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SBB setzen auf gecharterte Fan-Züge

Von René Staubli. Aktualisiert am 27.06.2011 6 Kommentare

Luzerner Fussballfans versuchten vor vier Jahren, den SBB einen Zug abzukaufen. Das Projekt scheiterte. Jetzt wollen die SBB, dass Vereine oder Fanklubs die Züge chartern und für Sachschäden aufkommen.

Bild: Karikatur: Felix Schaad

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Letzte Woche gingen die Wogen wieder einmal hoch. Vertreter von Bahn und Bundesamt für Verkehr (BAV) beklagten die Sachbeschädigungen von Fussballfans in den SBB-Extrazügen. In dieser Diskussion brachte der TA eine alternative Idee ins Spiel: Die SBB könnten jedem Superleague-Klub einen Fan-Zug schenken. Die Fans hätten das Recht, ihn zu bemalen und als rollende Choreografie durchs Land fahren zu lassen. Die Woche über stünde er auf einem Abstellgleis als Treffpunkt zur Verfügung. Für die Reinigung und Pflege wären die Fans selber verantwortlich. Würden sie den Zug besitzen, trügen sie ihm wohl eher Sorge, war die Überlegung. Damit wäre das Problem entschärft, welches die SBB unter dem Strich jährlich drei Millionen Franken kostet. Die Bahn – nur noch zuständig für den technischen Unterhalt – würde am Spieltag einfach eine Lok vorspannen.

Alte Idee

Abklärungen zeigen nun, dass die Idee so neu gar nicht ist. Zwischen November 2006 und Februar 2007 führte die Fanorganisation United Supporters Luzern (USL) Verhandlungen mit den SBB. Die Zentralschweizer wollten für einen symbolischen Preis fünf alte Wagen kaufen. Es handelte sich «um ausrangiertes Rollmaterial, das die SBB verschrotten wollten, das aber noch für mindestens 20'000 Kilometer fahrtauglich gewesen wäre», sagt USL-Präsident René Schwarzentruber. Drei bis vier Saisons hätte das Material sicher gehalten. Die Fanorganisation hätte die Kosten für das Bahnpersonal, die Trasseegebühren und die von den eigenen Fans eventuell verursachten Schäden übernommen.

Das Projekt scheiterte laut Schwarzentruber schliesslich aus zwei Gründen. Die abgestellten Wagen hätten dauernd mit Strom versorgt werden müssen, um Standschäden zu vermeiden – die dafür nötige Infrastruktur war aber nicht vorhanden. Ferner hätten die USL den Zug für eine monatliche Prämie von 1500 Franken versichern müssen. Diese zusätzlichen Kosten waren für die Fanorganisation nicht tragbar.

«Heiss diskutiertes Thema»

Die SBB stellen den Sachverhalt anders dar. Man habe den Verkauf von Fan-Zügen mit zwei Superleague-Vereinen intensiv geprüft. Die Fans der beiden Vereine hätten aber «weder Kosten noch Verantwortung in irgendeiner Form übernehmen wollen», so SBB-Konzernsprecher Reto Kormann. Gegen die Abgabe von Fan-Zügen spreche auch, dass diese Wagen für den Regelverkehr nicht mehr zur Verfügung stünden; das könne zu Engpässen führen. Zudem sei die Frage erlaubt, ob nicht das Erscheinen eines auffällig bemalten Fan-Zuges in einer andern Stadt «Reaktionen gegnerischer Fans provozieren würde».

Statt der Abgabe eines Zuges führen die SBB im Sommer 2007 in Eigenregie und auf eigenes Risiko Fan-Extrazüge ein. Nach einigen unschönen Vorfällen wollen sie diese Kompositionen nun durch sogenannte Charterzüge ersetzen. Fussballklubs oder Fanorganisatoren sollen diese bestellen und bezahlen. Die SBB erwarten, dass das Rollmaterial in einwandfreiem Zustand zurückgegeben wird. Für Schäden sollen die Besteller haften.

«Laufende Verhandlungen»

Das sei «derzeit ein heiss diskutiertes Thema», verlautet aus Fankreisen. Wie heiss, zeigt die Reaktion des FC Zürich. Sprecher Giovanni Marti schreibt, auf Anweisung von Präsident Canepa beantworte man derzeit keine Fragen dazu. Dieselbe Reaktion kommt von YB: «Weil es sich um ein laufendes Verfahren handelt, können wir in der Öffentlichkeit nicht konkret Stellung beziehen.»

Die kürzlich von der «NZZ am Sonntag» verbreiteten Drohungen von Peter Füglistaler, Chef des Bundesamts für Verkehr, sind im Kontext dieser «laufenden Verhandlungen» zu sehen. Füglistaler fordert ein Alkoholverbot für Fan-Züge, Alkoholtests und ein Glasflaschenverbot. Wenn die Polizei auf der Strasse einen Kleinbus mit randalierenden Fans aus dem Verkehr ziehen könne, müsse das auch im öffentlichen Verkehr möglich sein. Sukkurs erhielt Füglistaler von Max Hofmann, dem Generalsekretär des Verbandes Schweizerischer Polizeibeamter, welcher im TA erklärte: Bei randalierenden Fans wäre die Räumung von Zügen durch Polizisten «technisch durchführbar». Die Zeichen stehen auf Sturm.

«Hausrecht-Zug» in Frankfurt

Da lohnt sich ein Blick über die Grenze nach Deutschland, wo ein interessanter Versuch stattgefunden hat. Die Deutsche Bahn hat der Frankfurter Eintracht drei Jahre lang für Auswärtsspiele einen Fan-Zug zur Verfügung gestellt. Es fuhren keine Polizisten mit, sondern ausschliesslich eigene Ordnungskräfte, welche die Fans aus ihrem Stadion kannten. «Wir hatten das Hausrecht in unserem Zug», sagt der Fanbeauftragte Benjamin Vogt. Diese Selbstverantwortung habe dazu geführt, dass es zu massiv weniger Sachbeschädigungen gekommen sei. «Wir hätten gerne einen eigenen Fan-Zug angeschafft, um ihn umzubauen, zum Beispiel mit Biertheken», erzählt Vogt. Dieses Projekt sei jedoch an Zuständigkeitsproblemen zwischen verschiedenen Unternehmenseinheiten der Deutschen Bahn gescheitert.

Selbstverantwortung fördern

Thomas Gander, Geschäftsführer der nationalen Fachstelle Fanarbeit Schweiz (FaCH), wundert sich, wie einseitig und aufgeregt das Thema der Fan-Züge derzeit diskutiert wird. Behörden, Politiker und SBB nähmen die wenigen gravierenden und unentschuldbaren Vorfälle wie das Verhalten der Sion-Fans nach dem Cupfinal in Basel zum Anlass, «um alles Erreichte infrage zu stellen». Gander sagt, «man könnte auch von den unbestreitbaren Erfolgen reden, die in den letzten zwei Jahren erzielt wurden».

Neue Verbote und Drohungen mit Polizeieinsätzen seien keine Lösung. Der Schlüssel zum Erfolg liege in der Selbstverantwortung der Fans: «Je mehr die Bereitschaft der Fans, Verantwortung für ‹ihren› Fan-Zug zu übernehmen, auch anerkannt wird, Erfolge und Rückschläge sachlich besprochen werden und keine pauschale Vorverurteilung stattfindet, desto besser funktioniert die Selbstkontrolle.»

So gesehen sei der Vorschlag der SBB, nach Modellen zu suchen, welche mehr Selbstverantwortung ermöglichen, durchaus sinnvoll. Nicht für zielführend hält Gander, dass die SBB «immer wieder die Maximalvariante Charterzug ins Feld führen». Bereits die heutige Lösung mit den Extrazügen und einer engen lokalen Zusammenarbeit schaffe Vorteile für alle Beteiligten: «Die Bahn kann so die Fussballfans vom übrigen Reiseverkehr separieren, und auch die Verantwortlichen rund um ein Heimspiel können davon ausgehen, dass die auswärtigen Supporter gemeinsam und nicht verzettelt anreisen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.06.2011, 21:16 Uhr

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6 Kommentare

Christian Kohler

27.06.2011, 09:04 Uhr
Melden 5 Empfehlung

Diese Züge gelten de facto als rechtsfreie Zone. Das sollte in einem Staat in welchem jeder pünktlich seine Steuern bezahlt nicht möglich sein. Antworten


Walter Kunz

27.06.2011, 11:54 Uhr
Melden 3 Empfehlung

Eine andere Lösung, nur leider taugt auch diese nichts, um den unzähligen Chaoten endlich einmal den nötigen Anstand beizubringen. Antworten



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