Todesflug Swissair 330: Weshalb wurden die Täter nie gefasst?
Von Marc Brupbacher. Aktualisiert am 25.06.2010 27 Kommentare
Flug SR330 startete am 21. Februar 1970 in Kloten mit Ziel Tel Aviv. An Bord waren 38 Passagiere und 9 Besatzungsmitglieder. Nach nur neun Minuten passierte die Katastrophe: Im hinteren Laderaum explodierte eine Bombe. Die Besatzung versuchte noch nach Zürich zurückzukehren und dort notzulanden. Doch der Rauch im Cockpit verdeckte den Piloten die Sicht auf die Instrumente. So driftete das Flugzeug immer mehr nach Westen ab und stürzte schliesslich bei Würenlingen AG ab. Keiner überlebte den Absturz. Unter den Opfern waren viele Deutsche.
George Habash von der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) übernahm kurz nach dem Absturz der Convair CV-990 Coronado die Verantwortung. Der Fall schien schnell aufgeklärt. Die Drahtzieher Sufian Radi Kaddoumi und Badawi Mousa Jawher wurden ermittelt, ihre Adressen in Jordanien und Ägypten waren bekannt. Das geht aus einem Polizeibericht hervor. Doch die Terroristen wurden nie gefasst.
ARD rollt Fall neu auf
Nun, vier Jahrzehnte nach dem Anschlag, beschäftigte sich eine ARD-Dokumentation erneut mit dem Fall. Der Film «Der Todesflug von Swissair 330 - Terroranschlag ohne Sühne» beleuchtet den Terroranschlag von 1970. Im Film wird den Deutschen und Schweizer Behörden vorgeworfen, dass sie nicht genug unternommen hätten, um die Täter zu fassen.
«Ich kann nicht begreifen, dass nichts passiert ist», sagt die heute 95-jährige Schweizerin Doris Bosshard im Film und hofft noch immer auf Gerechtigkeit. Ihr Mann, Flugkapitän Hans Kuhn, war beim Absturz der Swissair ums Leben gekommen. Auch die Witwe des Bordmechanikers lebt noch und stellt die gleiche Frage: Weshalb wurde die Strafverfolgung nicht zu Ende geführt? Bosshard kann nicht verstehen, warum keine Festnahmen, keine Anklagen, kein Prozess folgte. Es ist ihre zweite Tragik des Unglücks.
Den Journalisten Walter Senn hat diese Geschichte nie losgelassen. Er schildert im Film, wie alle – auch der Bundesrat damals geschworen hätten, dass dieses Verbrechen aufgeklärt werden müsse. Geschehen sei aber bis heute nichts. Senn, der in der Dokumentation die eigentliche Hauptrolle spielt, vermutet hinter der Untätigkeit heute gar einen Komplott zwischen der deutschen Bundesregierung und dem Schweizer Bundesrat.
Polizei erstellte lückenlosen Bericht
Flugzeugterrorismus mitten in Europa – das war neu. Plötzlich stand der Nahostkonflikt vor der eigenen Haustüre. Und eigentlich wollte man weder in Deutschland noch in der Schweiz damit etwas zu tun haben – auch aus Angst, Opfer von weiteren Anschlägen zu werden. War das der Grund, weshalb man sich vor einer Jagd auf die Terroristen fürchtete?
An der Aufklärung hat es jedenfalls nicht gemangelt, die Polizei hat schnell ermittelt und einen lückenlosen Bericht erstellt. Die Täter und ihre Adressen im Ausland waren schnell bekannt. «Die mutmasslichen Täter Kaddoumi und Jawher wurden klar identifiziert, und man wusste genau, wo sie wohnten», so Senn. Das bestätigen im Film auch zwei ehemalige Ermittler, je einer aus Deutschland und einer aus der Schweiz. Doch passiert ist nichts. Der Bericht wurde – so die Vermutung – von höherer Stelle unter den Teppich gekehrt. Beweise dafür gibt es indes nicht.
Als unverjährbar eingestuft
Der ARD-Dok, zeigt, wie sich Walter Senn auf nach Bern macht. Er will wissen, ob die Politik damals Einfluss auf das Verfahren genommen hatte, und bewusst die Täter nicht jagte. Das Verfahren wurde hierzulande im November 2000 endgültig eingestellt. Und das, obwohl die frühere Bundesanwältin Carla Del Ponte das Verbrechen als unverjährbar einstufte. Die Angehörigen der Opfer wurden über die Einstellung des Verfahrens nicht einmal informiert.
Die Akten zum Fall liegen bei der Bundesanwaltschaft. Senn hat alles versucht, um Einsicht zu erhalten. Aber sie wurde ihm verweigert. Die politisch Verantwortlichen sind nicht mehr am leben. Senn sagt: «Ich kann nicht beweisen, ob es politische Beeinflussung gab, ich kann es nur vermuten.»
Bortoluzzi verlangt Aufklärung
Neben Walter Senn interessiert sich nun auch der SVP-Nationalrat Toni Bortoluzzi für den Fall. Er hat eine Anfrage im Parlament eingereicht. Er will wissen, ob bei der Aufklärung des Terroraktes nicht unhaltbar geschlampt worden sei. «Man muss alles unternehmen, um solch eine Tat zu sühnen. Auch nach langer Zeit. Ein solches Verbrechen darf nicht verjähren», so der SVP-Politiker.
In Deutschland ist das Verfahren noch nicht eingestellt. Dort verjährt Mord nicht. Jetzt sind sogar die Haftbefehle für die damaligen Täter neu erlassen worden. Vielleicht aufgrund des ARD-Dok-Filmes. Vorher gab es jahrelang keine Haftbefehle, weil die Akten verschwunden waren. Wohin, weiss niemand.
Senn reist nach Jordanien
Walter Senn bleibt hartnäckig und reist für die Dokumentation in die jordanische Hauptstadt Amman um die Täter aufzuspüren. Sufian Radi Kaddoumi soll vor einigen Jahren verstorben sein, erfährt der Filmer dort. Von Badawi Mousa Jawher weiss man jedoch in Jordanien nichts. Senn findet keinerlei Spuren.
Senn ist heute überzeugt, damals seien die Behörden schlicht überfordert gewesen, diese Krise zu meistern. Für Witwe Doris Bosshard und die anderen Angehörigen der damaligen Opfer bleibt auch 40 Jahre nach der Katastrophe ein Gefühl der Ohnmacht. Für Gerechtigkeit scheint es zu spät zu sein. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 25.06.2010, 16:35 Uhr
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27 Kommentare
Warum? Weil die schweizerischen Ermittler mehr als dilletantisch ermittelten und weil unsere Behörden weder Mut noch Courage hatten zur Sache zu stehen. Eine Schande mehr für die Schweiz, die dem Terrorismus, vide Affäre Ghadaffi, recht locker begegnet...und Tür und Tor öffnet...SCHANDE! (Bin überzeugt, dass mein Kommentar einmal mehr nicht veröffentlicht wird!) Antworten
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