Schweiz

«Spenden ist für viele Leute ein Ventil»

In kurzer Zeit hat die Glückskette fast vier Millionen Franken für die Erdbebenopfer auf Haiti gesammelt. Beim Tsunami waren es weitaus mehr, sagt Kommunikationschefin Priska Spörri.

1/22 72 Stunden nach dem Beben besteht kaum noch Hoffnung Überlebende zu finden.

   
«Die Medien haben einen grossen Einfluss auf den Spendenfluss»: Priska Spörri.

«Die Medien haben einen grossen Einfluss auf den Spendenfluss»: Priska Spörri.

Die Erdstösse wurden gefilmt

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Nationaler Sammeltag

Am Donnerstag führt die Glückskette zusätzlich einen nationalen Sammeltag durch. Infos finden Sie hier.

Frau Spörri, seit knapp einer Woche sammelt die Glückskette für Haiti. Wie ist die Aktion angelaufen?
Sehr gut. In der kurzen Zeit wurden bereits 3,8 Millionen Franken gespendet – davon eine Million von der Migros. Da wir mit 16 Hilfswerken vor Ort zusammenarbeiten, können wir das gespendete Geld schnell und sinnvoll einsetzen. Die Mitarbeiter unserer Partnerhilfswerke haben bereits begonnen, Lebensmittel und Wolldecken zu verteilen, Strassenküchen einzurichten und Verletzte medizinisch zu versorgen.

Ist es für die laufende Nothilfe-Aktion von Vorteil, dass Hilfsorganisationen in den letzten Jahren einen Staat im Staat auf Haiti errichtet haben?
Ja. Das mag zwar zynisch klingen, doch die Präsenz der vielen Hilfswerke vor Ort ist ein Glücksfall für die Haitianer. Es zeigt aber auch, in welcher desolaten Lage sich das Land bereits vor dem Beben befunden hat.

Für welchen Zweck wird die Glückskette die Spenden einsetzen?
Die Verteilung des Geldes erfolgt nach einem genau festgelegten Schlüssel: 15 Prozent wird für die Soforthilfe eingesetzt, zwei Drittel fliesst in den Wiederaufbau. Besonders wichtig ist dabei der Bau neuer Schulhäuser, damit die Kinder wieder eine feste Tagesstruktur bekommen. Mit den restlichen 15 Prozent werden nachhaltige Projekte finanziert, also beispielsweise Umschulungen für Leute, die ihre Lebensgrundlage verloren haben.

Wie stellen Sie sicher, dass das Geld auch am Ziel ankommt?
Nach einer Sammlung bleiben die Spenden vorderhand bei uns. Die Soforthilfe entgelten wir unseren Partnerhilfswerken im Nachhinein. Die Wiederaufbauprojekte müssen wir erst genehmigen, bevor Geld gesprochen wird. Je nach Baufortschritt wird es etappenweise ausbezahlt. So können wir sicherstellen, dass die Spenden im Sinne der Geber eingesetzt werde.

Ist das mit ein Grund für das hohe Ansehen der Glückskette in der Schweiz?
Das ist sicher so. Viele Leute schätzen es zudem, dass sie die Möglichkeit bekommen, sich solidarisch zu zeigen. Für viele wirkt es erleichternd, an einem nationalen Sammeltag mit unseren freiwilligen Helfern am Telefon über die Katastrophe zu sprechen und so die Schreckensbilder zu verarbeiten.

Stellen Sie eine Auswirkung der Medienberichterstattung auf die Spendenfreudigkeit fest?
Ja, die Medien haben einen grossen Einfluss auf den Spendenfluss. So ist es beispielsweise viel schwieriger für ein Thema wie die Malaria zu sammeln, das nicht in den Medien ist. Obwohl doch jedes Jahr eine Million Menschen an dieser Krankheit sterben. Bei einer medial beachteten Katastrophe wie dem Erdbeben geben die Leute von sich aus Geld. Spenden ist für viele ein Ventil.

Sind die Leute ähnlich spendenfreudig wie nach dem Tsunami vor sechs Jahren, als die Glückskette 227 Millionen Franken sammelte?
Nein. Die beiden Katastrophen lassen sich in ihrem Ausmass nicht miteinander vergleichen. beim Tsunami waren Millionen Menschen in einem riesigen Gebiet betroffen.

Es besteht also nicht die Gefahr, dass zu viel Geld gesammelt wird, wie es damals der Fall war.
Das glaube ich nicht. Viel wichtiger ist, dass die Hilfswerke ihre Aktionen koordinieren. Oftmals eilen Organisationen nach einer Katastrophe an den Ort des Geschehens, was ihnen vor allem eine grosse Medienaufmerksamkeit bringt. Wenn die Katastrophe aus den Medien verschwindet, verlassen sie das Katastrophengebiet wieder. Nachhaltig ist das nicht. Unsere Partnerhilfswerke bleiben jedoch langfristig vor Ort und helfen den bedürftigen Menschen. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.01.2010, 15:28 Uhr

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