Organspende: «Sparpotenzial von einer Milliarde»
Von Brigitte Walser. Aktualisiert am 17.08.2009 20 Kommentare
Was würden Sie davon halten, wenn man uns alle grundsätzlich als Organspender betrachtete? Wir müssten uns demnach melden, wenn wir nach dem Tod keine Organe spenden wollten.
Franz Immer:?Wir begrüssen ein solches Modell, es würde das Gespräch nach einem Todesfall erleichtern. Für Angehörige ist es oft nicht einfach, aktiv in eine Organspende einzuwilligen, wenn sie den Wunsch des Verstorbenen nicht kennen. Klar ist: Auch bei dieser Regelung würde nie ein Organ entnommen, ohne dass die Angehörigen gefragt würden.
Ein anderes Modell sieht vor, dass ma im Pass oder in der ID vermerken kann, ob man Organspender ist. Der Nationalrat hat diesem Modell zugestimmt.
Ich verstehe nicht, wieso das nicht längst eingeführt wurde.
Es wäre eine Vermischung von behördlichen Informationen und Patientenwünschen.
Ja, auf der einen Seite zeigen die Behörden. Auf der anderen Seite kostet eine Dialyse 80'000 Franken pro Jahr. Eine Nierentransplantation kostet 75'000 Franken, die Niere funktioniert 15 bis 20 Jahre. Man spart also pro Patient 1,5 Millionen Franken, bei den 700 Nierenpatienten auf der Warteliste ergäbe das ein Sparpotenzial von einer Milliarde Franken. Zudem können die Patienten arbeiten und erhalten Lebensqualität zurück. Ich denke, viele wären bereit, nach dem Tod eine Niere zu spenden, nur wissen das die Angehörigen nicht.
Diskutiert wird auch, ob man den Tod anders definieren muss, um mehr Organe zu erhalten.
In der Schweiz gilt der Hirntod als Voraussetzung für eine Organentnahme, das heisst, dass sowohl der Hirnstamm als auch das Grosshirn nicht mehr durchblutet sind. Andere Länder wie England verlangen nur den Hirnstammtod. Es wird erwogen, diese Regelung zu übernehmen, denn auch wenn eine Restdurchblutung des Gehirns vorhanden ist, ist man bei Nichtdurchblutung des Hirnstamms tot.
Laufen Organspender damit Gefahr, eher zu sterben?
Wenn ich etwas ganz sicher weiss, dann dies:?Intensivmediziner machen bis zum Schluss alles Menschenmögliche, um einen Patienten zu retten. An einen Spenderausweis denkt wirklich niemand. Im Gegenteil: Auch für die Ärzte ist es schwierig, den Tod eines Menschen zu akzeptieren, den sie behandelt haben. Es ist deshalb für das Team nicht einfach, das Thema Organspende anzuschneiden.
In der Schweiz warten 1000 Menschen auf ein Organ, vor drei Jahren waren es 700. Ist das neue Transplantationsgesetz an dieser längeren Warteliste schuld?
Es ist insofern daran schuld, als einzelne Transplantationszentren Nierenpatienten viel schneller auf die Liste nehmen als früher, um Wartezeiten zu generieren. Wenn diese Patienten in einigen Jahren ein neues Organ brauchen, rutschen sie auf der Liste nach vorne, weil sie schon eine lange Wartezeit hinter sich haben.
Auf der Warteliste sind also auch Menschen, die gar nicht dringend ein neues Organ brauchen?
Ja. Das Gesetz schreibt die Kriterien vor, wie die Organe verteilt werden: Es sind dies Dringlichkeit, medizinische Erfolgschancen und Wartezeit. Das Gesetz schreibt aber nicht vor, wer auf die Warteliste genommen werden darf. Das entscheiden die Transplantationszentren. Das Berner Zentrum hat heute viermal mehr Nierenpatienten auf der Warteliste als früher. Hier braucht es ebenfalls Kriterien.
Seit die Organe zentral verteilt werden, sterben in Bern mehr Menschen.
Als das Gesetz eingeführt wurde, startete Bern mit einer kurzen Warteliste, weil hier viele Organe gespendet wurden. Zentren wie Zürich hatten eine längere Liste. Weil die Wartezeit ein Kriterium bei der Verteilung ist, wurden in Zürich zuerst sehr viele Transplantationen durchgeführt. Jetzt gleicht sich das an. Insgesamt ist die Sterberate gleich geblieben, aber die Patienten starben an anderen Orten.
In Bern werden viele Organe gespendet, diese müssen dann aber an andere Zentren abgegeben werden.
Mit dem Gesetz wurde beschlossen, allen Menschen in der Schweiz die gleichen Rechte zu geben, egal wo sie wohnen und wo die Organe gespendet wurden.
Das führt zu Transport- und Administrationskosten. Ist es wirklich sinnvoll, die Organe zentral zu verteilen?
Vorher gab es zwischen den Zentren teilweise grosse Diskussionen um die Organverteilung. Wenn wir heute Organe zuteilen, dann sind Diskussionen überflüssig, denn es gibt klare Regeln. Wer zuoberst auf der Liste steht, hat ein Recht auf das Organ.
Sie möchten also nicht zum alten System zurück?
Das heutige ist besser, aber es braucht noch weitere Verbesserungen.
Zum Beispiel bei der Organentnahme in den Spitälern.
Ja, ein Zentrum, das transplantieren will, soll auch die nötigen Strukturen haben, um Spender zu erkennen und zu betreuen.
Das fordert auch das Berner Inselspital. Hat Swisstransplant das Anliegen aufgenommen?
Ja. Eine Gruppe Intensivmediziner verfolgt die Spenderarbeit seit Anfang Jahr. Nächstes Jahr wird zudem bei allen Todesfällen auf Intensivpflegestationen untersucht, ob darunter mögliche Organspender gewesen wären und weshalb es nicht zur Spende kam.
Interview: Brigitte WalserFranz Immer ist Herzchirurg und Direktor von Swisstransplant, der nationalen Zuteilungsstelle von Organen. (Berner Zeitung)
Erstellt: 17.08.2009, 15:53 Uhr
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20 Kommentare
@Simon Bucher: Auf der offiziellen Spenderkarte der Swisstransplant koennen sie sich auch klar gegen jegliche Organspenden aussprechen. @Jens Gloor: Ihre Frage nach Ethik ist berechtigt, doch ihr Standpunkt ist es nicht. Ich betrachte es als meine ethische Pflicht, nach meinem Tod meine gesunden Organe zu spenden, um anderen Menschen ein Weiterleben zu ermoeglichen. Alles andere waere egoistisch! Antworten
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