Nicht einmal der Gemeindepräsident wusste von der Einbürgerung

Von Thomas Knellwolf, Zürich, und Andreas Valda, Santiago de Chile. Aktualisiert am 12.01.2010 28 Kommentare

Der Bund macht einen der prominentesten chilenischen Politiker zum Schweizer, obwohl dieser nicht alle Kriterien erfüllt. In Eduardo Freis Heimatgemeinde Nesslau ist man überrascht.

1/7 Will es nochmals wissen: Eduardo Frei will am 17. Januar zum zweiten Mal Präsident werden.
Bild: Reuters

   

Rolf Huber, Gemeindepräsident von Nesslau-Krummenau SG, erinnert sich gut an das eine Mal, als Eduardo Frei den Ort besuchte, den seine Urahnen im Jahr 1840 verlassen hatten. Huber amtete als Gemeindeschreiber, als der chilenische Präsident vor 15 Jahren im Führerstand des «Amor-Express» das Toggenburg hochdampfte. Dem Nostalgiezug entstiegen, warf die sechsköpfige Familie Frei beim Nesslauer Schulhaus einen Blick auf ihre Ahnentafel, die zwölf Generationen zurückreicht.

Am Thurweg zeugt ein Gedenkstein vom Besuch des berühmtesten Sohnes des Dorfes. Was bis gestern nur wenige Eingeweihte in den fernen Hauptstädten Bern und Santiago de Chile wussten: Die Inschrift auf grünem Marmor ist einem Neubürger Nesslau-Krummenaus gewidmet. Eduardo Frei, der sich am Sonntag nach mehrjährigem Unterbruch zum zweiten Mal zum Präsidenten seines Landes wählen lassen will, ist vergangenes Jahr Nesslauer, St. Galler und Schweizer Bürger geworden.

Zweifel bei Auslandschweizern

Davon hatte Gemeindepräsident Huber allerdings keine Ahnung, als der TA ihn gestern Morgen anrief. Nach telefonischen Abklärungen beim Zivilstandsamt Toggenburg in Wattwil konnte der hörbar verdutzte Gemeindepräsident bestätigen: «Herr Frei ist im Februar 2009 Bürger von Nesslau-Krummenau geworden.» Und: «Die Gemeinde war nicht involviert.» Die Schweizermacher sassen in Bern beim Bundesamt für Migration (PfM). Genau genommen handelt es sich um eine «Wiedereinbürgerung», so etwas wie eine nochmals erleichterte erleichterte Einbürgerung. In deren Genuss kommen seit rund fünf Jahren Interessierte, bei denen ein Elternteil einen roten Pass hat, die aber ihr Bürgerrecht «aus entschuldbaren Gründen verwirkt» haben.

Bei Eduardo Frei sieht die Sache so aus: Sein Vater, in den 60er-Jahren ebenfalls demokratisch gewählter Präsident Chiles, war zumindest einen Teil seines Lebens Eidgenosse. Kinder von Schweizern können sich neuerdings ohne grössere Probleme einbürgern lassen, sofern sie – so der Wortlaut des Gesetzes – «mit der Schweiz eng verbunden» sind. Präsidenten zweier unterschiedlicher Auslandschweizer-Organisationen in Chile bezweifeln, dass der 67-jährige Frei diese Bedingung erfüllt. Der eine sagt: «Frei hatte überhaupt keine Beziehung zur Schweiz.» Der andere erklärt, der Politiker habe «nie enge Beziehungen» zum Land seiner Vorväter gehabt, ehe er 1995 in offizieller Mission das Land seiner Vorväter besuchte.

Nicht alle Kriterien erfüllt

Als typische Fälle «enger Verbundenheit» nennt das BfM «Personen mit Wohnsitz in weit entfernten Ländern, die in den vergangenen zehn Jahren wenigstens zwei Aufenthalte in der Schweiz hatten, eine Nationalsprache sprechen, gute Kenntnisse über die Schweiz haben und speziell aktiv an Anlässen von Auslandschweizer Vereinen teilnehmen».

Wie viele der nicht sakrosankten Kriterien erfüllt der Neo-Toggenburger Frei? Nicht alle. So sind der Schweizer Botschaft in Santiago nur zwei Schweizreisen bekannt, die einige Jahre zurückliegen: der offizielle Besuch vor 15 Jahren und eine Aufwartung Anfang Jahrtausend beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Und die Landessprache? Frei ist des Italienischen mächtig. Er verfügt über Dokumente, die belegen, dass er drei Jahre in Mailand studierte. Trotzdem richtete er sich 1995 nicht nicht in einer Landes-, sondern in seiner Muttersprache an den Nationalrat. Bei Auslandschweizer-Organisationen ist Frei kein Stammgast. Er pflegt aber Kontakt zum Botschafter in Santiago, was bei der Prüfung des Einbürgerungsbegehrens positiv gewürdigt wurde.

«Niemanden bevorzugt»

Politiker von links bis rechts kritisieren die Schweizermacher des Bundes. Für Daniel Vischer, Zürcher Nationalrat der Grünen, liegt eine «offensichtliche Gefälligkeit mit fadenscheinigen Argumenten» vor. SVP-Präsident Toni Brunner sagt: «Die Gleichbehandlung wird ausgehebelt, wenn willkürlich hohe Politiker bevorzugt werden.»

Alles sei korrekt verlaufen, beteuert das BfM. «Bei uns ist niemand bevorzugt worden», sagt Helene Kromidakis von der Schweizer Botschaft in Santiago. Sie habe Frei wie andere Gesuchsteller zu einem eineinhalbstündigen Gespräch empfangen. Der Präsidentschaftskandidat habe alle Formulare ausfüllen, Fragen beantworten und für die Prüfung rund 700 Franken bezahlen müssen.

«Ein Akt der Höflichkeit»

Im Toggenburg reibe man sich die Augen, sagt Toni Brunner, der aus der Nachbargemeinde Nesslaus kommt: «Es wäre nur ein Akt der Höflichkeit, wenigstens den Gemeindepräsidenten zu informieren.» Dieser freut sich. «Es ist schön», sagt Rolf Huber, «dass wir einen prominenten neuen Bürger haben.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.01.2010, 06:54 Uhr

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28 Kommentare

Heinz Moll

12.01.2010, 08:41 Uhr
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Eduardo Freys Einbürgerung geht doch in Ordnung. Dass Bund und Kanton die Gemeinde nicht gehörig informiert und angehört haben, ist allerdings ein Toupet. Dieses schwere Versäumnis darf aber nicht unserm neuen Landsmann angelastet werden. Benvenuto, cittadino Frey! Antworten


Peter Loosli

12.01.2010, 08:06 Uhr
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Da fühlt sich jeder in der Schweiz geborene, auchgewachsene und bestens integrierte Secondo verarscht bis zum geht nicht mehr. Wie wohl allgemein bekannt sit, wird in gewissen Gemeinden abgestimmt ob ein Bewerber Schweizer wird. Klopft ein Politiker an, geht`s auch anders. Wie damals Roberto Calvi, der sogenannte Bankier Gottes, in Genf in 2 Monaten eingebürgert. Antworten



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