Politiker mit taktischem Geschick und Schlitzohr-Qualitäten
Von Patrick Feuz. Aktualisiert am 01.12.2011 5 Kommentare
Heute nominiert die SVP
Die SVP-Bundeshausfraktion entscheidet heute Donnerstag, wen sie am 14. Dezember ins Bundesratsrennen schickt. Erwartet wird ein Zweier-Ticket mit einem Westschweizer und einem Deutschschweizer – wobei der Zürcher Bruno Zuppiger als gesetzt gilt.
Das TV-Nachrichtenmagazin «10 vor 10» meldete am Dienstag, Bruno Zuppiger sei nur bereit, gegen BDP-Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf anzutreten, nicht jedoch gegen den freisinnigen Bundesrat Johann Schneider-Ammann. In Tat und Wahrheit lässt Zuppiger diese Frage aber offen. Auf Anfrage erklärte er gestern, sein «klares Ziel» sei es, die Konkordanz wiederherzustellen – also dafür zu sorgen, dass die 5-ProzentPartei BDP nicht mehr im Bundesrat vertreten ist. Wenn aber das Parlament die Konkordanz aufkündige (also Eveline Widmer-Schlumpf wiederwählt), sei die «Strategie der SVP wieder offen». Und dann, so Zuppiger, sei «alles möglich». Der Entscheid, welche Strategie die Partei am Schluss wähle, sei Sache der SVP-Bundeshausfraktion.
Zu vermuten ist, dass die SVP die Karten erst am Wahltag selber offenlegen wird.
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Viele mögen Bruno Zuppiger. Als der schweizerische Gewerbeverband Anfang Jahr in Klosters einen Kongress abhielt, verfrachtete Präsident Zuppiger die Schar am Abend per Seilbahn in eine Alphütte, sang dort alte Volkslieder und spielte Gitarre. In der dritten Woche der Parlamentssession trommelt er jeweils die Gruppe Fun Food Politics (FFP) zusammen; rund vierzig Parlamentarier treffen sich dann zum überparteilichen Schlemmen und Plaudern. Bei den Fraktionsessen der SVP organisiert Zuppiger seit Jahren das Unterhaltungsprogramm. Und 2001 führte er den beliebten SVP-Jass-Cup ein.
Auch wenn linke und rechte Parlamentskollegen den 59-jährigen Bundesratsanwärter übereinstimmend als umgänglich beschreiben: Nur weil Zuppiger wie ein gutmütiger Bär wirkt, käme niemand darauf, ihn zu unterschätzen. Eine linke Politikerin, die den Mann aus der Nähe erlebt, bezeichnet ihn als «schlauen Fuchs» und «einflussreichen Strippenzieher». Andere sehen in ihm einen «dynamischen Politiker, der engagiert seine Ziele verfolgt».
Strippenzieher der Sparpolitik
Seit zwölf Jahren ist Zuppiger im Nationalrat der Regisseur der rigiden SVP-Finanzpolitik. In der zuständigen Kommission gibt er den Parteikollegen vor, wer wann welchen Spareintrag einbringt. Manchmal fädelt er auch ein, dass im Budgetkampf Mitte-Politiker statt SVP-Vertreter die schärfsten Kürzungen beantragen, weil so die Chance auf Erfolg grösser ist. Hinter dem behäbigen und etwas holperigen Auftritt verbirgt sich ein Politiker mit taktischem Geschick, strategischem Denken und Schlitzohr-Qualitäten.
Das hat er zuletzt auch als Sicherheitspolitiker bewiesen. Im Durcheinander unkoordinierter Pro-Armee-Offensiven schwor Zuppiger die verschiedenen Kräfte auf ein mehrheitsfähiges Konzept für die Aufstockung der Armeemittel ein. Dass er überall sparen will, nur bei der Armee nicht, passt zu seinem Weltbild. Für den konservativen SVP-Oberst mit 1500 Diensttagen und prägenden Militärerlebnissen gehört eine mannstarke Armee zur Schweiz, wie er sie sich wünscht.
Nestwärme bei den Zuppigers
Zuppiger ist ein Gewerbepolitiker aus bäuerlichem Milieu, obwohl er selber nie Gewerbler oder Bauer war. Seine ersten Lebensjahre verbrachte er auf einem Bauernhof im Kanton Zug, dann erkrankte der katholisch-konservative Vater, gab den Hof auf und amtete fortan als Oberinspektor des lokalen Braunviehzucht-Verbands. Nach Matur und drei Semestern an der Hochschule St. Gallen (HSG) wurde der junge Zuppiger Ehemann, Vater und Primarlehrer im zürcherischen Hinwil. Dort kam er zur Politik und zur SVP – und sass mit Ueli Maurer im Gemeinderat. Die beiden Familien sind bis heute eng verbunden.
Später leitete Zuppiger als Sekretär und Direktor den kantonalen Gewerbeverband. Seine erste Frau starb an Krebs, Zuppiger stand allein mit drei Kindern da. Er heiratete wieder und wurde zwei weitere Male Vater. Rösli Zuppiger-Stocker, seine heutige Frau, schrieb vor drei Jahren das Buch «Nestwärme für Kinder»; sie wollte damit all jenen Müttern den Rücken stärken, die für ihre Kinder zu Hause bleiben.
Zuppiger gehörte nie zum engen Kreis um Christoph Blocher, obwohl er in den 90er-Jahren für die Zürcher SVP im Kantonsparlament wichtige Kommissionen leitete. In Teilen des Gewerbes hatte er einen schlechten Ruf: In seiner Ära hatte sich der kantonale Gewerbeverband auf gewagte Immobiliengeschäfte eingelassen, die jahrelang die Finanzen belasteten. Dass Zuppiger 1995 seinen Direktionsposten räumte und eine Firma für Wirtschafts- und Unternehmensberatung gründete, bringen viele in Zusammenhang mit dieser Immobiliengeschichte.
«Spuhler, mein bester Freund»
Heute nützt es Zuppiger, dass er nie ein Günstling Blochers war. Zum Profil, das ihm den Weg in den Bundesrat ebnen könnte, gehören nebst seiner umgänglichen Art vor allem die Differenzen mit der SVP in der Frage der Personenfreizügigkeit. Dass Zuppiger die SVP-Initiative gegen die «Masseneinwanderung» nicht unterzeichnet hat, weil er darin eine Gefahr für die bilateralen Verträge mit der EU sieht, macht ihn bis weit ins linke Lager wählbar. Schon 2005 warb er zusammen mit SVP-Unternehmer Peter Spuhler in einem Wirtschaftskomitee für die Ausdehnung der Personenfreizügigkeit. Spuhler sei sein «bester Freund», sagt Zuppiger.
Ganz verderben wollte es Zuppiger mit Blocher aber nie. In der SVP-Fraktion sei er in den letzten Jahren nicht durch Widerspruch aufgefallen, sagt SVP-Ständerat This Jenny. Als die SVP zum Ärger des schweizerischen Gewerbeverbands die Initiative gegen die Personenfreizügigkeit lancierte, reagierte Verbandspräsident Zuppiger nur zahm. Man habe ihn zu einer Stellungnahme «regelrecht drängen» müssen, sagt ein Insider im Verband. Als Präsident des einflussreichen Gewerbeverbands ist Zuppiger aber trotzdem in einer guten Ausgangslage, Bundesrat zu werden. Nicht zuletzt sein Verständnis für die Sorgen der realen Wirtschaft und sein Engagement für die Berufsbildung haben ihm im Parlament viele Sympathien eingebracht.
Obwohl ihn die SVP heute braucht, um einen zweiten Bundesratssitz zu erobern, verhöhnen SVP-Exponenten Zuppiger auf Vorrat als «zweiten Samuel Schmid», also als führungsschwachen Bundesrat. Zuppiger hatte in seiner Firma vorübergehend 15 Mitarbeiter unter sich, zudem führt er im Auftrag von Grossunternehmen Schulungs- und Ausbildungsprojekte durch. Der Durchschnittsbundesrat der vergangenen Jahrzehnte hat punkto Führung nicht mehr zu bieten. Oder wie This Jenny sagt: «Der kann das so gut oder schlecht wie die meisten anderen.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 01.12.2011, 16:00 Uhr
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5 Kommentare
Den Eindruck, dass der Mann Schlitzohrqualitäten hat, gewinnt man schon anhand des Fotos. Das müsste man bei der Ressortzuteilung berücksichtigen und ihn zum Aussenminister machen. Im Umgang mit der EU wäre Schlitzohrigkeit vermutlich ein Vorteil. Antworten
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