Solarstrom, das staatlich verordnete Verlustgeschäft

Immer mehr Haushalte und Firmen produzieren auf ihren Häusern Solarstrom. Die Elektrizitätsfirmen müssen die ganze Strommenge abkaufen – egal ob diese benötigt wird oder nicht.

Der Solarstrom wird für Elektrizitätsfirmen zur Last: Ein Arbeiter montiert eine Solarzelle in Stans.

Der Solarstrom wird für Elektrizitätsfirmen zur Last: Ein Arbeiter montiert eine Solarzelle in Stans. Bild: Keystone

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Wenn die SBB auf den Dächern ihrer Speditionslagerhäuser in Chiasso eine Solaranlage bauen, verbreitet das Unternehmen eine stolz verfasste Medienmitteilung. Darin steht, dass sie den Jahresbedarf an Strom von 900 Familien produzieren wird. Auch das Möbelhaus Ikea, das seit kurzer Zeit Solaranlagen verkauft, versucht sich als Energiewendeturbo zu positionieren. Die Firma weist ihre Kunden explizit darauf hin, dass sie mit privaten Solaranlagen staatliche Vergütungen erhalten. Diese Vergütung (kostendeckende Einspeisevergütung, KEV) beträgt entweder 30 Prozent der Gesamtkosten der Solaranlage oder zwischen 17 und 30 Rappen pro Kilowattstunde Strom.

Mit der KEV will der Nationalrat den Anteil erneuerbarer Energieträger am Strommix um den Faktor zehn erhöhen. Zudem hat der Nationalrat die Elektrizitätsunternehmen des Landes dazu verpflichtet, die gesamte dezentral produzierte Solarstrommenge zu übernehmen.

Das Problem: Die Nachfrage nach Solarstrom ist zu klein

Genau darin sieht der Verband schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE) ein Problem. Einerseits müssen die Elektrizitätswerke die gesamte Solarstrommenge zu einem vom Bundesrat festgelegten Preis übernehmen, auf der anderen Seite fehlt dafür ein genügend grosser Absatzmarkt. Denn was in der ganzen Energiewende-Euphorie unerwähnt bleibt: Die Sonne liefert Energie in grossen Schwankungen und dummerweise vor allem dann, wenn die Nachfrage eher klein ist. Zum Beispiel an einem Sommernachmittag, wenn die Leute im Freibad liegen. Die Elektrizitätsfirmen müssen also Solarstrom kaufen, auf dem sie womöglich sitzen bleiben. Oder wie es Michael Frank, der Direktor des VSE, sagt: «Durch die Abnahme- und Vergütungspflicht zwingt der Staat den Elektrizitätsunternehmen Verlustgeschäfte auf.» Das Stromangebot werde von der Nachfrage entkoppelt, «sodass sich ein Produzent in einem virtuellen, vom Markt losgelösten Raum bewegt». Der VSE-Direktor bezeichnet diese Praxis mit dem Motto «produce and forget» – auf Deutsch: Produziere und vergiss den Rest.

Das Problem verschärft sich dort, wo etwa ein Supermarkt oder ein anderes Unternehmen mithilfe von privaten Solarzellen auf dem Firmengebäude den Eigenbedarf an Strom abdeckt. Am Wochenende, wenn das Geschäft geschlossen ist, muss der Netzbetreiber den überschüssigen Strom aus den weiterproduzierenden Solarzellen kaufen und ins öffentliche Netz einspeisen. Michael Frank kritisiert: «Es fehlen Anreize dafür, dass weniger Überschussstrom produziert wird.» Zudem muss das Stromnetz für unnötige Maximalkapazitäten ausgebaut werden.

Die Lösung: Jeder soll seinen Solarstrom selber verkaufen

Dezentrale Solarstromproduzenten sollen laut Michael Frank zunehmend Systemverantwortung übernehmen. Der VSE-Direktor fordert von der Politik, dass die Produzenten die ganze Produktion aus erneuerbarer Energie direkt am Markt veräussern müssen. So, wie dies auch der Bundesrat beabsichtigt. «Damit werden Anreize gesetzt, um nachfragegerecht zu produzieren.»

Der Schweizer Strommarkt werde sich gemäss den Plänen des Bundesrates voraussichtlich im Jahr 2018 vollständig öffnen. «Der geöffnete Strommarkt widerspricht jedoch einem Zwangskonsum», sagt der VSE-Direktor Frank. Das gelte insbesondere für diejenigen Schweizer Elektrizitätsfirmen, in deren Versorgungsgebiet eine gegenüber dem Kundenstamm überproportionale Produktion anfalle. Sein Fazit: «Die Abnahme- und Vergütungspflicht greift massiv in die unternehmerische Freiheit eines Netzbetreibers ein», sagt Michael Frank. (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.04.2015, 09:07 Uhr

Ein weiteres Problem

Das Stromnetz wird unnötig stark und teuer ausgebaut

Immer mehr Strom wird mit privaten Solarkraftwerken auf Dächern von Wohnhäusern oder Firmengebäuden produziert. Die Elektrizitätsfirmen in der Schweiz müssen jede Kilowattstunde davon ins Stromnetz einspeisen. Diese gesetzlich verankerte Abnahmepflicht kann einerseits zu Verlusten bei den Elektrizitätsfirmen führen. Andererseits macht sie einen milliardenschweren Ausbau des Verteilnetzes nötig. Die im vergangenen Jahr in der Schweiz installierten Solaranlagen zogen einen Netzausbau in der Höhe von 20 bis 30 Millionen Franken nach sich, wie der Berner Energiekonzern BKW auf Anfrage mitteilt. Um aber die Ziele der Energiestrategie 2050 zu erreichen, wird ein Netzausbau von geschätzten 13 Milliarden Franken nötig sein.

Höhere Tarife für alle

Einerseits fordert der Solarboom den Ersatz von bestehenden Leitungen durch neue mit höherer Kapazität. In den meisten Fällen werden unterirdische Niederspannungskabel verlegt. Zudem werden bestehende Transformatoren ersetzt. Ebenfalls müssen neue Leitungen speziell für die Solaranlagen gebaut werden. Den Netzausbau bezahlen alle Stromkunden gemeinsam über steigende Tarife. Für den Netzanschluss einer privaten Solaranlage muss der Betreiber selbst aufkommen. Doch dieser erhält Subventionen aus dem Topf der kostendeckenden Einspeisevergütung.

BKW sieht Sparpotenzial

Die BKW stellt diese Netzpolitik infrage. Der Berner Energiekonzern rüttelt an der Vorgabe, wonach die gesamte Solarstrommenge ins Verteilnetz eingespeist werden muss. «Da die Energieproduktion gerade bei Fotovoltaikanlagen sehr schwankend ist, wird die installierte Leistung gar nie oder nur selten erreicht», betont Hauke Basse, Ingenieur Netzplanung und Netzstrategie bei der BKW. Der Konzern schlägt vor, die Verteilnetze nicht mehr vollständig auszubauen. In gewissen Situationen mache es Sinn, eine Begrenzung der Leistung einzuführen, so Basse. «Dies hätte lediglich einen Produktionsverlust im einstelligen Prozentbereich zur Folge.» Andererseits könnte man «erhebliche Kosten» einsparen, weil man die Netze weniger stark ausbauen müsste.

Den eigenen Strom speichern

Doch was passiert mit dem Solarstrom, welcher nicht mehr ins beschränkte Netz eingespeist wird? «Die Einspeisung kann durch Speicher geglättet werden», sagt Hauke Basse. Eine andere Möglichkeit wäre: «Der Produzent optimiert seinen Eigenverbrauch, etwa indem er seinen Boiler dann aufheizt, wenn die Sonne scheint.» Eine dritte Möglichkeit wäre die Installation kleinerer Wechselrichter. In diesem Fall ginge der Strom verloren. «Doch dieser Energieverlust ist wie gesagt minimal und wird durch die Kosteneinsparung beim Netzausbau um ein Vielfaches überkompensiert», sagt Netzingenieur Hauke Basse.

Tobias Habegger (Berner Zeitung)

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