Strafanzeige gegen zwei AKW-Betreiber
Von Daniel Friedli. Aktualisiert am 06.05.2010
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Die Bewertung «hoch» wäre für die Sicherheit der Schweizer Atomkraftwerke (AKW) das höchste der Gefühle, ein «gut» ist eigentlich die Regel. Doch letztes Jahr hing auch dieses «gut» für einige Betreiber zu hoch: Mit Beznau und Gösgen haben erstmals gleich zwei AKW nur die Note «ausreichend» erhalten, wie das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) bekannt gab.
Zu spät bemerkt
Ein Grund dafür liegt bei zwei Vorfällen, die mittlerweile gar vor den Strafbehörden gelandet sind: Im Block 2 des AKW Beznau waren zwei Mitarbeiter einer Strahlung ausgesetzt, die den Grenzwert von 20 Millisievert überschritt. Die beiden waren unter dem Reaktordruckbehälter noch mit Arbeiten beschäftigt, als Kollegen oben in Abweichung des ursprünglichen Arbeitsplans bereits verstrahlte Rohre herauszogen. Weil zudem auch der Dosimeter falsch eingestellt war, bemerkten sie die hohe Strahlung zu spät.
Gesundheitlich sollte der Fall für niemanden Folgen haben, trotzdem nimmt ihn das Ensi nicht auf die leichte Schulter. Es hat den Fall auf der siebenteiligen Ereignisskala als «Zwischenfall» der Stufe 2 eingestuft – so hoch wie bisher noch kein Vorkommnis in einem Schweizer AKW. Zudem hat die Aufsicht ein Strafverfahren eingeleitet. Es soll klären, ob in Beznau fahrlässig gehandelt wurde.
Vertrauen gefährdet
Mit einer Anzeige ist auch das AKW Gösgen konfrontiert. Dort bemängelt die Aufsicht einen Fall, der bereits zwei Jahre zurückliegt: Am 24. Juni 2008 brannten beim Wiederanfahren des Reaktors vier Sicherungen durch. Und obwohl die Verantwortlichen nicht wussten, wo die Ursache dafür lag, setzten sie das Anfahren nach der Reparatur unbeirrt fort.
Wesentlich länger dauerte es, bis die AKW-Führung den Vorfall meldete: Das Ensi erfuhr erst neun Monate später davon, viel zu spät, wie die Aufseher monieren. Dieser Fall liegt mittlerweile zur Abklärung bei der Bundesanwaltschaft. Erschwerend kommt im Fall von Gösgen hinzu, dass die Aufsicht gewisse Sicherheitsberichte als mangelhaft bezeichnete.
Trotz dieser Pannen besteht gemäss Ensi-Aufsichtsleiter Peter Flury kein Grund zur Sorge. Die Anforderungen für einen sicheren Betrieb seien stets erfüllt gewesen, sagt er. Den AKW in Leibstadt und Mühleberg konnte das Ensi überdies eine gute Betriebssicherheit bescheinigen. Kritischer sehen dies die Umweltorganisationen. Die Schweizerische Energie-Stiftung bemängelt, dass sich das Total der Vorkommnisse auf 27 verdreifacht hat.
Wenig vetrauensfördernd
«Unsere AKW sind nicht sicher», schliesst sie daraus. Und bei Greenpeace begrüsst es Atomexperte Stefan Füglister zwar, dass die Aufsicht endlich schärfere Töne anschlägt. Gleichzeitig kritisiert er aber das Verhalten der AKW-Betreiber als wenig vertrauensfördernd.
Um dieses Vertrauen sorgt sich auch Ensi-Fachmann Flury, wobei er diesbezüglich die laufenden Strafverfahren aber skeptisch beurteilt. «Die Angst vor Strafe kann von der Meldung eines Fehlers abhalten und damit dessen Analyse verunmöglichen», warnte er gestern. Flury möchte darum, dass solche Strafverfahren nur eröffnet werden, wenn Mitarbeiter in schädigender Absicht oder grobfahrlässig gehandelt haben. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.05.2010, 07:36 Uhr
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