Verlässliche Typen, die wenig anecken
Von Jean-Martin Büttner, Neuenburg. Aktualisiert am 29.10.2009
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Er hat schon vor Wochen ein provisorisches Büro bezogen, um sich einzuarbeiten. Am Montag nun tritt Didier Burkhalter, der freisinnige Bundesrat aus dem Kanton Neuenburg, sein Amt offiziell an. Der Deutschschweizer Öffentlichkeit zeigte er sich zum letzten Mal in der «Arena», zwei Tage nach seiner Wahl. Und machte sogleich klar, wie sehr er sich von seinem Vorgänger unterscheidet. Pascal Couchepin hatte dominiert, Didier Burkhalter hörte zu. Couchepin polemisierte, charmierte, machte sich lustig, provozierte und zeigte in seiner ganzen Grösse, wer der Chef war. Burkhalter blieb ruhig, höflich und antwortete kurz, gelegentlich lächelnd.
Als die Parlamentarier ihren Streit um die Gesundheitskosten vor laufender Kamera inszenierten, liess er sie gelassen ausreden. Ohne ein Wort zu sagen, überführte er die angeblichen Problemlöser als Verursacher.
Kompatibles Neuenburg
Vor seiner Wahl war der 49-jährige Ökonom als grauer Typ beschrieben worden, der sich mit niemandem anlegt und sich in keiner Frage exponiert. Ob er als Bundesrat das nötige Profil entwickeln wird, ist noch nicht gesagt. Immerhin scheint er aus dem richtigen Kanton zu kommen. Mit seinen 170’500 Einwohnern macht Neuenburg etwas mehr als zwei Prozent der Landesbevölkerung aus, schickt aber bereits den neunten Bundesrat nach Bern. Damit rangiert der Kanton gleich hinter den drei Grossen: Zürich (20 Bundesräte), Waadt (14) und Bern (12).
In den frühen Jahren des Bundesstaates profitierte Neuenburg, calvinistisch bekehrt und damit freisinnig dominiert, von der freisinnigen Alleinherrschaft im Bundesrat. Der erste welsche CVP-Politiker wurde erst 1919 gewählt. Das änderte aber wenig an der Neuenburger Stärke. In den letzten hundert Jahren hat der Kanton über viermal so viele Bundesräte gestellt wie Basel-Stadt oder Genf, von anderen Kantonen ganz zu schweigen. Was macht die Neuenburger Politiker so bundesratskompatibel?
Es hat mit Mentalität, Geografie und Religion zu tun, wie sich in Gesprächen zeigt. Neuenburg betreibe zwar eine lebhafte Politik, sagt der Neuenburger Freisinnige Claude Frey, «denn wir Neuenburger sind streitlustig». Zugleich seien alle an Lösungen interessiert. Der Konflikt löst sich also in Konsens auf. Frey selber ist das beste Gegenbeispiel: Der fröhliche Sanguiniker, um keine Polemik verlegen, scheiterte 1998 mit seiner Bundesratskandidatur auch wegen Ausfälligkeiten. Damit hielt sich sein Rivale Pascal Couchepin zurück; er drehte erst auf, als er das Amt auf sicher hatte.
Preussen und Anarchisten
Die politischen Differenzen, die Frey anspricht, gehen quer durch seinen Kanton. Auch geologisch bedingt: Unten am See liegt das ruhige, lange konservative, von der preussischen Herrschaft geprägte Neuenburg mit seinem Schloss und seinen Notablen. Jenseits der Vue des Alpes breitet sich die Uhrenstadt La Chaux-de-Fonds aus, nach dem Grossbrand von 1794 im Schachbrettmuster wiederaufgebaut. Hier etablierten sich jüdische Flüchtlinge aus dem Elsass als Unternehmer, denen Neuenburg den Zugang verwehrt hatte. Sie förderten die Kultur und die Debatten und beschäftigten ein selbstbewusstes Proletariat, jurassische Dickköpfe mit libertären, mitunter anarchistischen Tendenzen. Diese marschierten 1848 ins Tal, um die Preussen aus dem Schloss zu vertreiben, was nicht schwerfiel; auch die Gegenrevolution scheiterte bald. Die oft gerühmte, aus dem Konsens gewonnene Neuenburger Stabilität hat mit der Überwindung solcher Differenzen zu tun. «Preussen, Anarchisten und dazwischen eine Bergkette», kommentiert der Komiker Pierre Miserez aus La Chaux-de-Fonds: «Solche Gegensätze zwingen zur Zusammenarbeit.»
Den Konservativen im Kanton kommt paradoxerweise entgegen, dass die Linke in La Chaux-de-Fonds und Le Locle seit gut einem Jahrhundert an der Macht ist: Erfolg macht schläfrig. Die Gegend ergehe sich in «linker Nostalgie», sagt der Kulturmanager Marcel Schiess über die beiden Arbeiterstädte. Dass die Neuenburger zum Konsens neigen, führt er auch auf die Uhrmachertradition zurück. «Um eine Uhr aus bis zu 700 Teilen zusammenzubauen», sagt er, «braucht es Spezialisten, die einander präzis zuarbeiten.» Das bedinge ein hohes Engagement für die Arbeit und Respekt an der Arbeit der anderen.
Dazu kommt die enge Beziehung von Neuenburg zu Bern, die seit dem Mittelalter besteht und sich durch eingewanderte Deutschschweizer Uhrmacher verstärkt hat. «Von allen welschen Kantonen steht Neuenburg der Deutschen Schweiz am nächsten», sagt der Historiker Urs Altermatt. Am weitesten weg bleibe Genf, das auch einen anderen Typus von Politikern hervorbringe. Die Genfer dächten weniger konsensuell, sagt auch der Neuenburger Politologe Ernest Weibel, das politische Klima sei dort konfliktiver.
Genf, dauernd übergangen
Das erklärt, warum Genf in den letzten hundert Jahren nur zwei Bundesräte bzw. Bundesrätinnen stellte, Ruth Dreifuss und Micheline Calmy-Rey. Bezeichnenderweise wurden beide nur gewählt, weil das Parlament andere Kandidaten nicht wollte oder nicht bekam: Dreifuss folgte 1993 auf die Brüskierung von Christiane Brunner und die – von der SP erzwungene – Absage des Neuenburgers Francis Matthey. Und Calmy-Rey bekam ihre Chance, weil die Welschen die Freiburgerin Ruth Lüthi nicht als Welsche akzeptierten.
«Profilierte Politiker haben es bei Bundesratswahlen immer schwerer», sagt Urs Altermatt. Träten sie gegen Gemässigte an, würden jene im Allgemeinen vorgezogen. Etwa die Neuenburger Sozialdemokraten Pierre Aubert und René Felber. Die SP habe sie als konsensuelle und damit wählbare Politiker aufgestellt, erinnert sich der damalige SP-Präsident Helmut Hubacher. Zuvor hatte die Parlamentsmehrheit die von ihr nominierten Kandidaten zweimal übergangen und stattdessen Willy Ritschard und Otto Stich gewählt. «Darum haben wir beim vierten Neuenburger Soziademokraten, den uns die Bürgerlichen unterjubeln wollten, Nein gesagt.» Also musste Francis Matthey verzichten. Um dann einen anderen Triumph der Neuenburger über die Genfer anzuführen, bei der Vergabe der Expo. Obwohl das Genfer Projekt interessanter und sparsamer war, entschied sich der Bundesrat 1999 für die Dreiseen-Region zwischen Neuenburg und Bern – und machte Matthey zum Präsidenten. Die Genfer wurden übergangen, zürnten und sahen sich bestätigt. Und die Neuenburger hatten, was sie wollten. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 29.10.2009, 04:00 Uhr
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