Secondos verlieren Lust auf Schweizer Pass

Aktualisiert am 08.06.2010

Für ausländische Jugendliche bleiben bei der Lehrstellensuche oft nur die wenig attraktiven Arbeitsplätze übrig. Das bremst ihre Integrationslust, wie eine Studie zeigt.

Secondos finden oft keine oder nur unattraktive Arbeitsplätze: Jugendlicher auf dem Arbeitsamt (Symbolbild).

Secondos finden oft keine oder nur unattraktive Arbeitsplätze: Jugendlicher auf dem Arbeitsamt (Symbolbild).
Bild: Keystone

Die Soziologinnen Eva Mey und Miriam Rorato von der Hochschule Luzern befragten insgesamt 45 jugendliche Secondos aus Emmen LU zu ihrem Übertritt ins Erwachsenenalter, wie der Schweizerische Nationalfonds (SNF) am Dienstag mitteilte. Viele profitierten bei der Lehrstellensuche von einem Brückenangebot oder 10. Schuljahr.

Die Jugendlichen seien sehr froh, um diese Angebote, sagte Mey auf Anfrage. Allerdings mussten sie im Verlauf der Stellensuche viele Hoffnungen aufgeben, selbst wenn sie grossen Einsatz zeigten und gute Schulleistungen erbrachten: Das Brückenangebot platzierte die Secondos dort, wo die wenig attraktiven Stellen freigeblieben waren.

Demütigungen im Alltag

Statt dass sie, wie erhofft, Verkäuferin oder Mechaniker wurden, fanden die Jugendlichen also beispielsweise Stellen in der Pflege oder auf dem Bau. Die Reaktionen darauf sind laut der Studie unterschiedlich: Die einen fügen sich in ihre Aussenseiterposition, andere zeigen einen grossen Willen, den sozialen Aufstieg zu schaffen.

Gelingt dies nicht, ist die Enttäuschung umso grösser. Die befragten, zumeist aus dem Balkan oder Südeuropa stammenden Secondos sehen frühere Demütigungen im Alltag bestätigt, zum Beispiel die nervenaufreibende Lehrstellensuche, das lange Warten auf eine Einbürgerung oder den verwehrten Zutritt zu einer Diskothek.

Die Folge ist eine Abkühlung des Integrationswillens. Statt bei der Arbeit mit Jugendlichen anderer Nationalitäten in Kontakt zu kommen, ziehen sich die Secondos vermehrt in den Kreis der Familie oder ihrer Communities zurück. Besonders im Ausgang kommt es laut der Studie zu einer Entmischung der Nationalitäten.

Knick im Integrationsprozess

Ein klares Signal für die Haltung der Jugendlichen ist die Veränderung ihrer Einstellung zur Einbürgerung. Bei der ersten Befragung, als die Jugendlichen in ihrem letzten obligatorischen Schuljahr standen, hätten die meisten geplant, sich später einbürgern zu lassen, sagte Mey. Drei Jahre später hatten praktisch alle diesen Plan aufgegeben.

Für Mey ist diese Entwicklung eine verpasste Chance, die Secondos für die Schweiz zu gewinnen. Wer in der ohnehin labilen Jugendphase das Gefühl vermittelt bekomme, nicht gebraucht zu werden, verliere das Interesse an gesellschaftlicher Teilhabe. Diesen Knick im Integrationsprozess gelte es zu verhindern.

Die Forscherin empfiehlt der Politik, den Secondos zum Beispiel politische Mitspracherechte auf Gemeindeebene zu geben. Zudem müsse die Zuteilung auf verschiedene schulische Niveaus konsequenter als bisher nach dem Prinzip «Leistung statt Herkunft» erfolgen. (mt/sda)

Erstellt: 08.06.2010, 11:14 Uhr

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