Teilen statt haben

Geschäftsideen, die auf diesem Credo basieren, boomen. Nicht nur wagemutige Jungunternehmer, auch etablierte Firmen interessieren sich stark für den aktuellen Trend.

Die Sticker von Pumpipumpe am Briefkasten zeigen, was Mathias Leuenberger alles zu verleihen hat.

Die Sticker von Pumpipumpe am Briefkasten zeigen, was Mathias Leuenberger alles zu verleihen hat. Bild: Raphael Moser

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Aleksandra Zdravkovic hat kein Auto. Normalerweise ist das für die in Bern lebende Studentin kein Problem. Doch als sie neulich jede Menge sperrige Aufbewahrungsboxen von Ikea brauchte, hatte sie eines. Wie sollte sie die Schachteln transportieren? Im Bus? Zu umständlich. Im Taxi? Zu teuer. Über Facebook erfuhr sie vom neuen Lieferdienst Bringbee. Sie registrierte sich auf der Website, fand eine Frau aus Bern, die zu Ikea fahren wollte, gab ihre Bestellung auf und bekam zwei Tage später die Boxen nach Hause geliefert. Für einen Aufpreis von rund 15 Franken. «Nur ein paar Klicks und ich bekam, was ich wollte», sagt Zdravkovic.

Erfunden hat den neuen Dienst, der Leute zusammenbringt, die bestimmte Dinge benötigen und andere, die gerade zum Einkaufen fahren, Stella Schieffer. Im Januar brachte die 27-jährige Verkehrsplanerin die Onlineplattform Bringbee auf den Markt. Mittlerweile haben sich 900 Nutzer registriert.

Teilen hat Potenzial

Mathias Leuenberger aus Bern, verleiht Sachen. Was er entbehren kann, etwa Bohrmaschine und Küchenwaage, zeigen die Sticker auf dem Briefkasten seiner WG. Die Aufkleber sind von Pumpipumpe. Dahinter stehen Lisa Ochsenknecht, Sabine Hirsig und Ivan Mele aus Bern. Sie wollen mit Pumpipumpe soziale Interaktion und Nachhaltigkeit fördern und irgendwann vielleicht auch ein wenig Geld einnehmen.

Seit Januar können Lausanner Autobesitzer dank dem Portal Tooxme einen Zustupf verdienen, indem sie spontan Mitfahrer aufnehmen. Noch diesen Monat geht die Zürcher Miet- und Vermietplattform Sharely an den Start. Auch für den 32-jährigen Gründer Andreas Amstutz ist Nachhaltigkeit ein Anliegen und Geschäftsmodell zugleich. Von den Gartensachen oder Spielkonsolen, die bald vermietet werden, gehen bei jeder Transaktion 20 Prozent an Sharely. Geschäftsideen, die auf den Prinzipien des Mietens und Teilens basieren (siehe Tabelle), brummen. Der Trend Share Economy (Geteilte Wirtschaft) scheint endlich hier angekommen zu sein.

Alle wollen mitverdienen

Nicht nur Jungunternehmer verlieben sich in die Möglichkeiten, die die Share Economy verheisst. Auch bei etablierten Firmen löst sie Begehrlichkeiten aus. Der Einstieg der Mobiliar-Versicherung bei der Car-Sharing-Plattform Sharoo ist nur ein Beispiel. So ist der TCS-Partner beim Lausanner Mitfahrunternehmen Tooxme und fördert das Projekt eMotion in Zürich. Dabei erhalten Käufer von Elektroautos eine Schnellladestation umsonst sowie gratis installiert, wenn sie ihr Fahrzeug ein Jahr lang teilen.

Auch die Swisscom engagiert sich im Bereich Share Economy. «Wir schauen uns den Markt genau an. So hat etwa das Start-up Tooxme den Swisscom Venture Challenge gewonnen», sagt Marco Reber, Geschäftsführer der Swisscom-Tochter Managed Mobility, vielsagend. Konzernintern steht ein Pilotprojekt an, bei dem die vorhandenen Stellplätze von Swisscom nachhaltiger genutzt werden. «In einem unserer Businessparks sollen ab Frühling 2014 Mitarbeiter unter anderem zu wenig genutzte Parkplätze übers Smartphone buchen und bezahlen können», so Reber.

Parkplätze als Goldgrube

Mit Interesse beobachtet Alain Brügger von der Mobilitätsakademie in Bern das Gründungsgeschehen im Bereich Share Economy. Die Erfolgschancen von Mitfahrdiensten, die in Frankreich bereits Konkurrenz zur Bahn darstellen und diese zu günstigeren Neutarifen zwingen, sieht er in der Schweiz eher skeptisch. «Im Ausland werden diese Fahrdienste hauptsächlich aus finanziellen Gründen genutzt», so Brügger. Der Umweltaspekt spiele weniger eine Rolle. In der Schweiz dagegen sei das Wohlstandsniveau hoch. Es bestehe noch kein Sparzwang. Würde Mobilität teurer, könnten diese Angebote durchaus zur Option werden. «Allerdings tun sich Schweizer noch schwer mit dem Gedanken zu teilen.» Das brauche noch Zeit. Grösstes Potenzial sieht Brügger bei Parkplatzteildiensten wie Park it und Parku. «Den Parkplatz teilt man leichter mit anderen als das Auto», so der Experte. Ausserdem spreche für die Idee, dass der Parkplatzsuchverkehr zu Stosszeiten eine der Hauptursachen für Verkehrsüberlastungen ist.

Für ganz so neu, wie er vielfach dargestellt wird, hält ETH-Wirtschaftsprofessor Georg von Krogh den Trend zur Share Economy hier jedoch nicht. «Im Hochschul- und Forschungsbereich kann man bereits seit 15 Jahren die Tendenz beobachten, dass Wissen verstärkt ausgetauscht wird.» Und im Bereich Open Source, bei der Software schon längst frei verfügbar gemacht, geteilt und geändert wird, spiele die Schweiz bereits seit Jahren eine wichtige Rolle. (Berner Zeitung)

(Erstellt: 06.10.2013, 17:11 Uhr)

Aleksandra Zdravkovic braucht kein Auto für Einkäufe bei Ikea. Sie nutzt den Bringdienst BringBee. (Bild: Christian Pfander)

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