Muss man mit Romands Hochdeutsch reden?
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Romands diskutieren zurzeit hitzig darüber, ob Deutschschweizer mit ihnen Standarddeutsch reden sollen. Ausgelöst hat die Debatte der grüne Genfer Nationalrat Antonio Hodgers mit einem Gastbeitrag in der welschen Tageszeitung «Le Temps» und in der «NZZ am Sonntag».
In seinem Text kritisiert der 34-jährige Nationalrat, der seit Anfang 2010 für ein Jahr in Bern lebt, dass sich viele Deutschschweizer weigern, ihm gegenüber vom Dialekt ins Hochdeutsche zu wechseln. «Hält dieser Trend an, steuern wir auf ein ernsthaftes Problem mit der nationalen Kohäsion zu», schreibt Hodgers. «Ein Blick nach Belgien genügt, um zu sehen, was es heisst, wenn sich zwei Sprachgemeinschaften nicht mehr verstehen.» Der Politiker fordert deshalb seine Deutschschweizer Landsleute dazu auf, vermehrt Standardsprache zu sprechen.
«Hartnäckig» Schweizerdeutsch gesprochen
Mit seinem Plädoyer hat Hodgers in der Romandie heftige Reaktionen provoziert. In der «Tribune de Genève» rät ein Leser Hodgers, Schweizerdeutsch zu lernen. Und die Frau eines Westschweizers unterstützt Hodgers in seiner Wahrnehmung. Sie erlebe immer wieder, «mit welcher Hartnäckigkeit mit meinem Mann Schweizerdeutsch gesprochen wird», schreibt sie in der NZZ.
Auch José Ribeaud, Ex-Chefredaktor der Freiburger Tageszeitung «La Liberté», warnt vor der Mundart. In keinem Falle sollten die Deutschschweizer Kompatrioten auf ihren Dialekt verzichten, schreibt er in der Zeitung «Le Temps». Doch wenn der Dialekt ein Mittel der Diskriminierung und des Ausschlusses werde und wenn er andere Nationalsprachen verdränge, «dann ist es Zeit, dass die Lateiner ihre deutschen Nachbarn zur Räson bringen».
Schweizerdeutsch im «L'Hebdo»
Wohl einmalig ist der offene Brief des liberalen Ex-Nationalrats Charles Poncet (GE) an Hodgers, publiziert in der letzten Ausgabe des Wochenmagazins «L'Hebdo». Darin bricht er für die Mundart eine Lanze: «Wo zum Tüüfel hesch Du die Schnapsidee här, dass me d'Lüt bi däne me goht go wohne, sig's au nur vorübergehend, sott zwinge ihri Sproch z'ändere?»
Das geringe Verständnis der Romands für die Mundart lässt sich erklären. Im Gegensatz zu den Tessinern und den Deutschschweizern würden sie selbst kaum mehr einen französischen Dialekt sprechen, sagt Iwar Werlen, Professor am Institut für Sprachwissenschaft der Universität Bern. Zudem habe die französische Sprache eine stärkere assimilierende Kraft, erklärt er. «Während im öffentlichen Raum in der Westschweiz fast nur französisch gesprochen wird, hört man in der Deutschschweiz viel öfter einen Sprachenmix.»
Dies zeigten auch die Auswertungen der letzten Volkszählung, so Werlen. «Secondos, die in der Romandie geboren sind, haben viel häufiger die Landessprache als ihre Hauptsprache angekreuzt als Secondos aus der Deutschschweiz.»
Unbeliebtes Hochdeutsch
Doch das Problem der Romands ist auch ein Problem der Deutschschweizer: Es liegt in ihrem schizophrenen Verhältnis zum Hochdeutsch. «Ein echtes Hochdeutsch wird oft als arrogant empfunden», sagt Werlen. Absichtlich spreche man daher ein weniger geschliffenes Hochdeutsch, das aber gegenüber den Deutschen etwas holprig klinge. «Unsere Sprache erscheint uns dann als minderwertig. Und deshalb sprechen viele nicht gerne Hochdeutsch.» (oku/sda)
Erstellt: 08.04.2010, 09:59 Uhr
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