Schweiz

«Trotz Krise sind viele Stellen frei»

In manchen Branchen ist der Arbeitsmarkt trotz Krise stabil: Stellen bleiben offen, weil Angestellte in der unsicheren Wirtschaftslage Angst vor einem Jobwechsel haben. Dies zeigt eine Umfrage dieser Zeitung.

Die Metallindustrie   leidet besonders unter der Krise: Zieht der Auftragseingang wieder an, werden nicht gleich neue Leute eingestellt. Zuerst werden die Kurzarbeiter beschäftigt.

Die Metallindustrie leidet besonders unter der Krise: Zieht der Auftragseingang wieder an, werden nicht gleich neue Leute eingestellt. Zuerst werden die Kurzarbeiter beschäftigt.
Bild: Keystone

«Wer den Arbeitgeber wechseln will, hat jetzt in manchen Branchen optimale Chancen, eine neue Stelle zu finden», sagt Raymond Känel, Inhaber des Vermittlungsfirma Sigma Bern. Er erläutert: «Trotz Krise sind viele Stellen frei. Gerade in den kaufmännischen und den technischen Berufen suchen wir Sachbearbeiter und Fachleute.» Känel schildert den aktuellen Fall einer Kauffrau: Sie hat einen kaufmännischen Abschluss und Erfahrung im Rechnungswesen und kann aus zahlreichen Angeboten auswählen.

Auch im Finanzwesen, in der Immobilienbranche oder im Treuhandumfeld seien Arbeiter Mangelware. Geradezu verzweifelt nach Personal gesucht wird gemäss Känel in der Industrie: Der Solar- und der Medizinaltechnik fehlen Elektrofachleute.

Viel zu wenig Fachkräfte

Ähnlich tönt es auch beim Stellenvermittler Manpower: «Uns fehlen Leute mit technischer Grundausbildung, Handwerker und mehrsprachige Kandidaten für kaufmännische Berufe», sagt Peter Unternährer, Regionaldirektor Bern und Solothurn. Auch Adecco Schweiz kennt Branchen, wo es derzeit zu wenig Fachkräfte gibt: «Beim Pflegepersonal, bei den Ärzten, in der Forschung, im IT-Bereich und in der Wissenschaft herrscht ein Mangel an Arbeitskräften», weiss José M. San José, Mediensprecher von Adecco.

Und Bernhard Bürki von Jobscout beklagt im Kanton Bern fehlende Fachkräfte im Baugewerbe, in der Gesundheitsbranche, aber auch in handwerklichen Berufen. «Zudem sind Ingenieure und Informatiker sehr gesucht», sagt Bürki.

Warum wenig Jobwechsel?

Warum wechseln denn so wenige Leute heute den Arbeitgeber? Den Grund dafür sieht Känel in der Tatsache, dass die Nachfrage in vielen Bereichen überhaupt nicht zurückgegangen ist. «Aber viele Arbeiter wissen das nicht. Darum haben wir auf offene Stellen wenig Bewerbungen», beklagt Känel. Derzeit seien allein in seiner Kartei im Raum Bern 80 Stellen offen. Sogar 674 offene Stellen bietet Jobscout auf seiner Plattform in den Kantonen Bern, Freiburg und Solothurn an.

Auch andere Personalvermittler schildern, dass sie derzeit bei den Arbeitnehmenden eine «riesige Verunsicherung» spüren, die Stelle zu verlieren: «Sie wollen nichts riskieren und bleiben auf ihren Jobs sitzen», sagt Unternährer. Nur wenige seien derzeit freiwillig bereit, den Arbeitgeber zu wechseln.

Problem: Unqualifizierte

Verlierer der Krise sind im Moment Stellensuchende in der industriellen Produktion: «Sowohl qualifizierte wie spezialisierte Arbeitnehmer haben Mühe, etwas zu finden. Hart getroffen hat es allgemein exportabhängige Firmen», so Peter Unternährer. Erschwerend ist die Tatsache, dass viele dieser Betriebe Kurzarbeit eingeführt haben. Was das bedeutet, erläutert Anton Bolliger der Berner Wirtschaft Beco: «Wenn die Firmen wieder mehr Aufträge haben, arbeiten erst einmal die Festangestellten nicht mehr kurz. Neue Anstellungen erfolgen erst später.»

Hart getroffen sind einmal mehr die unqualifizierten Arbeitnehmer, die ohne Berufsabschluss. Unternährer schildert, dass es von Jahr zu Jahr schwieriger wird, sie zu vermitteln. Das Angebot solcher Arbeitsplätze schrumpfe permanent.

Wenige freie Kaderstellen

Auch am oberen Ende der Skala, auf Kaderstufe, gibt es momentan wenig vakante Stellen: «Man kann sagen, dass es für Führungskräfte auf Stellensuche zurzeit nur wenige offene Positionen im Berner Markt hat», sagt Brigitte Kessler von E.M.S. Diese Firma hat sich auf die Rekrutierung im Engineering spezialisiert: «Wer eine Stelle sucht, braucht etwas mehr Geduld als früher. Die Gründe sind, dass Firmen, die aus der Krise kommen, bei der Besetzung von Stellen vorsichtiger sind und im Entscheidprozess zwei bis vier Wochen länger benötigen als in den Boomjahren», weiss Kessler.

Peter Unternährer von Manpower gibt zu bedenken, dass die Fluktuationsrate bei Kaderpositionen generell tief sei. (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.03.2010, 07:32 Uhr

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