Schweiz

  • Region
  • Schweiz
  • Ausland
  • Wirtschaft
  • Börse
  • Sport
  • Kultur
  • Panorama
  • Leben
  • Auto
  • Digital
  • Wissen
  • Forum

Voll mit Kokain

Von Stefan Hohler. Aktualisiert am 01.10.2010 7 Kommentare

Nigerianische Dealer dominieren den Kokainhandel schweizweit. Sie haben die Dominikaner verdrängt, sind lose organisiert, schwer zu fassen und haben sich eine treue Komplizenschaft organisiert: Schweizer Frauen.

ertappt: Das Röntgenbild eines Drogenkuriers, der mit Dutzenden von Gummifingerlingen voller Kokain im Magen
am Schweizer Zoll geschnappt worden ist.

ertappt: Das Röntgenbild eines Drogenkuriers, der mit Dutzenden von Gummifingerlingen voller Kokain im Magen am Schweizer Zoll geschnappt worden ist.
Bild: Grenzwachtkommando VI Genf (Keystone)

Artikel zum Thema

Nigerianer: Ein schlechter Ruf eilt ihnen voraus

Raumschiffpanne über Johannesburg. Die gestrandeten Ausserirdischen werden von der Regierung in eine Township gepfercht. Dorthin wagt sich nur eine verwegene Gaunerbande. Sie zieht einen florierenden Schwarzhandel mit Katzenfutter (der Lieblingsspeise der Aliens) und ausserirdischen Waffen auf und kontrolliert schon bald die intergalaktische Prostitution: Die Dunkelmänner sind im Film «District 9», wie könnte es anders sein, «Nigerianer».

Die nigerianische Regierung hat die bitterböse Allegorie auf den südafrikanischen Rassismus verboten und von der Produktionsfirma eine offizielle Entschuldigung dafür verlangt, Nigerianer so diffamierend porträtiert zu haben. Das ist nur die letzte Episode in der wachsenden Verstimmung darüber, wie Nigerianer in Südafrika wahrgenommen und behandelt werden. Schlimm war auch, dass dem nigerianischen Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka 2005, als er als Gast zu Mandelas Geburtstag reisen wollte, das Visum verweigert wurde. Schlimm, dass bei den fremdenfeindlichen Aufständen in südafrikanischen Armenvierteln 2008 viele Nigerianer ihre Geschäfte verloren. Ganz schlimm, dass ein südafrikanischer Polizeioffizier 2009 zu Protokoll gab, alle Drogenhändler stammten aus Nigeria.

Der schlechte Ruf der Nigerianer in Südafrika wird als umso bitterer empfunden, als Nigeria eigentlich Dankbarkeit erwartet. Während des Apartheidregimes hat es – selber seit 1960 unabhängig – den Widerstandskampf unterstützt: mit Geld und Pässen für schwarze Südafrikaner, denen die eigene Regierung Auslandreisen untersagte. Nach der demokratischen Wende zogen viele gut ausgebildete Nigerianer nach Südafrika, um beim Aufbau der jungen Demokratie mit anzupacken. Heute wird die nigerianische Bevölkerung am Kap auf 1,5 Millionen Menschen geschätzt. Ein Teil von ihnen sucht ein besseres wirtschaftliches Umfeld, ein Teil – genauso wie reiche Europäer – einen Ort, wo sie ihr Vermögen in Ruhe geniessen können. Und ein Teil kommt mit unlauteren Absichten.

Voller Energie und Einfälle

Sicher ist: Die Nigerianer fallen auf. Sie sind laut, selbstbewusst, geschäftstüchtig und so selbstverständlich stolz auf ihre afrikanische Identität, wie es noch nicht viele Südafrikaner zu sein verstehen. Sie werden für ihre Energie und ihren Einfallsreichtum bewundert und gefürchtet. Zumal sie beides, wenn nötig, auch in fragwürdige Unternehmungen stecken: Den weltweit bekannten Internetscam «419», den Vorschussbetrug mit Massen-E-Mails, hat der nigerianische Grossstadtmoloch Lagos hervorgebracht.

Wie viele Nigerianer in Südafrika kriminell werden und ob es mehr sind als in anderen Einwanderungsgruppen, lässt sich mit Zahlen nicht belegen. Doch die Sichtbarkeit der Nigerianer macht sie zur perfekten Projektionsfläche: Sie sind in den Augen der Bevölkerung schuld an den unwürdigen Lebensbedingungen in den überfüllten Townships; sie stehlen Arbeitsplätze und Frauen; sie handeln mit Drogen, falschen Pässen und Geburtsurkunden; sie sind verantwortlich für die hohe Kriminalität im Land.

In «District 9» sind die «Nigerianer» bei genauem Hinsehen aber gar nicht Nigerianer: Sie gleichen liberianischen Warlords, sprechen Swahili, praktizieren ihre magischen Rituale nach südafrikanischer Manier. «Der Nigerianer», zeigt der Film, ist nichts als eine Chiffre für das Fremde, Bedrohliche. Was nichts daran ändert, dass ein «Nigerianer» manchmal tatsächlich ein Nigerianer ist. (Christine D’Anna-Huber)

Stichworte

«Kontrolle in Asylunterkunft», «Bodypacker verhaftet», «Kokain sichergestellt», «Kügelidealer festgenommen» – regelmässig berichtet die Polizei über Verhaftungen und Razzien in der Kokainszene, und fast immer spielen Nigerianer dabei eine Rolle. Innerhalb weniger Jahre ist es nigerianischen Dealern gelungen, den Kokainhandel nicht nur in der Stadt Zürich, sondern auch schweizweit zu dominieren. Ein Phänomen, das eng mit der Zunahme afrikanischer Asylbewerber zusammenhängt, wie Beat Rhyner, Fahndungschef der Stadtpolizei Zürich, feststellt.

Seit Mitte der Neunzigerjahre als Kügelidealer im Strassenhandel aktiv, mischen sie zunehmend auch im Drogentransport und -schmuggel mit. Das Bundesamt für Polizei schätzt, dass 25 bis 40 Prozent des aus Lateinamerika stammenden Kokains via Westafrika nach Westeuropa geschmuggelt werden. Die Mehrheit der Dealer stamme aus Nigeria. Eine Minderheit komme aus Sierra Leone, Guinea, Gambia und der Elfenbeinküste.

Nigerianer verdrängten Dominikaner

Laut Beat Rhyner hat es die Polizei in den letzten Jahren vermehrt mit Afrikanern mit der Aufenthaltsbewilligung B oder der Niederlassungsbewilligung C zu tun. Diese Bewilligungen haben sie oft durch Heirat mit einer Schweizerin oder einer Frau mit C-Bewilligung erlangt. Ein ähnliches Phänomen habe man zuvor bei Dominikanern in Zürich beobachtet. Nach der Räumung der offenen Drogenszene am Letten im Frühling 1995 hatten die Dominikaner die Libanesen aus dem Kokainhandel verdrängt. Sie sind der Polizei zufolge auch heute noch gross im Geschäft. Sie «mischeln» aber nicht mehr im Strassenhandel mit. Inzwischen sind sie eine Hierarchiestufe aufgestiegen und importieren Drogen im grossen Stil in die Schweiz.

Im Gegensatz zu den Westafrikanern waren die Dominikaner aber nicht als Asylbewerber in die Schweiz gereist, sondern mit einem Touristenvisum. Viele von ihnen erhielten durch Heirat die Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung oder wurden sogar eingebürgert. Erleichtert wurde der Zuzug der Dominikaner dadurch, dass viele Frauen aus der Dominikanischen Republik bereits als Prostituierte hier lebten und mit Schweizern verheiratet waren.

Geschickte Manipulatoren

Die nigerianischen Dealer ihrerseits zeichnen sich den Ermittlern zufolge durch grosses Manipulationsvermögen aus und wissen die Gutgläubigkeit ihrer Partnerinnen auszunützen. Viele Schweizer Frauen fallen auf ihre zuvorkommende Art und ihren Charme hinein. Dies illustriert der Fall eines 37-jährigen Nigerianers, dem die Aargauer Kantonspolizei auf die Spur gekommen ist: Der Mann ist in den Neunzigerjahren als Asylbewerber eingereist, seit zwölf Jahren mit einer Schweizerin verheiratet und inzwischen eingebürgert. Er arbeitet als Lagerist, sie ist IV-Rentnerin: Sie kommen gemeinsam auf offiziell 8500 Franken monatlich und bewohnen mit den beiden Kindern ein Einfamilienhaus.

Der Mann führt aber ein Doppelleben. Neben der Arbeit organisiert er ein Drogengeschäft im grossen Stil und fungiert als «Brückenkopf» für den Kanton Aargau. Den Handel mit 3,8 Kilogramm Kokain hat die Polizei ihm nachgewiesen. Zudem soll er 1,4 Kilogramm Kokain aus den Niederlanden importiert und über 110 000 Franken gewaschen haben. Der Mann wurde zu einer siebenjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Die Frau hatte laut Polizei von seinem Drogenhandel keine Ahnung und war bei der Verhaftung völlig überrascht gewesen. Der Mann hatte ihr vorgemacht, die unzähligen Treffen und Telefonate mit Landsmännern hätten mit seiner Nebentätigkeit im Autoexport zu tun.

Europaweit vernetzt

Die Aufenthalts- und Niederlassungsbewilligung gibt den Männern die Möglichkeit, sich in ganz Europa frei zu bewegen und auch im Zwischenhandel aktiv zu sein. Hilfreich ist dabei, dass es in fast allen europäischen Ländern Auswanderer-Gemeinschaften aus Nigeria gibt, dem mit rund 150 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichsten Land Afrikas. Das ermöglicht es den Dealern, sich im eigenen Umfeld zu bewegen und kriminell zu organisieren.

Nicht nur in Europa, auch in vielen afrikanischen Ländern, in Südamerika (Brasilien, Venezuela) und der Karibik (Niederländische Antillen, Surinam) sind nigerianische Drogenbanden aktiv. Im vergangenen November ist im Norden Malis eine ausgebrannte Boeing 707 gefunden worden, die laut dem Bundesamt für Polizei dazu gedient hatte, tonnenweise Kokain von Venezuela nach Westafrika zu transportieren.

Kuriere aus Osteuropa

Die Dealernetze betreiben ein internationales Kuriersystem, das in der Lage ist, grosse Mengen Kokain in die Schweiz zu liefern. Sie verändern die Schmuggelrouten und Vertriebskanäle ständig und setzen immer wieder andere Kuriere ein. Die Drogen werden häufig auf dem Luftweg in die Schweiz geschmuggelt. Oft durch sogenannte Bodypacker, die das Kokain in Fingerlingen schlucken. Daneben gelangen grosse Mengen Kokain auf Schiffen nach Europa, wo die Drogen dann mit Autos und der Bahn weiterverteilt werden: Die Niederlande (Rotterdam, Amsterdam) und Spanien sind die beiden wichtigsten europäischen Drehscheiben.

Seit Mitte 2009 stellt die Polizei in der Schweiz eine neue Transportstrategie fest: Die westafrikanischen Netzwerke setzten vermehrt Kuriere aus dem Balkan oder Osteuropa ein. Hintergrund dieser Entwicklung sind die vermehrten Kontrollen und Verhaftungen afrikanischer Dealer. «Westafrikanische Drogenhändler bekundeten in der Folge Schwierigkeiten, aus Afrika stammende Personen für den Kurierdienst mit dem Ziel Schweiz zu rekrutieren», schreibt das Bundesamt für Polizei im Jahresbericht 2009. Insbesondere Nigerianer würden es ablehnen, die gefährlichen Kurierfahrten zu unternehmen.

Die Nigerianer sind ausgezeichnete Händler, das bestätigen alle Fachleute, die sich mit dem Kokainhandel beschäftigen. Die Dealer sind flexibel und haben keine Berührungsängste, mit anderen Volksgruppen zusammenzuspannen, wenn es dem Geschäft dient.

In Netzwerken organisiert

Im Gegensatz zu den Albanern, die den Heroinhandel in der Schweiz dominieren, haben die nigerianischen Drogendealer flache Hierarchien und sind nicht clanmässig organisiert. Sie haben Netzwerkstrukturen, die sich immer wieder neu formieren. Sie arbeiten also nicht in straff geführten Banden.

Diese Organisationsstruktur erschwert die Strafverfolgung. Deshalb arbeiten die kantonalen Polizeikorps seit Frühjahr 2009 unter der Federführung des Bundesamtes für Polizei unter dem Projekttitel «Cola» eng zusammen. Die Arbeit ist aufwendig, die Kosten sind hoch: Allein der Kanton Aargau hat im letzten Jahr für Telefonkontrollen und Übersetzungen – die nigerianischen Dealer sprechen Igbo, eine Sprache, die nur wenige Dolmetscher kennen – rund 1,2 Millionen Franken ausgegeben. Nur schon die Identität der beteiligten Personen zweifelsfrei festzustellen, ist schwierig.

Kokain ist heute in der Schweiz nach Cannabis die am häufigsten konsumierte illegale Droge. Tendenz steigend – im Gegensatz zum Heroin, wo der Konsum stabil bis abnehmend ist. Im letzten Jahr haben Polizei und Zoll landesweit 560 Kilogramm Kokain sichergestellt: ein neuer Rekord. Kokain wird praktisch überall verkauft, in Clubs, Restaurants oder Privatwohnungen, wobei in der Stadt Zürich nur ein kleiner Teil von Strassenhändlern im Langstrassenquartier feilgeboten wird. Der Gassenpreis für ein Gramm Kokain beträgt 50 bis 100 Franken. Ein Kügeli, wie es an der Langstrasse verkauft wird, kostet zwischen 20 und 50 Franken.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.10.2010, 08:21 Uhr

7

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

7 Kommentare

Hans Abbühl

01.10.2010, 09:16 Uhr
Melden

Sarkozy hat vielleicht doch recht. Antworten


Martin Waeber

01.10.2010, 10:46 Uhr
Melden

Der einzige Weg die illegalen Strukturen im Drogengeschäft zu beseitigen ist legale, staatlich kontrollierte Strukturen zu schaffen. Antworten




Online-Wettbewerb

Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!

FÜR IHRE FREIZEIT

Für Ausgehtipps in der Region, nutzen Sie einfach unsere Agenda.

Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Remund führend in Werbetechnik

Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.

Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.