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«Sechs von zehn Schulkindern machen heute eine Therapie»

Von Mirjam Comtesse, Andrea Sommer. Aktualisiert am 13.08.2012 2 Kommentare

Eltern sollten ihre Kinder richtig auf den ersten Schultag vorbereiten, sagt die Freiburger Erziehungswissenschafterin Margrit Stamm (62). Wichtiger als Rechnen und Schreiben seien erst mal Selbstbewusstsein und Eigenständigkeit.

«Den Schulkindern fehlen männliche Vorbilder», sagt die Erziehungswissenschafterin Margrit Stamm.

«Den Schulkindern fehlen männliche Vorbilder», sagt die Erziehungswissenschafterin Margrit Stamm.
Bild: Beat Mathys

Die Begegnung

Die Freiburger Professorin Margrit Stamm empfängt in ihrem gemütlichen Berner Büro an der Neuengasse. Frisch geschminkt, im knappen Sommerkleid und mit neckischer Bobfrisur wirkt die 62-Jährige überhaupt nicht so, wie man sich eine Professorin vorstellen würde. Auch im Gespräch gibt sie sich nicht wissenschaftlich-distanziert, sondern sie lässt sich sofort und unkompliziert auf eine angeregte Diskussion ein.

So unkonventionell wie ihre Erscheinung ist, so ungewöhnlich verlief auch Margrit Stamms Karriere. Sie besuchte zunächst das Lehrerseminar in Aarau und heiratete mit 21 Jahren einen Militärpiloten, der gleichzeitig Medizin studierte. Acht Jahre lang blieb Margrit Stamm später zu Hause und kümmerte sich um die kleinen Kinder. Erst mit 35 Jahren begann sie, Erziehungswissenschaften zu studieren. Ihr Mann wagte damals in den 80er-Jahren das noch Unerhörte und arbeitete «nur» zu 80 Prozent als Arzt. So hielt er seiner Frau den Rücken frei. Mit 42 Jahren schrieb Margrit Stamm schliesslich ihre Dissertation, mit über 50 wurde sie Professorin an der Universität Freiburg. Schwerpunktthemen der Erziehungswissenschafterin sind unter anderem die Frühförderung und die Qualität in der Berufsbildung. Sie widmet sich aber auch der Frage, wie man Talente im Alter weiterentwickeln kann.
Margrit Stamms Kinder sind inzwischen 31 und 34 Jahre alt. Trotz theoretischem Rüstzeug sei sie als Mutter auch an ihre Grenzen gestossen, gibt die Professorin zu. «Doch die Kinder sagen meinem Mann und mir heute, wir hätten es ganz gut gemacht», meint sie.

Frau Stamm, heute beginnt im Kanton Bern das neue Schuljahr. Wie war Ihr erster Schultag?
Sehr schön. Ich kam zur strengsten Lehrerin der Schule, einer 60-jährigen Dame. Alle hatten Angst vor ihr. Aber für mich war sie in vielem ein Vorbild. Ich wollte dann unbedingt Lehrerin werden – und bin es auch geworden.

Was können Eltern machen, damit ihre Kinder einen schönen ersten Schultag erleben?
Am wichtigsten ist, dass die Eltern selbst eine positive Einstellung haben. Sie sollten dem Kind vermitteln, dass die Schule etwas Schönes ist, wo sie viel lernen können. Auf keinen Fall dürfen Eltern drohen mit Sätzen wie «Wart nur, bis du in die Schule kommst» oder «Jetzt fängt dann der Ernst des Lebens an».

Viele Erwachsene hatten schlechte Schulerlebnisse. Das prägt. Eltern sollten Abstand gewinnen von den eigenen Erfahrungen. Die Schule, insbesondere die Primarschule, hat sich sehr zum Guten gewandelt. Sie ist viel menschlicher und individueller geworden.

Wie können Eltern ihren Nachwuchs sanft auf die neuen Anforderungen vorbereiten?
Eltern sollten ihre Kinder weniger im Lesen und Rechnen fördern, sondern andere Kompetenzen wie etwa die Selbstständigkeit stärken. Das heisst beispielsweise, das Kind sollte sich in angemessener Zeit selber anziehen und die Schuhe binden können. Eltern können ihr Kind auch ermutigen, über längere Zeit an einer Aufgabe dranzubleiben, obwohl es ihm mal stinkt. So eignen sich Kinder Frustrationstoleranz an. Ebenfalls wichtig ist das Selbstvertrauen. Nur wenn die Eltern dem Kind nicht alles abnehmen, kann es selbstbewusst werden.

Sie sagen, man sollte weniger auf Kompetenzen wie Rechnen und Schreiben setzen. Doch viele Betriebe klagen, Schulabgängern fehlten oft elementare Kenntnisse.
Wir müssen unterscheiden zwischen dem Schulanfang, bei dem die meisten Eltern ihre Kinder eng begleiten. Im Verlauf der Schullaufbahn ändert sich das. Manche Eltern sind frustriert, wenn das Kind nicht die Leistungen zeigt, die sie sich wünschen. Dann lässt die Unterstützung oft nach. Zudem gibt es nicht nur die bildungsambitionierten Eltern, sondern auch viele, die sich sehr wenig um den Schulerfolg ihres Nachwuchses kümmern.

Bei der zweiten Gruppe handelt es sich wohl vor allem um Migranten.
Das kann man nicht so allgemein sagen. Einige Eltern – zum Beispiel aus den Oststaaten – fördern ihre Kinder sogar stärker als Schweizer. Aber es gibt eine Risikogruppe. Dazu gehören neben Familien mit Migrationshintergrund Familien mit Alkohol- oder Gewaltproblemen oder solche in schwierigen Lebenslagen.

Ein anderes modernes Phänomen ist, dass Kinder mit kleinen Entwicklungsverzögerungen schnell pathologisiert werden. Ihre Eltern müssen sich dann rechtfertigen, weil ihr Kind etwas noch nicht kann.
Die Lehrkräfte sehen die Stärken und Schwächen der Kinder in der Regel relativ neutral. Die Schwierigkeit liegt eher darin, was die Eltern mit dem Feedback machen. Sie neigen dazu, normale Entwicklungsverzögerungen zu dramatisieren. Dann schicken sie das Kind zum Therapeuten. Heute machen sechs von zehn Schulkindern eine Therapie.

Sind wirklich nur überbesorgte Eltern dafür verantwortlich? Es gibt zahlreiche Schulprojekte, die noch gezielter auf die Kinder eingehen. So entdeckt man immer mehr mögliche Defizite.
Der Grund dafür liegt im ganzen System der Pädagogik. Weil man heute viel mehr über die kindliche Entwicklung weiss als vor zehn, zwanzig Jahren, will man die individuellen Stärken fördern. Das hat zur Folge, dass man auch die Schwächen besser sieht. Die Medizin trägt einen grossen Teil zu dieser Problematik bei: Heute wird das Kind schon im Mutterleib vermessen und katalogisiert. Wenn irgendetwas nicht ganz der Norm entspricht, beginnt man sofort mit einer Behandlung.

Woher kommt dieses Bedürfnis, alles in normal und abnormal einzuteilen?
Früher gab es klarere Werte, wie man ein Kind erzieht. Zu meiner Zeit war es selbstverständlich, dass die Eltern strikte Regeln vorgeben. Sie sagten, wann die Kinder ins Bett müssen, wie oft sie fernsehen dürfen. Inzwischen ist ein riesiger Markt an Erziehungsratgebern entstanden. Das hat dazu geführt, dass viele Eltern verunsichert sind und ihre Erziehungsstile dauernd ändern, weil sie sich immer wieder an neuen Normen orientieren.

Sie haben auch zwei – inzwischen erwachsene – Kinder. Waren Sie sich immer sicher, dass Sie das Richtige tun?
Nein. Wir haben auch eindeutig Fehler gemacht. Aber ich glaube, dass Fehler erlaubt sind, man muss einfach ehrlich sein und sie sich eingestehen. Perfekte Eltern gibt es nicht.

Was haben Sie falsch gemacht?
Wir versuchten damals in den 80er-Jahren, unsere Kinder früh zur Selbstbestimmung zu erziehen. Damit überforderten wir sie teilweise.

Stiessen Sie als Mutter auch an Ihre Grenzen?
Natürlich. Etwa mit den Hausaufgaben unserer Kinder. Ich habe sehr aufs Üben und Kontrollieren gedrängt und die Verantwortung zu stark übernommen. Dabei hat es viele Tränen gegeben. Das war für alle manchmal unerfreulich.

Was würden Sie rückblickend anders machen?
Ich würde zwar immer noch mit den Kindern üben und die Hausaufgaben kontrollieren, würde aber schneller die Verantwortung abgeben. So lernen Kinder auch, mit Niederlagen umzugehen.

Das Schlagwort in der Schule von heute lautet «Integration». Hoch- und weniger Begabte sollen in der gleichen Klasse sein. Wird man so allen gerecht?
Es gibt durchaus begabte Lehrkräfte, die Hochbegabte und Lernschwache integrieren können. Aber das Problem ist, dass immer mehr Stütz- und Förderlehrkräfte in einer Klasse tätig sind und Klassenlehrkräfte enorm viel zusätzliche Arbeit leisten müssen. Wenn sie selbst nicht begeistert sind von Integration und dies nur tun, weil es so verordnet ist, bringt Integrationsförderung wahrscheinlich nicht die erhoffte Wirkung. Insgesamt wissen wir meines Erachtens viel zu wenig, wann genau Integration wirkt und wann nicht. Mir scheint, dass Integrationsförderung heute nicht selten lediglich Selbstzweck ist.

Soll man Kinder, die weniger schnell lernen, überhaupt bis zum Gehtnichtmehr fördern?
Eine sehr berechtigte Frage. Man mag es beklagen, aber es ist trotzdem so: Die Schule kann die Gesellschaft nicht gerechter machen. Wer das von ihr fordert, der überfordert sie. Deshalb wird in Deutschland gerade das sogenannte Bildungsminimum diskutiert. Gemeint ist damit, dass man für Risikoschüler das Beherrschen grundlegender Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen auf einem Niveau sicherstellen könnte, das eine Berufsausbildung ermöglicht. Lernschwache Jugendliche könnten sich dann auf dieses Bildungsminimum konzentrieren.

Mit einer solchen Minimalbildung wären diese Kinder doch stigmatisiert.
Nein, stigmatisierend sind die Sonderlösungen ausserhalb des Klassenverbandes. Etwa wenn ein Kind am Mittwochnachmittag zu einer Therapie nach der anderen muss und nicht mit den anderen Kindern spielen kann.

Haben eigentlich Kita-Kinder Vorteile in der Schule?
Für den Schulerfolg lässt sich das nicht generell sagen. Sicher ist aber, dass sich diese Kinder früh soziales Verhalten aneignen. Vor allem Kinder aus Risikofamilien können von einer guten Kita profitieren. Doch leider lassen gerade diese Eltern ihren Nachwuchs oft nicht fremdbetreuen.

Auffälliges Verhalten in der Schule zeigen tendenziell eher Buben. Wäre es eine Lösung, sie getrennt von den Mädchen zu unterrichten?
Das ist eine Extremforderung, die ich nicht unterstütze. Buben per se als Bildungsverlierer zu klassieren, ist ohnehin falsch. Es ist aber sicher so, dass einige von ihnen in der Schule mehr Mühe haben als früher. Dies hat mit der Entwicklung des Unterrichts zu tun, der heute mehr Sozialkompetenz und weniger Wettbewerb fördert. Buben und Mädchen in bestimmten Fächern und für ganz bestimmten Zeiten zu trennen, würde ich gut finden.

Wichtig wäre auch mehr Bewegung für Buben statt Ritalin.
Ja, das ist ein Problem. Früher schickte man ein Kind nach draussen, wenn es nicht still sitzen konnte, damit es sich abreagiert. Heute erhalten solche Kinder schnell die Diagnose ADHS. Ich bin überzeugt, dass sie nicht selten übertrieben ist. Auch in Bezug auf das, was Gewaltbereitschaft sein soll, fehlt uns oft die Intuition, was «normal» ist. Wenn zwei Buben auf dem Schulhof in der Pause raufen, dann sind sie nicht schon gewaltbereit, und es braucht auch nicht sofort eine Aktivierung des Präventionsprogramms oder eine Massregelung der Eltern.

Männliche Lehrer würden wohl gelassener mit Raufereien umgehen.
Es gibt Lehrerinnen, die solchen Situationen sehr gut begegnen und grosses Verständnis für Buben haben. Was den Kindern heute aber fehlt, sind männliche Vorbilder. Dass männliche Lehrkräfte in den Schulen fehlen, ist ein grosses Problem.

Daheim gibt es oft auch keine männlichen Vorbilder.
Das hat sich in den letzten zehn Jahren zum Glück geändert. Es gibt immer mehr Paare, die sich die Kinderbetreuung teilen. Als ich als Mutter von zwei kleinen Kindern studierte, reduzierte mein Mann sein Arbeitspensum auf 80 Prozent. Das hat damals ein Erdbeben ausgelöst!

Mussten Sie sich anhören, Sie seien egoistisch?
Natürlich. Die Leute hatten Mitleid mit meinem Mann, weil er um 12 Uhr heimrennen und den Kindern eine Suppe kochen musste.

Hatten Sie ein schlechtes Gewissen?
Nein. Sehen Sie, ich war acht Jahre lang ausschliesslich daheim. Mein Mann hat in dieser Zeit Karriere gemacht. Dann entschieden wir, dass ich dran bin. Er hat mich sehr unterstützt. Erst als die Tochter in der Pubertät sagte, bei anderen Familien sei es schön, weil die Mutter immer daheim sei, fühlte ich mich schlecht. Mit solchen Aussagen wollte sie mich auch provozieren.

Wie alt waren die Kinder, als Sie Ihr Studium begannen?
Der Sohn war fünf, die Tochter acht Jahre alt. Ich denke, man hat eher ein schlechtes Gewissen, wenn man schon sehr früh wieder in den Beruf einsteigt.

Wie könnte man mehr Männer für den Lehrerberuf gewinnen?
Diese Frage haben mir schon viele gestellt (lacht). Vielleicht bringt man mit der Quereinsteigerinitiative wieder mehr Männer in den Beruf.

Eine gute Sache?
Ja, ich habe in Zofingen drei Jahre Quereinsteiger ausgebildet und bin sehr begeistert von ihnen. Das sind tolle Leute mit Berufserfahrung, die Lehrer werden wollen. Natürlich fehlt es ihnen zum Teil an spezifischem Fachwissen. Das können sie sich aber aneignen. Sie bringen in der Regel eine grosse menschliche Führungskompetenz mit.

Kritiker sagen, dass die Pädagogischen Hochschulen verweiblicht sind und sich deshalb viele Männer gegen den Lehrerberuf entscheiden.
Man muss zwei Dinge unterscheiden: Wir wissen zum einen, dass junge Menschen heute einen Beruf haben wollen, der Spass macht. Viele denken aber, dass dies beim Lehrerberuf so nicht möglich ist. Zweitens hat es vielleicht wirklich etwas auf sich, dass die heutige Ausbildung eher auf das Reflektierende, Kommunikative und auf das Wohlbefinden ausgerichtet ist und weniger aufs Handeln oder auf direkte berufliche Herausforderungen. Ich denke, Männer sind weniger daran interessiert, über ihre Gefühle zu reden. Sie wollen eher Fakten. Das verstehe ich. Auch mir reicht es irgendwann, wenn ich in einer Reflexionsgruppe nur darüber sprechen soll, wie ich mich fühle. (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.08.2012, 07:21 Uhr

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2 Kommentare

Ulrich Scheidegger

13.08.2012, 19:15 Uhr
Melden 5 Empfehlung 0

Müssen wir uns nicht überlegen warum? Möglicherweise weil die Welt der Erwachsenen spinnt. Antworten



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