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Suizid erschüttert das politische Establishment Graubündens

Von Antonio Cortesi. Aktualisiert am 29.01.2010

Der WEF-Sicherheitschef hatte ein Alkoholproblem. Jetzt stellt sich die Frage, ob ihn Justizdirektorin Janom Steiner nicht längst hätte suspendieren sollen.

Ihm drohte die Freistellung vom Amt: WEF-Sicherheitschef Markus Reinhardt.

Ihm drohte die Freistellung vom Amt: WEF-Sicherheitschef Markus Reinhardt.
Bild: Keystone

Ganze zwei Tage liess sich die Bündner Regierung Zeit, bis sie mit detaillierten Informationen zum Suizid des Kommandanten der Kantonspolizei an die Öffentlichkeit trat. Gestern nun bestätigte Justizdirektorin Barbara Janom Steiner (BDP) Gerüchte, die bereits seit Dienstag in den Medien kursierten: Markus Reinhardt hatte ein Alkoholproblem. Und: Er erschoss sich mit der Dienstwaffe.

Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen dem Freitod und dem Alkoholkonsum sei nicht erwiesen, sagte Janom Steiner. Sie bestätigte aber, dass sie von der Suchtproblematik seit ihrem Amtsantritt im Jahr 2008 wusste. Damals habe sie Reinhardt klargemacht, dass der übermässige Alkoholkonsum mit seinem Job als Polizeikommandant und WEF-Sicherheitschef nicht kompatibel sei. Und sie signalisierte ihm unmissverständlich, dass er bei einem schweren Vorfall freigestellt würde.

«Arbeit nie beeinträchtigt»

Zu einem solchen Vorfall sei es jedoch nie gekommen. Im Gegenteil: «Ich hatte den Eindruck, dass Reinhardt das Alkoholproblem allmählich in den Griff bekam», sagte die Justizdirektorin. Sie habe unter Beizug eines Vertrauensarztes Massnahmen vereinbart, damit Reinhardt seines Problems Herr werde. Und: «Die Alkoholprobleme haben seine Arbeit nie beeinträchtigt.»

Am letzten Sonntag jedoch erschien Reinhardt alkoholisiert am WEF-Kommandoposten. Die Regierungsrätin wollte ihn am Dienstagmorgen in seinem Hotel zur Rede stellen. «Hätte sich der Verdacht bestätigt, dass Reinhardt betrunken war, hätte ich ihn als Sicherheitschef des WEF suspendiert.»

Dazu kam es nicht. Reinhardt war bereits freiwillig aus dem Leben geschieden. Einen Abschiedsbrief fand man laut dem Staatsanwalt nicht. Und ein Fremdverschulden könne ausgeschlossen werden.

Bald ein Wahlkampfthema?

Noch steht das politische Establishment in Graubünden unter Schock. Reinhardt war während 26 Jahren im Amt und als integre Persönlichkeit bekannt und geachtet. Trotzdem stellt sich die Frage nach der politischen Verantwortung. War es richtig, einen suchtgefährdeten Polizeikommandanten in dieser exponierten Position so lange zu stützen? War das Risiko nicht zu gross?

Bei den Bündner Parteien hält man sich noch bedeckt. SP-Präsident Jon Pult will «aus Pietätsgründen» keinen Kommentar abgeben, und die CVP-Präsidentin Elita Florin-Caluori spricht lediglich von einer «sehr schwierigen Situation». Klartext redet hingegen SVP-Ständerat Christoffel Brändli: «Wenn Reinhardt ein schwerwiegendes Alkoholproblem hatte, stellt sich die Frage, ob man nicht zu lange zugewartet hat.»

Die Frage richtet sich an die Justizdirektorin, und das ist pikant, denn im Juni finden in Graubünden Gesamterneuerungswahlen von Parlament und Regierung statt. Janom Steiner sitzt keineswegs sicher im Sessel. Sie war 2008 nach der Bundesratswahl von Eveline Widmer-Schlumpf konkurrenzlos in die Bündner Regierung nachgerutscht – damals noch als SVP-Vertreterin.

BDP muss um Sitz bangen

Im Hinblick auf ihre Wiederwahl hat sich die Ausgangslage grundlegend geändert. Nach der Spaltung der Bündner SVP wechselten deren beide Regierungsräte – Janom Steiner und Hansjörg Trachsel – in die neu gegründete BDP. Jetzt will die SVP mindestens einen Sitz zurückholen. Dabei schickt sie ausgerechnet einen Kandidaten ins Rennen, der die Justizdirektorin zur Vorgesetzten hat: Heinz Brand, Chef der Fremdenpolizei.

Zum Angriff bläst auch die CVP. Sie will ihren vor zwölf Jahren an den Sozialdemokraten Claudio Lardi verlorenen zweiten Sitz zurückerobern. Im Fokus steht dabei keineswegs nur der vakant werdende SP-Sitz, sondern auch die Doppelvertretung der BDP. Gemessen am Wählerpotenzial ist die BDP heute in der Exekutive klar übervertreten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.01.2010, 12:00 Uhr


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