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Romands verharren länger in der Arbeitslosigkeit

Von Richard Diethelm, Lausanne . Aktualisiert am 01.09.2010

Romands und Tessiner reagieren empfindlicher auf Kürzungen der Arbeitslosengelder. In der lateinischen Schweiz ist die Arbeitslosigkeit auch stets höher - zum Teil aus kulturellen Gründen.

Ein Arbeitsloser vor dem Anschlagbrett im Lausanner RAV.

Ein Arbeitsloser vor dem Anschlagbrett im Lausanner RAV.
Bild: Keystone

Arbeitslosenquote nach Kantonen (Juli 2010):
Rot: >4,0%
Rosa: 3,0 – 3,9%
Hellrosa: <2,9%
Schweizer Durchschnitt: 3,6% (Bild: Seco/TA-Grafik)

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Genf, Neuenburg, Waadt, Jura und Tessin führen in der Regel die Liste der Kantone mit der höchsten Arbeitslosigkeit an. Im Juli lag die Arbeitslosenquote zum Beispiel in Genf und in der Waadt bei 6,9 beziehungsweise 5,3 Prozent, verglichen mit dem schweizerischen Durchschnitt von 3,6 Prozent. Im Wallis betrug der Anteil der Arbeitslosen an der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter 0,3 Prozentpunkte, in Freiburg 0,7 Prozentpunkte weniger als der schweizerische Durchschnitt.

Die höhere Arbeitslosigkeit in der lateinischen Schweiz ist ein dauerhaftes Phänomen. Eine Studie für den Zeitraum 1997 bis 2006 ergab, dass die Arbeitslosenquote zwischen 1,5- und 2-mal höher war als in der Deutschschweiz. Die Romands reagieren denn auch empfindlicher, wenn Bundesrat und Parlament Leistungen der Arbeitslosenversicherung (ALV) kürzen. 1997 bodigten die Westschweizer Kantone und das Tessin im Verbund mit grossen Deutschschweizer Städten eine geringe Kürzung der ALV-Taggelder an der Urne. Fünf Jahre später sagten Genf, Neuenburg, der Jura und das Wallis erneut Nein zu Leistungskürzungen; die Mehrheit des Schweizervolks billigte jene ALV-Revision aber.

Arbeitgeber verhalten sich gleich

Weshalb gibt es in der Westschweiz, gemessen an ihrer Bevölkerung, mehr Arbeitslose als in der Deutschschweiz? Wirtschaftswissenschaftler der Universitäten von Lausanne und Zürich untersuchten die Arbeitslosigkeit beidseits der Sprachgrenze*. Dabei stellten sie fest, dass Romands nach dem Jobverlust im Durchschnitt sieben Wochen länger arbeitslos sind als Deutschschweizer. Das schlägt sich in einer höheren Arbeitslosenquote nieder.

Die Autoren der Studie führen diese Differenz auf kulturelle Unterschiede zurück, zumal die Arbeitslosenversicherung national geregelt ist und Arbeitgeber in Regionen an der Sprachgrenze sich bei der Rekrutierung von Beschäftigten gleich verhalten.

Eine andere Weltanschauung

«Der grösste Unterschied besteht in der Weltanschauung», sagt der Lausanner Professor Rafael Lalive. Arbeitslose Deutschschweizer neigten stärker dazu, auf eigene Faust eine neue Stelle zu suchen. Romands vertrauten hingegen eher darauf, dass das Regionale Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) einen Job für sie finde.

Lalive zitiert zudem eine Umfrage, wonach 78 Prozent der Deutschschweizer auch arbeiten würden, wenn sie das Geld nicht nötig hätten. Unter den befragten Welschen und Tessinern würde dies nur die Hälfte tun. Eine Auswertung von sechs Volksabstimmungen zwischen 1985 und 2002 ergab, dass Romands längere Ferien, kürzere Wochenarbeitszeiten und eine Senkung des Rentenalters stärker befürworteten als Deutschschweizer.

Genf war zu large

Die Chefs der Arbeitsämter in den bevölkerungsreichsten Westschweizer Kantonen bestätigen den Einfluss kultureller Unterschiede, nennen aber noch andere Gründe für die höhere Arbeitslosenquote. «Der Anteil der ausländischen Wohnbevölkerung ist in der Westschweiz höher. Die zahlreichen wenig qualifizierten Arbeitskräfte laufen schneller Gefahr, arbeitslos zu werden, und drücken so die Quote nach oben», sagt Roger Piccand in der Waadt.

Die grösste Sorge seines Genfer Amtskollegen Patrick Schmid ist, dass viele Stellensuchende nicht die Kompetenzen besitzen, die auf dem Arbeitsmarkt gefragt sind. «Selbst im Krisenjahr 2009 wurden in unserem Kanton per saldo mehr Arbeitsplätze geschaffen. Aber es sind meistens Stellen für Hochqualifizierte in Hightechunternehmen oder in der Versicherungsbranche, die für Entlassene aus der traditionellen Industrie nicht infrage kommen.»

Keine Zeit, den Schock zu verdauen

Schmid räumt allerdings ein, dass in Genf der Umgang mit Arbeitslosen bis zum Erlass eines neuen Arbeitsmarktgesetzes zu large gewesen sei. «Meldet sich heute jemand beim Arbeitsamt, ist die Vermittlung einer neuen Stelle das Dringendste. Früher liess man einem Arbeitslosen erst einmal Zeit, sich vom Schock der Entlassung zu erholen.»

Laut Schmid und Piccand stellt die offizielle Arbeitslosenstatistik des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) die Verhältnisse in ihren Kantonen jedoch schlimmer dar, als sie sind. Das Seco berechnet die Arbeitslosenquote auf der Basis der Anzahl Personen im erwerbsfähigen Alter, wie sie die Volkszählung 2000 ermittelt hat. «Im Genferseeraum ist im vergangenen Jahrzehnt die Bevölkerung und damit die Zahl der Erwerbstätigen aber überdurchschnittlich gewachsen», sagt Piccand. In Genf und in der Waadt ist die tatsächliche Arbeitslosenquote nach ihren Berechnungen um 0,7 bis 0,8 Prozentpunkte tiefer als jene, die der Bund ausweist.

* Beatrix Brügger, Rafael Lalive, Josef Zweimüller: Does Culture Affect Unemployment? Evidence from the Röstigraben. CESifo, 2009.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.08.2010, 20:55 Uhr

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