Umstrittene Gelder für die Käsereien
Von Susanne Graf . Aktualisiert am 07.12.2011 3 Kommentare
Magerkäse
Im Jahr 2000 wurden in der Schweiz knapp 900 Tonnen Magerkäse produziert. Bis 2008 blieb die Menge im Durchschnitt der Jahre relativ stabil.
2009 stieg sie plötzlich auf 2016 Tonnen an, 2010 wuchs sie auf 2998 Tonnen. Dieses Jahr rechnet Fromarte-Direktor Jacques Gygax mit gegen 5000 Tonnen. Laut Peter Streit von der Treuhandstelle Milch handelt es sich dabei um magere und viertelfette Weich-, Halbhart- und Hartkäse. Dass die Produktion in den letzten Jahren derart sprunghaft angestiegen ist, schreibt Streit nicht allein der Verkäsungszulage zu. Der Anstieg sei nicht zuletzt auch auf die höhere Milchproduktion zurückzuführen, denkt er.
Silorappen
Bauern, aus deren Milch Hartkäse wie Greyerzer oder Emmentaler wird, dürfen an ihre Kühe keine Silage verfüttern. Die Bakterien, die in Silofutter enthalten sind, brächten die Käse während ihrer Reifezeit zum Platzen – ausser die Milch würde vorher erhitzt, was die entsprechenden AOC-Pflichtenhefte aber nicht gestatten. Nur frisches Gras oder getrocknetes Heu sind deshalb erlaubt. Könnten die Bauern das Gras in Siloballen für den Winter konservieren, hätten sie weniger Aufwand, als wenn sie es von der Sonne dörren lassen müssen. Für diesen Mehraufwand bezahlt der Bund pro Kilo Milch 3 Rappen als sogenannte Zulage für Fütterung ohne Silage.
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Am Gesamtbetrag, der nächstes Jahr in die Landwirtschaft fliessen soll, rüttelt der Bundesrat nicht. Aber er sieht im Budget 2012 vor, nur noch knapp 270 Millionen Franken für die Verkäsungszulage und die Zulage für Fütterung ohne Silage (siehe Kasten) bereitzustellen. Damit bekämen die Milchbauern 30 Millionen Franken weniger als dieses Jahr. Pro Kilo Milch, das zu Käse verarbeitet wird, würde es nicht mehr für 15, sondern nur noch für etwa 12 Rappen reichen. Die Finanzkommissionen von National- und Ständerat sprachen sich allerdings dafür aus, den Betrag wie schon letztes Jahr um knapp 30 Millionen Franken aufzustocken.
Ausgleichsfunktion
Doch was soll diese Verkäsungszulage eigentlich? Eingeführt wurde sie mit der neuen Milchmarktordnung am 1.Mai 1999. Während für Konsummilch, Butter, Rahm und Joghurt immer noch ein Grenzschutz höhere Produzentenpreise sichert, sind die Grenzen für den Käse seit 1.Juni 2007 gegenüber der EU vollständig offen. Die Schweizer Käsehersteller müssen den Rohstoff Milch in der Schweiz aber zu vergleichbaren Preisen beziehen können, wenn sie Absatzchancen haben wollen. Mit der Verkäsungszulage wollte die Politik dafür sorgen, dass Schweizer Bauern, die ihre Milch verkäsen lassen und der europäischen Konkurrenz aussetzen, etwa gleich viel verdienen können wie Kollegen, die für den geschützten Schweizer Markt produzieren. Doch beim Emmentaler läuft der Absatz inzwischen trotz der Verkäsungszulage schlecht – obwohl der Milchpreis mit der Verkäsungszulage häufig unter dem EU-Niveau liegt. Hier wird die Zulage ihrer ursprünglich gedachten Ausgleichsfunktion zwischen dem EU- und dem Schweizer Preis nicht mehr gerecht.
«Das ist absolut legal»
Die Verkäsungszulage bewirkt aber noch etwas, das bei ihrer Einführung niemand beabsichtigt hat: Sie führt dazu, dass immer mehr Käser immer mehr Milch zu Magerkäse verarbeiten (siehe Kasten). Diesen verkaufen sie als No-Name-Produkt ins Ausland – und kassieren in der Schweiz die Verkäsungszulage. «Das ist absolut legal», betont Fromarte-Direktor Jacques Gygax, der die Dachorganisation der Schweizer Käsehersteller leitet. Doch was passiert mit den rund 10 Litern Rahm pro 100 Kilo Milch, die der Milch entnommen wurden? Laut Gygax können die Käser das Kilo Fett auf dem immer noch geschützten Schweizer Markt für 8 bis 10 Franken verkaufen. «Auf dem EU-Markt bekämen sie dafür die Hälfte», sagt er und fügt hinzu: «Und die Milchproduzenten müssen dann dafür bezahlen, dass der Butterberg abgebaut wird.» Das könne nicht Sinn und Zweck der Verkäsungszulage sein, sagt Gygax. Er schätzt, dass dieses Jahr gegen 5000 Tonnen Magerkäse hergestellt werden, womit der Bund 5 bis 6 Millionen Franken Verkäsungszulagen ausbezahlen werde, «die man für anderes zur Verfügung stellen könnte».
Kein Käse im Schweinetrog
Gygax will aber an der Verkäsungszulage «als Treibstoff für die Käselokomotive» durchaus festhalten. Im Rahmen der Agrarpolitik 2014–2017 setzt er sich dafür ein, dass künftig nur noch davon profitieren kann, wer pro Kilo Milch mindestens 151 Gramm Fett verkäst, also mindestens einen Viertelfettkäse herstellt.
Im heutigen Gesetz fehle die Grundlage für eine derartige Abgrenzung, sagt Niklaus Neuenschwander vom Bundesamt für Landwirtschaft. Er bestätigt, dass in der Schweiz mehr Magerkäse produziert wird. Aber so schlimm, wie es SVP-Nationalrat Max Binder in einer Anfrage an den Bundesrat suggeriert habe, sei es nicht: Dem Bundesamt seien keine Fälle bekannt, in denen Magerkäse an Schweine verfüttert worden wäre.
In der Antwort auf Binders Anfrage wies der Bundesrat im November 2011 darauf hin, dass seit diesem Jahr aus der entrahmten Milch nicht nur Frischkäse (Cottage Cheese), sondern vermehrt auch Halbhart- und Hartkäse hergestellt werde. (Berner Zeitung)
Erstellt: 07.12.2011, 07:28 Uhr
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3 Kommentare
Man sollte endlich den Bauern eine Prämie bezahlen für jedes NICHT-produzierte Kilo Milch. Es ist absolut idiotisch, Butterberge zu horten. Zuviel Fett ist zudem gesundheitsschädlich und erhöht die Gesundheitskosten. Wir bezahlen also doppelt: für nicht gebrauchte Milch und für zu hohe Krankenkassenprämien. Dazu kommt, dass es auch ungerecht ist, dass die Bauern für Exporte subventioniert werden. Antworten
Wäre ja schon wenn wir Bauern etwas davon sehen würden, es wird gebraucht um die hohen Löhne und Kosten der Verarbeiter zu finanzieren. Wir haben bei der Milch bald EU Preise, aber mit den hohen Schweizer Kosten und Löhne werden wir nie Konkurrenzfähig sein. Bei Durchnittlich ca 55 Rappen für einen Liter Milch, sind nicht die Bauern am hohen Preis im Laden schuld. Antworten
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