Schweiz
Teilsieg der Chauffeure im Kampf um Kindersitz-Zwang
Von Maurice Thiriet. Aktualisiert am 17.03.2010 43 Kommentare
Noch gilt die Kindersitzpflicht in der Schweiz für Kinder bis sieben Jahre. Ab Anfang nächsten Monats wird sich das ändern. Dann müssen alle Kinder bis 12 Jahre oder unter 150 Zentimeter Körpergrösse mit einer EU-zertifizierten Babyschale, einem Kindersitz oder einer Sitzauflage gefahren werden. Und zwar, ausser im öffentlichen Verkehr, immer und ausnahmslos. Das verordnete der Bundesrat in Anlehnung an eine entsprechende EU-Richtlinie.
Keine Ausnahmen
Taxiunternehmer, Schulbusbetreiber und Sportverbände liefen gegen die Verordnung Sturm. So viele verschiedene Kindersitze könne man schon aus Platzgründen nicht immer dabeihaben, sagten die Taxiunternehmer. Die Schulbusbetreiber und Sportverbände protestierten, sie müssten mehr Fahrzeuge einsetzen, da die Sitze Platz wegnähmen und doppelt so viele Kinder Sitze benötigten. Die Zürcher, Berner und Genfer Taxiunternehmer stellten das Kindersitzangebot ganz ein und bieten den Service nur noch gegen horrende Aufpreise (TA vom 23.11.).
SP-Nationalrat Carlo Sommaruga hatte bereits vergangenen Juni interveniert. In einer Interpellation fragte er, ob man nicht eine Ausnahme für Taxiunternehmen machen könne. Es gebe keine Ausnahmen, antwortete der Bundesrat. In der Wintersession fragte Sommaruga dann, ob man nicht Ausnahmen machen könne für Taxiunternehmen, damit auch Familien im Notfall Taxi fahren können. Es gebe keine Ausnahmen, antwortete der Bundesrat. Letzte Woche nun lancierte Sommaruga eine entsprechende parlamentarische Initiative, die vom Kommunisten bis hin zum Rechtsbürgerlichen 105 (!) Nationalräte unterzeichnet haben.
Taxilobby mit Etappensieg
In der gestrigen Fragestunde knickte der Bundesrat dann ein. Auf die Frage Christian van Singers (Grüne) hiess es: «In Einzelfällen räumt der Bundesrat Schwierigkeiten ein, etwa beim Transport von Kindern durch Dritte.» Die Regierung prüfe, welche Ausnahmen die massgeblichen EU-Richtlinien zulassen.
Die rigide Verordnung dürfte also aufgeweicht werden. «England, Holland, Spanien und Italien haben für Taxi- und teilweise Schultransporte Ausnahmen erlassen», sagt Sommaruga. Thomas Rohrbach, Sprecher des Bundesamtes für Strassen (Astra), bestätigt, dass wohl Ausnahmen bei Chauffeurdiensten durch Dritte möglich seien. «Falls wir einen Auftrag des Bundesrates erhalten, werden wir eine Lösung ausarbeiten», sagt Rohrbach.
Allein, es ist zu spät. «Die Änderung der Verordnung mitsamt Vernehmlassungsverfahren wird mehrere Monate dauern», sagt Rohrbach. Deshalb gelte die ausnahmslose Kindersitzpflicht ab 1. April unverändert. Weil der Bundesrat also nicht bereits im vergangenen Jahr einsichtig war, heisst das: Sportklubs, Taxi- und Schulbusunternehmen oder alle anderen, die Kinder transportieren müssen, die nicht direkt zu ihnen gehören, müssen auch für die kurze Zeit bis zur Schaffung einer allfälligen Ausnahmeregelung die nötigen und teuren Kindersitze anschaffen und montieren. Denn die Polizei kann büssen.
Sicherheit der Kinder sensibilisieren
«Die Polizei hat sich an die geänderte Verordnung, die ab dem 1. April gilt, zu halten», sagt Werner Schaub von der Kantonspolizei Zürich. Police Bern hält es gleich. «Wir müssen die gesetzlichen Richtlinien umsetzen, auch wenn sie Gegenstand von Diskussionen sind», sagt Sprecher Thomas Jauch. Der Fokus bei Kontrollen liege aber darauf, für die Sicherheit der Kinder zu sensibilisieren. Die Busse von 60 Franken für jedes schlecht oder ungesetzlich gesicherte Kind stehe nicht im Vordergrund. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.03.2010, 13:17 Uhr
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43 Kommentare
Entweder habe ich ein Kind, dann bin ich auch für dessen Sicherheit verantwortlich. Oder ich habe kein Kind, dann brauche ich auch keinen Sitz. Eltern = Kinder = Verantwortung! So einfach ist das! P.S. Für alle, die sich hier aufregen: Zählt mal zusammen, wieviel ihr bisher für die lieben Kleinen ausgegeben habt. Klingelts? Antworten
Als Taxifahrer nehme ich die Busse von 60Fr. jetzt schon in Kauf (soll Leute geben, welche mehr als ein Kind haben / kann nur 1 Kindersitz dabeihaben, brauche Platz für Rollstühle u.ä.)! Sollte sich aber merken, dass ich bei einem Unfall u.U. haftbar bin, werde ich diese Kinder künftig auch stehenlassen müssen! Gerade in Zürich verzichten viele junge Familien auf ein Privatauto, falsches Signal! Antworten
bolliger@Ganz genau so sehe ich das auch. Leider hatte ich noch nie ein Auto, welches schneller als 130 Km lief, vielleicht lebe ich deshalb noch! Meine dritte Tochter packt gerade den Container, nachdem die zwei jüngeren bereits ausgewandert sind, in eine Land, wo man noch echte Probleme hat, keine Zeit für solche Vorschriften. Antworten
Die Regelung ist unsinnig und viel zu rigoros. Die 150cm sind zu hoch angesetzt (manche Erwachsene erreichen diese Grösse nicht einmal) und keine Taxi-Ausnahmeregelung ist weltfremd. Manchmal frage ich das Kindsein ohne jegliche Sicherungen im Auto überhaupt überlebt habe! Das ist reine Abzockerei und nichts anderes. Antworten
Da wir kein Auto haben sind wir manchmal, wenn die kleine Krank ist, auf das Taxi angewiesen. In W'thur hatte ich noch nie Probleme ein Taxi mit Sitz zu bekommen. Was bei den hiesigen Taxi-Unternehmen kein Problem ist, sollte auch für andere kein Problem sein. Kinder bis zu einer gewissen Grösse in einem K-Sitz zu transportieren ist im Interesse der Kinder. Wo ist das Problem? ah, aus Prinzip??? Antworten
War das früher noch eine schöne Zeit...Da sind wir mit frisierten Töfflis , Velosund Ski's ohne Helm gefahren, durften mit 16 schon rauchen, auf Autobahnen 200kmh fahren, waren nicht angeschnallt und, oh Wunder ICH LEBE NOCH!! Dem Staat ist doch unsere Gesundheit egal. Schlussendlich geht es doch nur darum, den Bussenkatalog zu erweitern! Antworten
Es geht um eine Bevormundung der Eltern und um Geldmacherei für bestimmte Gruppierungen. Solange ich im ÖV Kinder auf Grund von Platzmangel stehen sehe, macht die ganze Regelung für Private keinen Sinn, ausser dass der Bund Geld kassieren kann. Aber: Vielleicht passieren Unfälle ja nur mi Privatverkehr. Ich kenne Familiene mit 4 Kindern, da bezahlt die UVEK den neuen Van inkl. Kisi :) Antworten
An die Sicherheitsfanatiker: 1. Wie viele Kinder sind denn letztes Jahr in Taxis und Schulbussen wegen eines fehlenden Kindersitzes verletzt oder getötet worden? 2. Wie fänden Sie es, wenn man das Transportieren von Kindern in Autos ganz verbieten würde, da Autofahren erwiesenermassen gefährlicher ist, als den öV zu benutzen? Antworten
Einmal mehr verstellt der EU-hörige, vorauseilende Wahn des Bundesrates den Blick auf das Wesentliche. Diese Bestimmung ist so überflüssig, wie die inzwischen wieder abgeschaffte Bestimmung eines Klebers, der darauf aufmerksam macht, dass man mit Winterreifen nicht über 160 km/h fahren dürfe! Wenn Eltern ihre Kinder nicht mehr selber schützen können, dann Gute Nacht! Antworten
Ein Kompromiss wäre, wenn fehlbare Chauffeure nicht gebüsst würden, aber bei einem Unfall, bei dem Kinder mangels Kindersicherung verletzt werden, die Versicherungen berechtigt sind, deren Chauffeur zur Kasse zu bitten. Die Fahzeughalter wie die Chauffeure haben dann selber die Wahl, ob sie das grosse Risiko eingehen wollen, oder doch lieber die Kinder in Kindersitzen sichern wollen. Antworten
@Daniel de Lange: Ihre persönliche Entscheidungsfreiheit wird ja gar nicht tangiert durch diese Bestimmungen. Hingegen die Entscheidungsfreiheit von Kindern, wenn Sie durch mangelnde Fürsorge invalide werden. Keine Sicherheitsvorrichtung verwenden ist wie fahren ohne Gurten/Kopfstütze. Haben sie schon mal an die Sicherheit Ihrer Kinder gedacht? Wirklich? Antworten
@Yves Mundorff. Schade das Sie den Kontext nicht begriffen haben. Die Sicherheit meiner Kinder habe ich bereits aus eigener Antrieb gewährleistet. Es ging mir bei diesen Beitrag darum, dass eine kurzfristige finanzielle Schutz mittel oder langfristig finanziell nachteilig ausfallen kann. Aber ich bin froh dass sie lachen mussten. Das ist gesund und spart somit Krankenkassegebühren :-) Antworten
@Mundorff - Wir hören ja täglich von 8-12 Jährigen die in Autounfällen gestorben sind. Dafür glauben die Schulbehörden, dass 4-jährige den Schulweg alleine bestreiten können. Wenn sie schon mit einem Kind dringend auf ein Taxi angewiesen waren um beispielsweise dringend ins Kinderspital zu kommen, so werden sie halt einfach 1 Stunde länger warten müssen. So einen Schwachsinn Hr. BR Leuenberger! Antworten
@Daniel de Lange: Wegen der Sicherheit der Kinder können sie die Kinder nicht mehr zum Sport fahren? Lachhaft. Ich habe selbst drei Kinder und habe keinerlei Probleme mit den Sitzen, Platz what-ever. Die Kinder sitzen bequemer und auf einer erhöhten Sitzposition (besserer Blick nach draussen). Antworten
Ich verstehe das Getöns hier nicht. Die Sicherheit der Kinder hat die höchste Priorität. Wenn ich sehe, dass es Eltern gibt, die ihre Kinder nicht mal angurten. Die Entscheidung den Eltern zu überlassen geht nur, wenn die Eltern bei einem Unfall und verletzten Kinder wegen Körperverletzung resp. fahrlässiger Tötung in den Knast müssten. Antworten
@W. Sahli Danke für das Superbeispiel. Sie gehen davon aus, dass ich falsche Entscheidungen treffen werde und das Sie dafür zahlen müssen. Also geht es nicht um Kinder, sondern um ihr Geldbeutel. Angenommen ich kann meine Kinder nicht mehr zum Sport fahren (Sie wissen ja nicht wo ich wohne) und sie entwickeln dadurch Diabetis oder werden Verhaltensgeschädigt. Sind Sie dann bereit zu zahlen? Antworten
ich verstehe keine mutter und keinen vater, der das nicht freiwillig so macht. und ich verstehe auch nicht, wo das problem sein soll. für ü7-kinder gibt es bereits ab 20 franken schalen, die reichen um die sicherheit zu erhöhen und strangulationen zu verhindern. diese sind leicht und relativ klein, die kann man im sportclub/pfadi auch mitnehmen. ist doch überhaupt kein problem. Antworten
Markus Zimmermann, das sind nicht wir, die vor der EU auf die Knie fallen, das ist unser lieber Angsthasen-Bundesrat. Als Taxifahrer würde ich den Bundesrat darum bitten, mir an jeder nächsten Ecke einen Kasten mit 4 Kindersitzen bereitzustellen, denn im Kofferraum hat's dafür keinen Platz, der ist für Koffer reserviert. Vielleicht würde der BR dann merken, wie stupid das ganze ist. Antworten
@Mathias Berger. Ich kann ihre Argumentation nicht ganz folgen. Oder meinen Sie das Eltern nicht in der Lage sind selber zu entscheiden was gut ist für Ihre Kinder? Muss wirklich alles vorgegeben werden? Und wie halten Sie es dann mit Sportanlässe, sollen wir diese verbieten weil dann Kindern transportiert werden müssen und das angeblich lebensgefährlich ist? Verbreitet Infos und nicht Gesetze! Antworten
Die EU-Verordnung ist vor allem auf Druck der Wirtschaft entstanden und nicht aus einem Sicherheitsbedürfniss für die Kinder heraus. Wir haben unsere Kinder bis jeweils 10 in den Sitzen gelassen und nun die Sitze weitergegeben. Nun soll ich wegen vier Monaten wieder einen Sitz kaufen? Da niemand mehr einen Sitz hat, können wir auch keinen ausleihen. Aber die Familien haben es ja. Antworten
Das ist kein "Teilsieg der Chauffeure", sondern ein Teilsieg der Familien mit Kindern. Sie sind nämlich die Leidtragenden dieser idiotischen Regelung, insbesondere diejenigen, die auf ein Auto verzichten und sporadisch ein Taxi benützen müssten. Leider zeichnet sich der Chef UVEK nicht durch rasche Einsicht aus. Antworten
Wieso soll ich überhaupt noch selber denken? Wieso soll ich überhaupt noch selber entscheiden was gut für meine Kindern und für mich ist? Es gibt ja immer wieder Leute die meinen, dass Sie es besser wissen und leider die Möglichkeiten haben ihre persönliche Überzeugungen anderen aufzuzwingen. Soll ich gleich mein Hirn abschalten? Ich bin es Satt immer für unkompetent gehalten zu werden. Antworten
Der Bundesrat soll klar die Partei für die Kinder ergreifen und diese nachhaltig schützen. Wie weit soll unser Mobilitätswahn eigentlich noch gehen? Dem Auto werden nun nicht nur die Kinder zu Fuss weiter geopfert, sondern nun soll auch noch im Auto keine Sicherheit Einzug finden. Ist doch nur eine Frage der Einstellung: auch im Taxi geht's mit Sitzli! Antworten
Ich warte immer noch auf eine Antwort auf die Frage "wie kriege ich meine 3 Kinder in 3 Kindersitze in mein Auto?" Obwohl eines der Kinder schon über 150cm gross ist, würde diesem gerade mal 36cm Sitzplatz zwischen den enderen beiden Kindersitzen übrig bleben (Honda Civic, 5 Türen)! Antworten
die vorstellung, man könne das leben immer sicherer machen und jegliches risiko eliminieren entspricht dem heutigen zeitgeist. wie absurd das ist, sieht man bei dieser kindersitz-regelung. sie stellt nicht nur taxi-unternehmen vor probleme, sondern vor allem auch sportclubs und jugendverbände wie pfadi oder cevi, die viele kinder gleichzeitig transportieren müssen. Antworten
Die vorauseilende Übernahme dieser EU Richtlinie widerspricht auch dem gesunden Menschenverstand: ein zwölfjähriges Kind normal angegurtet im Auto ist um ein vielfaches sicherer unterwegs als das gleiche Kind in einem dieser fragilen Kinderanhänger für's Velo! Fazit für unser politisches Personal in Bern: entweder Hirn einschalten vor dem Erlass solcher Gesetze oder Kinderhänger auch verbieten! Antworten
@Wülser: Aber sollte nach einem Unfall Ihr Kind schwerer Verletzt worden sein, als es mit Sitz wäre oder sogar behindert und mit Sitz nicht, bitte wenden Sie sich für die anfallenden Mehrkosten im ersten Fall nicht an die Krankenkasse und im zweiten Fall sicher nicht an die IV, oder?! Denn wer A sagt muss auch.... Antworten
Wie alles in der Schweiz reglementiert ob es sinnvoll ist oder nicht. Ich glaube, dass es dringendere Probleme zu lösen gibt für unsere sog. Volksvertreter bzw. Lobbisten in Bern. Ohne Lobby hast du keine Chance deine Interessen durch zu bringen, gleich ob es Medikamente, Kindersitze oder andere sind. Antworten
@Markus Stutz: ja, machen wir doch alles anders als die EU. Möglichst kompliziert, aber homemade. Von wievielen EU-Normen, Gesetzen und Richtlinien Sie tagtäglich direkt oder indirekt profitieren, scheint Ihnen offenbar nicht bewusst zu sein! Antworten
Als kleiner Junge bin ich in unserem Mini Cooper auf der Heckablage gelegen und habe den hinterherfahrenden Farzeugen zugeschaut. Heute tut es mir weh, wenn ich meinen Sohn auf so einem blöden Sitz festzurren muss. Auch mit Sitz ist Autofahren gefährlich, für die Erwachsenen im übrigen auch. Man könnte ja das Autofahren auch ganz verbieten. Irgendwo hört die Vernunft auf. -7J ok, bis -12 blödsinn Antworten
Hoffentlich wird diese rigide Verordnung noch aufgewicht. Einmal mehr müssen wir - obwohl wir nicht in der EU sind und hoffentlich auch nie sein werden eine entsprechende, sinnlose Verordnung aus Brüssel übernehmen. Warum übernimmder Bundesrat immer alles? Ich werde als Vater für meinen 11 1/2 jährigen sicher keine Schale kaufen; das Risiko gehe ich ein. Dann soll mich doch die Polizei büssen.... Antworten
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Thomas Koch
1. "Anlehnung an die EU" - Ich glaube da gibt es immer noch Leute die noch nicht verstanden haben, dass wir nicht in der EU sind... 2. Sicherheit ist gut, aber hier geht es nur ums Geld - es lebe die Lobby für mehr Umsatz mit Kindersitzen! 3. Hier wäre es einmal mehr gut, wenn auch Eltern die Kinder in diesem Alter haben (also die es eigentlich angeht) mitentscheiden könnten. Das wäre effektiv! Antworten