Nur noch 8 von 100 Studierenden erhalten Stipendium

Stipendien sollen jenen, die sich ein Studium nicht leisten können, helfen. Das verlangt die Chancengleichheit. In Wahrheit herrscht in der Schweiz ein Durcheinander. Die Stipendieninitiative soll dies ändern.

Studentinnen und Studenten  werden in der Schweiz sehr unterschiedlich von der öffentlichen Hand unterstützt. Entscheidend ist ihre Herkunft und nicht ihre persönliche finanzielle Situation.

Studentinnen und Studenten werden in der Schweiz sehr unterschiedlich von der öffentlichen Hand unterstützt. Entscheidend ist ihre Herkunft und nicht ihre persönliche finanzielle Situation. Bild: Keystone

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An Schweizer Hochschulen ist es auch heute noch nicht egal, woher ein junger Mensch kommt. Nebst der sozialen beeinflusst auch die geografische Herkunft seine Chancen. Eine der Ursachen ist finanzieller Natur. Hier setzt der Verband der Schweizer Studierendenschaften (VSS) an. Seine Stipendieninitiative, über die am 14.Juni abgestimmt wird, will für alle Studierenden dieselbe Ausgangslage schaffen und die Zahl der Stipendienempfänger markant erhöhen (siehe Box Initiativkomitée).

Derzeit legt jeder Kanton selber fest, nach welchen Kriterien er Stipendien verteilt. Dementsprechend unterschiedlich ist die Praxis: Während im Kanton Graubünden viele Studierende relativ wenig Geld erhalten, sind es im Kanton Zürich wenige, die dafür viel erhalten. Dazwischen ist beinahe jede Kombination möglich (siehe Box Kantone).

500 Millionen Franken teurer

Trotz diesem Wirrwarr ist sowohl der Bundesrat als auch das Parlament gegen die Initiative. Auch von den Parteien erfährt das Anliegen bloss von der SP und den Grünen Unterstützung. Die Gegner bringen zwei Argumente vor: einmal den Föderalismus. Eine zentrale Lösung würde die Kompetenzen der Kantone beschneiden. Dann die Kosten. Bis zu einer halben Milliarde Franken müsste der Staat zusätzlich aufbringen, falls das Begehren eine Mehrheit fände, rechnet die Regierung vor. Illusionen dürfe man sich keine machen: Sie würden einfach anderswo im Bildungsbereich fehlen, warnt der Bund.

Der VSS wehrt sich gegen diese Angaben. «Die Schätzung des Bundesrats stammt aus dem Jahr 2010», sagte VSS-Geschäftsleitungsmitglied Lea Oberholzer am Donnerstag vor den Medien. Würden Bund und Kantone das tun, was sie sich selber vorgenommen haben, wären es eher 120 Millionen Franken, ist sie überzeugt.

Handlungsbedarf erkannt

Bund und Kantone attestieren dem VSS, dass er einen Missstand aufgreift – und dies nicht zum ersten Mal. Bereits 1972 und 1991 lancierte er Volksbegehren dazu. Ersteres zog der Verband zurück, letzteres konnte wegen zu wenig Unterschriften nicht eingereicht werden. Dennoch ist seither wenig geschehen, ja der Bund hat seine Subventionen an die Kantone von über 100 Millionen auf heute noch 25 Millionen Franken pro Jahr gar deutlich zurückgefahren. Immerhin haben sich mittlerweile elf Kantone dazu verpflichtet, die Kriterien zu harmonisieren, unter welchen Umständen ein Stipendium vergeben wird. Die Basis dafür ist das Stipendienkonkordat, das am 1.März 2013 in Kraft getreten ist. Es regelt unter anderem, wer anspruchsberechtigt ist, und es legt das Minimum für ein Vollstipendium fest. Dieses beträgt 16'000 Franken.

Auch der Bundesrat sieht Handlungsbedarf. Er ist aber der Ansicht, dass der Weg über die freiwillige Kooperation geeigneter ist als via Initiative. Darum hat das Parlament einen indirekten Gegenvorschlag verabschiedet. Künftig wird der Bund nur noch solche Kantone an Bundesmitteln für Stipendien teilhaben lassen, die das Konkordat unterzeichnet haben.

Unterschiede bleiben

Das Konkordat klammert jedoch ein Ziel der Initianten aus, den materiellen Ausgleich: Jeder Kanton entscheidet weiterhin selber, wie viel Mittel er aufwenden will. Die Höhe der individuellen Unterstützung wird also weiterhin variieren. Das zweite Ziel der Initiative, eine grundsätzliche Erhöhung der Geldmittel, ist ebenfalls kein Thema.

Immerhin steigen die vergebenen Mittel in den Kantonen nach einem kontinuierlichen Rückgang seit 1993 nun wieder an. 2011 lag der Betrag bei 306 Millionen Franken. Da es in der Zwischenzeit ein Drittel mehr junge Leute in Ausbildung gibt (im tertiären Bereich sind es gar fast dreimal so viele), stehen die Chancen für ein staatliches Stipendium heute dennoch schlechter als noch zu Beginn der 90er-Jahre. Aktuell erhalten noch 8 von 100 Studierenden ein Stipendium, so wenig wie noch nie.

Zu sehr auf Staat fokussiert

Für Bund und Kantone ist diese isolierte Betrachtungsweise aber zu verkürzt. Es gebe eine Reihe von anderen Institutionen, darunter viele Stiftungen, welche Studentinnen und Studenten finanziell unterstützten. Die Angebote seien «zahlreicher als je zuvor». Gemäss der Vermittlungsplattform Stipendien.ch/Stipendium.ch vergeben alleine Stiftungen jährlich 425 Millionen Franken – mehr als Kantone und Bund zusammen. Allerdings, schränkt man beim privaten Internetportal ein, seien dies nebst klassischen Stipendien beispielsweise auch Unterstützungsgelder für alleinerziehende Mütter oder individuelle Forschungsgelder.

Bund und Kantone sind letztlich sowieso der Ansicht, dass die Auszubildenden auf der tertiären Stufe – und ausschliesslich auf diese bezieht sich die Initiative – grundsätzlich selber für ihre Lebenskosten aufkommen sollen.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 02.05.2015, 14:57 Uhr

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Kantone

26 verschiedene Förderpraktiken

Die Kantone entscheiden prinzipiell autonom im Stipendienwesen. Eine Auswertung des Bundesamts für Statistik für das Jahr 2011 offenbart grosse Unterschiede. So wendet etwa der reiche Universitätskanton Zürich auf die Bevölkerungszahl bezogen relativ wenig auf (26 Franken pro Kopf), etwa gleich viel wie der Kanton Bern (27 Franken pro Kopf). Am wenigsten investierte mit 15 Franken pro Einwohner der Kanton Glarus, am meisten der Kanton Jura mit 85 Franken. Ebenfalls am oberen Ende der Skala befinden sich Graubünden, Waadt und Basel-Stadt. Die Höhe der Stipendien variiert ebenfalls stark. Im Kanton Waadt waren es durchschnittlich 9109 Franken, im Kanton Neuenburg 3807 Franken. Während Zürich wenige mit stattlichen Stipendien ausstattet, gibt Graubünden vielen wenig.
2011 erhielten rund 47500 Personen ein Stipendium vom Staat, das entspricht einer Förderquote von etwa 8 Prozent. 53 Prozent des Stipendienaufkommens floss dabei in den Tertiärbereich (Universität, Fachhochschulen), 29 Prozent flossen in die Berufsbildung, 18 Prozent an Gymnasiasten und – zu einem kleinen Teil – auch auf Stufe obligatorische Schule.cab

Initiativkomitee

Jede und jeder Fünfte, der sein Studium abbricht, tut dies, weil sie oder er Arbeit und Ausbildung nicht unter einen Hut bringt. Andere packen das Studium aus finanziellen Gründen gar nicht erst an. Schuld daran sei das mangelhafte Stipendienwesen der Schweiz. Ob jemand einen Ausbildungszuschuss erhalte, solle vom Bedarf und nicht von der Herkunft abhängen, fordert der Verband der Schweizer Studierendenschaften (VSS). Mit seiner Stipendieninitiative will er neben einer Harmonisierung der kantonalen Fördersysteme zudem erreichen, dass 15 bis 20Prozent aller Studierenden ein Stipendium erhalten. Ihnen soll der Staat rund die Hälfte des Lebensunterhalts (10'000 bis 12000Franken) abnehmen. Ein national harmonisiertes System sei gerechter und wirkungsvoller: Es stärke den Bildungs- und damit auch den Wirtschaftsstandort.cab

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