Eltern machen Ingenieure

Industrie und Wissenschaft wollen Kinder vermehrt für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik begeistern. Doch das ist gar nicht so einfach. Denn am Ende sind die Eltern wichtiger als alle gezielten Fördermassnahmen.

Bild: Max Spring

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Techniktage an Gymnasien, Tüftelcamps für Primarschüler und Experimentierkästen für Kindergärteler: Unternehmen und Universitäten versuchen mit verschiedensten Methoden, kleinen und grösseren Kindern die sogenannten Mint-Fächer näherzubringen. Mint steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. In diesen Bereichen fehlen zunehmend die Fachkräfte.

Die Gründe dafür sind der Geburtenrückgang, die anstehenden Pensionierungen der Babyboomer-Generation und auch, dass es nach dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative schwieriger werden dürfte, offene Stellen mit Spezialisten aus dem Ausland zu besetzen. Was liegt also näher, als den heimischen Nachwuchs zu fördern?

Am sinnvollsten sei dabei, sich auf Kinder im «Alter von etwa 3 bis 15 Jahre zu konzentrieren», schreiben die Akademien der Wissenschaften Schweiz, die das Nachwuchsproblem wissenschaftlich untersucht haben (siehe Zweittext). Verschiedene Studien zeigten, «dass am Ende der obligatorischen Schulzeit der Entscheid, ob eine Berufslaufbahn im Mint-Bereich eingeschlagen wird oder nicht, bereits mehr oder weniger gefallen ist».

Erste Übungen für Babys

Schon Kindertagesstätten, die Babys ab drei Monaten aufnehmen, bemühen sich darum, mathematisches, technisches und naturwissenschaftliches Verständnis zu wecken. Theres Hofmann leitet entsprechende Projekte für «Bildungskrippen» nach dem sogenannten Infans-Konzept. Sie ist Pädagogin und Inhaberin der THKT Familienservice GmbH. Übernommen haben das Infans-Konzept bislang über 50 Kitas in der Schweiz, darunter die Kita Spitalacker in Bern und die Kita Leuehöhli in Winterthur. Die Idee: Die Kinder erhalten vielfältige Erfahrungsmöglichkeiten mit unterschiedlichsten Materialien. Wenn die Betreuer merken, dass ein Kind fasziniert ist von einem Thema, dann fördern sie sein Interesse gezielt und fordern das Kind durch neue, komplexere Angebote heraus. «Aber alles ist freiwillig», betont Theres Hofmann.

Mathematische oder naturwissenschaftliche Erlebnisse in der Kita begännen mit alltäglichen Tätigkeiten: beim Konstruieren mit Bauklötzen oder beim Füllen von Hohlmassen mit Wasser. Theres Hofmann ist überzeugt: «Nur wenn Technik und Naturwissenschaften in einer Kita vorkommen, kann ein Kleinkind Interesse daran entwickeln.» Allerdings räumt sie ein, dass es bislang keine Studie gibt, die beweist, dass solche Frühförderung einen nachhaltigen Einfluss hat.

Rechnung ist nicht so einfach

Das bestätigt Margrit Stamm, emeritierte Professorin der Universität Freiburg und Direktorin des Forschungsinstituts Swiss Education in Bern. Praktische Lernerfahrungen seien zwar sinnvoll für kleine Kinder. «Aber wenn jemand glaubt, dass man so das Problem des Fachkräftemangels lösen kann, dann ist das eine falsche Vorstellung.»

Ähnlich beurteilt die Erziehungswissenschaftlerin Fördermassnahmen auf Kindergartenstufe. Siemens Schweiz beispielsweise stellt Kindergärtnerinnen eine «Discovery Box» zur Verfügung. Das Unternehmen erklärt dazu auf seiner Website: «Wann leuchtet die Lampe? Warum verfärbt sich eine Flüssigkeit? Solche Fragen wollen wir mit anschaulichen Experimenten erlebbar machen.» Margrit Stamm findet, solche Erlebnisse seien attraktiv für die Kinder. Sie sieht auch kein Problem darin, wenn eine Firma Unterrichtsmaterial sponsert, «solange es keine Forderungen stellt». Aber es sei fraglich, ob aus der Freude am Tüfteln am Ende eine entsprechende Berufswahl resultiere.

Schule Meilen macht es vor

Für zielführender hält die Erziehungswissenschaftlerin das Pilotprojekt der Schule Meilen ZH. Dort werden Mint-Fächer ab dem Kindergarten bis zur Sekundarschule seit 6 Jahren gezielt gefördert. Im Fokus stehen die Themen Schall, Licht, Elektrizität, Wasser/Luft und Energie. Auf jeder Stufe werden die Themen vertieft. «Den Kindern macht das riesigen Spass», sagt die Projektleiterin und ETH-Elektroingenieurin Astrid Hügli. «Die Wiederholungen in der nächsten Stufe sind umso spannender, da man nicht mehr wie früher zuerst die Grundlagen erklären muss.» Bereits zeigten andere Gemeinden Interesse.

«Wenn die Schule Mint-Fächer stärkt, dann ist das eine klare Botschaft», meint Margrit Stamm. Zudem könne man im Schulunterricht im Gegensatz zum relativ freien Spiel mit kleineren Kindern klare Ziele setzen.

Eltern sind am wichtigsten

Wichtiger als all diese Bemühungen sind aber die Eltern. Wenn sie sich für Technik und Naturwissenschaften begeistern, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass auch ihre Kinder Freude daran haben. Grossen Einfluss hätten vor allem männliche Vorbilder, halten die Akademien der Wissenschaften Schweiz in einer Studie fest. Wenn etwa der Vater mit den Kindern ein altes Radio auseinander baut, kann dies nachhaltig prägen. Auch die Haltung des Elternhauses ist entscheidend: «Wenn ich etwa die Meinung vertrete, dass Technik nichts für Mädchen ist, dann wird mein Kind dies wahrscheinlich übernehmen», sagt Margrit Stamm. «Da kann ich es in noch so viele Förderkurse schicken.»

Tagung: Die Schweizerische Akademie der Technischen Wissenschaften führt am 11. November auf dem Campus Brugg-Windisch eine Tagung durch zum Thema «Ingenieurnachwuchsförderung». (Berner Zeitung)

(Erstellt: 31.10.2014, 12:02 Uhr)

Wieso interessieren sich Schüler so wenig für Technik?

Nur wenige junge Leute wollen technische oder naturwissenschaftliche Berufe ergreifen. Ein Grund dafür ist, dass viele im Fach Mathematik schlechte Erfahrungen
machen.


Die Akademien der Wissenschaften Schweiz wollten herausfinden, wieso es an Nachwuchs in technischen und naturwissenschaftlichen Bereichen mangelt. Dazu wurden 2012 in der Schweiz rund 3500 Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufen, fast 1600 Studenten sowie um die 1000 Erwerbstätige befragt. Das sogenannte Mint-Nachwuchsbarometer bringt einige überraschende Erkenntnisse.

Interesse gleich tief wie früher

Oft heisst es zum Beispiel, das Interesse an den Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (Mint) habe abgenommen, weil weiche Fächer wie Sprachen mehr Bedeutung in der Schule erhalten hätten. Die Studie zeigt aber, dass die Beliebtheit der einzelnen Mint-Fächer in den letzten dreissig Jahren praktisch unverändert geblieben ist.

Viele schlechte Noten in Mathe

Um die Naturwissenschaften ist es zudem nicht so schlecht bestellt. Die Schülerinnen im Gymnasium bezeichnen Biologie sogar als ihr Lieblingsfach. Aber Physik und Mathematik stehen für sie am unteren Ende der Beliebtheitsskala. Auch an Chemie haben sie wenig Freude. Den Jungs gefällt Mathematik etwas besser als den Mädchen, Chemie, Biologie und Physik rangieren bei ihnen im Mittelfeld.

Als Stolperstein für eine Mint-Ausbildung erweist sich bei vielen das Grundlagenfach Mathematik: Hier haben die Schüler in Tests auffällig oft schlechte Noten. Bei den Gymnasiasten beträgt der Anteil der ungenügenden Beurteilungen 16 Prozent, bei den Gymnasiastinnen fast 20 Prozent. Nur an der mangelnden Leistung kann dies nicht liegen, denn in den Pisa-Studien schneiden die Schweizer gut ab. Eine Erklärung für diesen Widerspruch haben die Studienautoren nicht. Sie befürchten aber, dass die schlechten Noten vielen die Mathematik verleiden.

Mädchen fehlt Selbstvertrauen

«Vor allem in Informatik und Technik ist Nachwuchsförderung auch eine Genderfrage», sagt Béatrice Miller von der Schweizerischen Akademie der Technischen Wissenschaften. Das Nachwuchsbarometer zeigt: Selbst wenn Mädchen und Knaben in Technik gleich stark gefördert werden und das gleiche Interesse daran haben, sind Mädchen immer noch weniger von ihren eigenen Fähigkeiten überzeugt.

Hinzu kommt, dass Mädchen eher aus intrinsischer Motivation einen Beruf wählen. Das heisst, es geht ihnen um die Freude an einer bestimmten Tätigkeit. Gerade viele technisch oder naturwissenschaftlich ausgerichtete Unternehmen, aber auch Universitäten werben eher mit guten Löhnen und Aufstiegsmöglichkeiten als mit der Aussicht, einer sinnstiftenden Arbeit nachgehen zu können. «Um mehr Frauen anzusprechen, müsste man dies ändern», sagt Béatrice Miller.

Lehrstellenbarometer

Das Gesamtangebot an Lehrstellen in der Schweiz ist dieses Jahr kleiner ausgefallen als im Vorjahr. Per August 2014 lag es bei rund 94'500 Stellen. Das sind 1000 weniger als im Vorjahr, wie die Hochrechnungen des Lehrstellenbarometers zeigen. Dies teilte das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) gestern mit.

Trotzdem blieben erneut viele Lehrstellen unbesetzt. Am grössten war die Lücke in den technischen Berufen. Dort konnten 3000 Lehrstellen nicht besetzt werden. Ebenfalls Mühe, genügend Lehrlinge zu finden, hatten die Branchen Architektur und Baugewerbe sowie Dienstleistungen und verarbeitendes Gewerbe.

Insgesamt 86500 Lehrstellen haben die Unternehmen vergeben. 8000 Lehrstellen waren am 31.August noch offen – 500 weniger als im Vorjahr. Die Betriebe hoffen laut dem SBFI, 2500 davon noch in diesem Jahr besetzen zu können. Hauptgrund für unbesetzte Lehrstellen sind nach Angaben der Betriebe vor allem ungeeignete Bewerbungen.

Die Anzahl Jugendlicher, die sich in der Warteschlange für
eine Lehrstelle im folgenden Jahr befanden, geht kontinuierlich zurück. Sie umfasst nun noch 13'500 Personen. Zu Zeiten des Lehrstellenmangels 2007 hatte sie 24500 erreicht.sda/mjc

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