihre Ferien zu beziehen», sagt er. Nationalrat Martin Landolt (BDP) vermutet dagegen, das Stimmvolk habe bei früheren Gelegenheiten stets die Wettbewerbsfähigkeit unseres Wirtschaftsstandorts und somit übergeordnete Interessen in den Vordergrund gestellt. «Ich gehe davon aus, dass dies auch bei der bevorstehenden Abstimmung der Fall sein wird.»
Und wie erklärt sich der Basler Soziologe Ueli Mäder diese Schweizer Eigenart, über die sich das Ausland die Augen reibt? «In der Schweiz ist die Vorstellung halt noch stark verbreitet, dass unser Wohlstand etwas mit unserer Arbeit zu tun hat.» Wenn man die Arbeitszeit zurückfahre, gefährde dies eben auch den Wohlstand. Er sieht darin aber auch den Ausdruck eines calvinistischen Arbeitsethos. Der Mythos vom rohstoffarmen Land, welches durch Fleiss Grosses vollbringe, sei in der Schweiz sehr ausgeprägt.
In der Schweiz ist ein Mentalitätswandel im Gange
Die Schweiz sei ausserdem ein stark individualisiertes Land. Viele Menschen hätten das Gefühl, der aktuelle Wohlstand sei das Ergebnis der eigenen Bemühungen. Er habe dies bei Gesprächen mit Leuten festgestellt, die grosse Vermögen erben werden. «Sie sind häufig der Meinung, dass sie diesen Wohlstand selber geschaffen hätten», sagt Mäder. Das gleiche Phänomen habe er bei Armutsbetroffenen beobachtet. Und zwar im Stile von: Hätte ich in der Schule besser aufgepasst, würde ich heute mehr verdienen. Auch Arbeitslose machten vielfach sich selbst dafür verantwortlich, dass sie keinen Job finden.
Finanzkrise und Abzockerdebatte sind aber auch in der Schweiz nicht spurlos an den Menschen vorübergegangen. Der Soziologe glaubt, dass Veränderungen bei der Mentalität im Gange seien. «Vielen Menschen ist die Lohnschere, die sich immer weiter öffnet, viel bewusster geworden.» Das Gefühl der Resignation werde heute teilweise überlagert durch ein Gefühl der Empörung. Es mache die Leute wütend, wenn zum Beispiel die eigene Tochter keine Lehrstelle finde, andere dagegen gross absahnten. So gesehen, habe die Initiative von Travailsuisse sicher bessere Chancen als ähnliche Vorlagen in der Vergangenheit.
Gewerkschaftsbund hat heute einen anderen Ansatz
Auch BDP-Politiker Landolt hat einen gewissen Mentalitätswandel beobachtet. «Druck, Kadenz und Geschwindigkeit in unserem (vor allem beruflichen) Alltag haben enorm zugenommen, was gleichzeitig den Wunsch nach mehr Zeit erhöht», sagt er. Der Schweizerische Gewerkschaftsbund SGB, der 2002 mit der Arbeitszeitinitiative scheiterte, verfolgt heute hingegen andere Ziele. «Wir sind zur Überzeugung gelangt, dass man bei den Mindestlöhnen heute mehr erreichen kann», sagt SGB-Präsident und Ständerat Paul Rechsteiner (SP).
(Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 26.01.2012, 12:34 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
93 Kommentare
Ich will nicht in den europäischen Verhältnissen enden. Die linken Parteien in unserem Land sind ja die, die das Geld ausgeben. Die Rechte gibt da Gegengewicht... Hab ich zumindest das Gefühl... NEIN zu 6 Wochen Ferien für Alle und für eine Schweiz mit Wohlstand. Jeder der sagt, es würde der Wirtschaft gut tun täuscht sich, angeblich soll ja auch der Hafenkran wunder bewirken^^ Antworten
Wenn jemand 42 Stunden pro Woche arbeitet, arbeitet dieser Jemand alleine schon ca. 11 Tage mehr im Jahr als jemand, der 40 Stunden pro Woche arbeitet. Schon mal überlegt? Wird das beim Lohn ausgeglichen? Also, 6 Wochen sind auf jeden Fall gerechtfertigt. Die Schweizer neigen aus falschen Gründen dazu sich die Butter vorm Brot nehmen zu lassen. Das grenzt schon an Masochrismus. Antworten
Schweiz
- 18:44Nach dem Kampfjet erhitzen die Militärvelos die Gemüter
- 15:25Hacker dringen in EDA-Computernetzwerk ein
- 12:32Kriminaltouristen rücken mit schwerem Geschütz vor
- 10:49So will Levrat ein Nein zu den Steuerabkommen erzwingen
- 08:32FDP-Präsident Müller will Gripen abschiessen
- 23:34Roger de Weck in der Kritik
Online-Wettbewerb
Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!
Remund führend in Werbetechnik
Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.


Bitte warten



