Sie nahmen den Uiguren-Entscheid Berns mit Tränen auf
Von Simone Rau. Aktualisiert am 06.02.2010
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Der Bundesrat hat entschieden: Zwei uigurische Häftlinge aus Guantánamo finden im Kanton Jura eine neue Bleibe. Voraussichtlich in einem Monat treffen die beiden Brüder, die seit 2001 beziehungsweise 2002 unschuldig im US-Gefangenenlager inhaftiert sind, in der Schweiz ein.
Freuen dürfen sich die Gebrüder Mahnut nicht nur auf die Jurassier, sondern auch auf Kollegen aus ihrer Heimat. Etwa 80 Uiguren leben derzeit in der Schweiz, die meisten von ihnen in Städten: «Zürich, Aarau, Bern, Basel, St. Gallen, Lausanne, Genf - wir sind über die ganze Schweiz verteilt», sagt Endili Memetkerim, Präsident des Ostturkestan-Vereins Schweiz. «Doch wir sind sehr gut vernetzt.»
Alle sechs bis acht Wochen trifft sich die uigurische Gemeinschaft zu einer Versammlung. Die Familien bringen Speisen und Getränke mit, sie tanzen und feiern. Vor allem aber diskutieren sie über mögliche Aktivitäten ihres Vereins, beispielsweise Kundgebungen. Und sie besprechen die Situation in ihrer Heimat Ostturkestan. Auch im Alltag stehen sich die Uiguren gegenseitig bei: «Alle kennen sich», sagt Memetkerim. «Wenn jemand umzieht oder krank ist, sind sofort ein paar Leute zur Stelle.» Die beiden uigurischen Brüder aus Guantánamo werde man ebenfalls unterstützen. «Wir sind sehr froh über den Entscheid des Bundesrates. Er zeigt, dass die Schweiz die humanitäre Tradition höher wertet als die wirtschaftlichen Interessen mit China.»
«Danke, Schweiz, vielen Dank!»
Über die guten Nachrichten aus dem Bundeshaus freuen sich auch der Uigure Erkin Abdulhamit und seine Frau Amangül. Mit Tränen in den Augen sagt sie: «Danke, Schweiz, vielen Dank!» Das uigurische Ehepaar lebt mit zwei Söhnen im aargauischen Buchs. Die Dreizimmerwohnung ist klein und einfach eingerichtet. Im Wohnzimmer gibt es weder Sofa, Stühle noch einen Tisch. Am Boden liegen stattdessen farbige Kissen, dazwischen ein Tischtuch aus Plastik. «Hier essen wir», sagt Erkin. Seine Frau Amangül serviert Tee und Früchte: «Bitte, bedienen Sie sich!»
Es gefalle ihnen gut in der Schweiz, sagt der 30-jährige Erkin. Es sei ruhig und sauber. Und er habe Arbeit. Der Muslim lebt seit knapp sieben Jahren in der Schweiz, seit sechs Jahren arbeitet er als Hilfskoch in einem Restaurant in Aarau. Die 3450 Franken, die er monatlich verdient, seien nicht viel, aber sie reichten zum Leben: «Nur schade, dass ich hier meinen alten Beruf nicht mehr ausüben kann.»
In seiner Heimatstadt Kashgar war Erkin im Kleider- und Warengeschäft seiner Familie tätig. Bis er das Land aus politischen Gründen verlassen musste: «Ich habe amerikanisches Radio gehört und Zeitungen gelesen, die den Chinesen nicht gefielen. Darauf musste ich für zwei Monate ins Gefängnis, die Polizei bedrohte meine Eltern. Ich bekam Angst.» Nach seiner Entlassung flüchtete der Uigure nach Afrika und lebte dort zwei Jahre in Togo, dann in Ghana. 2003 kam Erkin in die Schweiz. Mittlerweile ist er im Besitz einer Aufenthaltsbewilligung.
Die 25-jährige Amangül stammt aus Urumqi, einer Stadt im Osten der chinesischen Provinz Xinjiang. Auch sie hat ihre Heimat aus politischen Gründen verlassen. Die Schneiderin hatte neben Kleidern auch ostturkestanische Flaggen genäht, das hat sie in Gefahr gebracht. Seit 2006 lebt sie in der Schweiz.
Im Gegensatz zu Erkin, den sie über den Ostturkestan-Verein kennen lernte, verfügt Amangül lediglich über eine vorläufige Aufnahmebewilligung. Das macht ihr Sorgen: «Ich weine oft. Wir würden so gern hier bleiben.» Sie wisse nicht, warum sie und die Kinder den B-Ausweis nicht erhielten, was sie besser machen könne. «Mit einem F-Ausweis Arbeit zu finden, ist schwierig. Das macht mich traurig.»
Amangül steht auf, um den weinenden eineinhalbjährigen Ehsan zu trösten. Ein paar Minuten später kommt sie mit einer Schüssel Essen zurück. «Das ist eine typisch uigurische Speise: Reis, Karotten und Lamm. Essen Sie, bitte!»
Auch Erkin versteht nicht, warum seine Frau und die Kinder nur vorläufig in der Schweiz aufgenommen worden sind: «Wir sind ruhige Leute. Seit sechs Jahren arbeite ich hier, unsere Kinder sind in der Schweiz geboren.» Sie seien gut in der Schweiz integriert. Die Söhne spielten mit den Kindern im Haus, er habe eine feste Stelle, sie sprächen Deutsch. Obwohl, räumt er ein, manchmal sei es mit der Sprache schwierig. Er habe noch nie einen Deutschkurs besucht. Auch hätten er und seine Frau leider kaum Schweizer Freunde
Heimweh nach Ostturkestan
Möchten Sie irgendwann in ihre alte Heimat zurück? «Ja, das würden wir sehr gerne. Aber es geht leider nicht.» In ihrem Land würden Menschen geköpft, obwohl sie unschuldig seien. Seit sieben Monaten hat Erkin nicht mehr mit seinen Eltern gesprochen, um sie nicht in Gefahr zu bringen. Davor habe die chinesische Polizei die Mutter und den Vater dreissigmal in zwei Jahren kontrolliert - «nur meinetwegen».
Amangül hat ebenfalls keinen Kontakt mehr zu ihrer Familie: «Seit ich in der Schweiz bin, habe ich nie mit ihnen gesprochen. Es ist zu gefährlich.» Die Abdulhamits wollen in der Schweiz bleiben. Hier fühlen sie sich sicher, und der Kanton Aargau ist längst «ein bisschen Heimat» geworden, wie Erkin sagt. Und Ostturkestan? «Heimat ist Heimat. Daran ändert sich nichts.»
Wie der Familie Abdulhamit gehe es auch vielen anderen Uiguren in der Schweiz, sagt Endili Memetkerim vom Ostturkestan-Verein Schweiz. Er glaubt, dass die Uiguren hierzulande gut integriert seien. Viele arbeiteten bei Mister Minit im Schlüsselservice, andere im Gastgewerbe oder in Fabriken. «Ein paar haben sich sogar selbstständig gemacht. Zum Beispiel als Schuhmacher.» Etwa 80 Prozent der Uiguren in der Schweiz hätten einen Hochschulabschluss. Doch die meisten arbeiteten nicht mehr in ihrem alten Beruf. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.02.2010, 08:56 Uhr
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